Foto: wscher / www.fahrradjournal.deWenn hier von Totem die Rede ist, geht es weder um Indianer noch um Sigmund Freud. Auch die gleichnamige chinesische Firma ist nicht gemeint, die Fahrräder für den Massenmarkt produziert und in die Schweiz ausliefert. Das komplette Gegenteil einer Massenware hat im Sinn, wer mit TotemBikes in Berlin-Schöneweide verabredet ist.

Der Laden ist erst ein Jahr alt und mit einer Firmenhistorie zu kommen, vielleicht etwas übertrieben. Aber die Geschichte von TotemBikes begann schon, als Inhaber Patrick Laible noch Student der Werkstoffwissenschaften war. Damals wollte er sein Fahrrad umrüsten. Gemeinsam mit einem Kommilitonen suchte er nach einer Bahnradnabe. In den Fahrradläden, in denen sie nachfragten, erhielten sie das berühmte „Geht-nicht“ oder „Ham-wer-nicht“ zur Antwort. Dem Richtigen so geantwortet, sind solche Sprüche nur Initialzündung. Der kauft sich eine Drehbank, baut sie in der Wohnung auf und dreht sich die Nabe selbst. So jedenfalls Patrick und sein Kommilitone. Und wo sie schon einmal dabei waren, fragten sie sich, warum nicht auch die Rahmen dazu bauen? Also war die nächste Anschaffung ein Schweißgerät. Darauf folgte konsequent das Löten.

Foto: TotemBikes

Nach Ende des Studiums entschied er, sich besser gleich selbstständig zu machen. „Denn wenn du erst mal als Ingenieur tätig bist, dann war es das.“ Er schrieb einen Businessplan, akquirierte Gelder und besorgte eine bezahlbare Ladenwohnung. Seine Geschäftsidee war allerdings kein weiterer Bike Shop. Zwar bekommt man im Erdgeschoss bei TotemBikes auch Liegeräder von HP Velotechnik, Fahrräder (bzw. Rahmen) von Genesis oder Ventana. Eine gut sortierte Ecke mit Fahrradliteratur fällt ebenfalls positiv auf. Und welcher Laden führt schon Yehuda Moon-Comics!

Foto: wscher / www.fahrradjournal.de

Die Schatzkammer jedoch befindet sich im Keller: Drehbank, Fräse, Rohrendenschleifer, Kappsäge, Schweißtische oder verschiedene Typen von Rahmenlehren. Denn die Idee ist eine gut ausgestattete Mietwerkstatt, in der man sich alleine oder mit Patricks Hilfe seinen Traumrahmen bauen kann. Deshalb fällt der dezentrale Standort Schöneweide weniger ins Gewicht. Die Kunden kommen aus dem ganzen Bundesgebiet und das Geschäft soll saisonunabhängiger funktionieren als der klassische Handel. Nun gibt es bekanntlich fast nichts, was es nicht schon gibt. Und Rahmenbaukurse, mit Verlaub, die gibt es woanders auch. Dazu sagt Patrick: „Ich mache den aber nicht mit fünf Leuten in einem Raum, die dann alle um eine Lehre herum stehen. Man kann zu zweit kommen, aber es wird immer nur ein Rahmen auf einmal gebaut.“ Dafür darf man unten im Keller keine Fabrikhalle erwarten. Schon von den räumlichen Bedingungen her geht es intim zu. Ein Zweimeterhühne sollte den Kopf einziehen. Aber oben auf dem Tresen liegt das TotemBike Logbuch, „analog und in Farbe“. Wie in einem guten alten Guesthouse ist dort nachzulesen, dass der Kunde zufrieden war.

Foto: TotemBikes

Dabei sind die Wünsche der Kunden verschieden: Der eine möchte das klassische Rennrad mit Muffen bauen, ein anderer einen Rahmen, der passt oder einen, den er genau so auf dem Markt nicht fand. Gefertigt wird aus Stahl. Selten aus Titan, Aluminium oder Carbon. Und manchmal sind es einfache Umbauten: Scheibenbremsaufnahmen anlöten, Cantisockel umsetzen, ein paar Zuganschläge dazusetzen oder umgekehrt entfernen. Und was kostet der Traum vom selbst gebauten Rahmen, inklusive Material und Beratung? „Ein Rahmen ohne Gabel baut man auch als handwerklich nicht allzu geschickter Mensch in zwei Tagen“, sagt Patrick, „was ungefähr auf 800 bis 900 Euro hinausläuft. Wenn man drei Tage braucht und die Gabel dazu baut, sind es ungefähr 1200 Euro. Bei Sonderwünschen wie innenverlegte Leitungen oder Edelstahl kostet es entsprechend mehr. Je nach Wunsch ist die Grenze nach oben offen.“

Foto: TotemBikes

Bereits in seiner „Hobbyzeit“ hatte er festgestellt, wie schwierig es für Kleinkunden war, an die Materialien zum Fahrradrahmenbau zu gelangen. „Und wer zehn Anlötteile braucht, der bestellt nicht in Großbritannien, wenn da 18 Pfund Frachtgebühr hinzukommt.“ Daraus wurde das zweite wichtige Standbein von TotemBikes, der Import von Fahrrad- und Rahmenbauteilen. Hauptsächlich führt er Pacenti, True Temper und Fairing. Auf Wunsch besorgt er auch Columbus oder Reynolds. Und weil die Zahl derer, die hobbymäßig Rahmen bauen steigt, bietet er über einen Webshop Rohre, Anlötteile, Bremssockel oder wasserlösliche Flussmittel an.

Foto: wscher / www.fahrradjournal.de

Auch so geht es also. Fahrradkultur spielt nicht nur in den Zentren der Städte. Trotz Discounter und Versandshops, es bleibt die originelle Idee oder das spezielle Angebot, was den Weg zum Bike Shop reizvoll macht. (Und was die Wegstrecke nach Berlin-Schöneweide angeht: Für fahrradjournal war die nur eine kleine Übung, angesichts des Bike Shops, den wir im Dezember vorstellen. Aber das wird eine andere, hoffentlich ganz verschneite Geschichte.) Weiter unten nochmals Eindrücke von TotemBikes, zu guter Letzt und immer wieder beliebt, das wirklich erste Fahrrad des Inhabers.

Infos: TotemBikes, Laden und Mietwerkstatt befinden sich in der Schnellerstraße 54, 12439 Berlin, Öffnungszeiten: Mo, Mi und Fr von 10.00 – 19.00 Uhr, Sa von 11.00 – 18.00 Uhr. „Es sei denn, der Inhaber ist unterwegs zwecks Einkauf oder Messen.“ (Website) Im Zweifel vorher anrufen oder mailen. Telefon: +49 30 95613269, E-Mail: Patrick[at]Totembikes.com, www.totembikes.com

Text: wscher / Fotos: wscher / Totem Bikes

Foto: TotemBikes

Foto: TotemBikes

Foto: wscher / www.fahrradjournal.de

Foto: wscher / www.fahrradjournal.de

Foto: wscher / www.fahrradjournal.de

Foto: wscher / www.fahrradjournal.de