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Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Tweed Ride in Berlin

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Die gute alte Zeit, die nie einmal war, stellt sich jeder anders vor. Deshalb wirft sich jeder auch in eine andere Garderobe, um ein Vehikel zu haben, für die Auszeit von der Jetztzeit auf einen Sonntagnachmittag. Es gibt Berührungspunkte mit der immer wieder aufflackernden Sehnsucht nicht nur der Deutschen nach einer anderen Kulturidentität, zum Beispiel der, „very british” zu sein: Wie es wirklich ist, britisch zu sein, wissen wir aber nicht. Das Böse wie das Gute aus der unabgegrenzten Retro-Zeitenmelange der 1920er, 1930er bis hin zu den 1940er Jahren ist historisch belegt. Wie wir selbst in dieser Ära waren, wissen wir ebenso wenig.

Entsprechend vielseitig wird die Klamotte zum Tweed Day interpretiert: Da gibt es eine puppenhaft weiß geschminkte Frau mit Strohhut und Sommerkleid. Die Figur des Engländers in Tweed-Sakko und Knickerbocker, mit Märchenschuhen und grünen Strümpfen. Ein Mann mit Notizblock, in grauem Tweed, vielleicht ein Journalist, wie ihn Balzac aus einer ganz anderen Zeit nicht besser hätte beschreiben können. Ein Damenpaar ganz in Tartan-Muster gehüllt. Zwei alte „Chaps” die wie typische Vertreter der Working Class aussehen. Wieder ein Typ in Pullover mit Schiebermütze und Gamaschen und so weiter und so fort.

Manchmal gibt es Schwierigkeiten mit der Ästhetik einer früheren Ära. Defiliert so eine Retroparade auf Fahrrädern an Passanten der Gegenwart vorüber, ist sie nicht nur ein begehrtes Fotomotiv. Teilweise befremdet sie. Zuerst will man immer diese Armbinden entziffern. Und dann gibt es da einen Typen, der soeben aus den Kolonien des Kaiserreichs zurückgekehrt scheint: Mit Haube, Rücksack und Kreuz-Orden. Das Kürzel auf dem Emblem eines historischen Fahrrades der Marke „NSU“ kann für einen Unkundigen von heute eine vollkommen andere Assoziation provozieren. Ein Teilnehmer, der Besitzer eines Geschäftes für Retrobedarf, räumt ein, dass er die bei Swing-Tänzern trotzig-ironisch begehrten Schildchen „Swing tanzen verboten” aus dem Schaufenster verbannen musste, da sie bei anderen ungute Erinnerungen an die Nazi-Tyrannei auslösten. Doch mit rechter Gesinnung hat die Retro-Ausfahrt nichts am Hut. Umgekehrt pflegen Rechte modisch auch keinen Retrostil. Und ein weiterer Mitfahrer assoziiert am Wahltag: „Ich könnte ein Sozialdemokrat der 30er Jahre sein.”

Wie schon in den vorangegangenen Jahren, rollt der Zug am Sonntag meistens brav auf Radwegen, hält sogar an roten Ampeln, auch wenn er es nicht müsste. Drei auffallend farbig gekleidete Gentlemen bringen die Ordnung durcheinander. Sie rollen lieber auf der Straße und haben nach Art des urbanem Fixie-Fahres Schwierigkeiten damit, anzuhalten. Das Trio kommt aus London und integriert für eine Kosmetikfirma seinen eigenen Gentlemen-Ride in den Tweed Day. Einer von ihnen, Peter Georgallou, beantwortet die Frage nach seinem Beruf mit „Flaneur.” Er ist sonst als Ordner auf dem London Tweed Run unterwegs. Wie erlebt er den Unterschied zum Berliner Tweed Day? „In London ist es bunter und exzentrischer. Hier ist es traditioneller.” Auch Peter weiß, dass es die gute alte Zeit eigentlich nie gab, hält aber eine Lösung für das Dilemma mit der Sehnsucht parat: „We can pretend the good old days.“

Ginge es in Berlin ein Quäntchen selbstironischer zu, wäre man vielleicht nahe dran, am Britschen. Doch der Tweed Day 2013, mittlerweile auf eine überschaubare Teilnehmerzahl geschrumpft, endet bieder auf der Terrasse eines Restaurants am Kurfürstendamm. Die ersten Wahlprognosen treffen ein und verkünden, dass es wahrscheinlich so bleibt, wie es gerade eben noch war. Eine Swingband spielt am Straßenrand für die müden Tweed Rider auf und bald für den ganzen Kurfürstendamm. Allmählich scheint der Kudamm tatsächlich in eine andere Ära zu versinken. Als das Swingtanzen noch nicht verboten war.

Text: wscher / Fotos: A. Jeltschin / wscher

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