Chicago Visitor Foto: wscher / www.fahrradjournal.deAnfang der Woche kam John Greenfield vom Grid Chicago Blog auf Stippvisite nach Berlin.  Eine zweiwöchige Reise führte ihn von der deutschen Hauptstadt über Kopenhagen bis nach Amsterdam. Von dort aus wollte er gemeinsam mit seinem Vater per Rad durch die Niederlande touren. fahrradjournal plauderte mit ihm über die Verhältnisse in Chicago, den Mary Poppins-Effekt und seine ersten Eindrücke von Berlin.

 

Grid Chicago Blog

Außerhalb des Blogs schreibt John für nationale Radmagazine und die Wochenzeitschrift New City, wo er die Kolumne Checkerboard City besorgt. Checkerboard, weil Chicago eine flache Stadt ist, dessen Straßen schachbrettartig verlaufen. Im Grid Chicago schreibt er seit Juni 2011 gemeinsam mit seinem Kollegen Steven Vance über nachhaltigen Transport, die Belange von Fußgängern, Fahrradfahrern und den ÖPNV im Raum Chicago.

Dank Partner Steven und weiteren Gastbloggern wird das Blog täglich aktualisiert. Und zu berichten gibt es einiges, besonders seit Rahm Emanuel im letzten Jahr Chicagoer Bürgermeister geworden ist. Die Wahlversprechen des ehemaligen Obama-Beraters klangen gut, jetzt geht es an die Umsetzung. Dazu gehören der Bau von 100 Meilen separat geführter Radwege und die Einführung eines Fahrradverleihsystems für die drittgrößte Stadt der USA. Außerdem die Umsetzung des Blomingdale Trails.

 

Der Blomingdale Trail

Eine spannende Geschichte dürfte die mehr als vier Kilometer lange ehemalige Hochbahntrasse der Bloomingdale Line sein. Sie soll in einen schmalen Park für Fußgänger und Radfahrer umgestaltet werden. Ein grüner Weg, der sich mitten durch die Stadt zieht. Umweltaktivisten forderten das schon seit vielen Jahren. Die Umsetzung ist allerdings mit nicht geringen Kosten verbunden. Wer sich für das Chicagoer Projekt interessiert, hier eine kleine Einführung:

 

Trotz Portland — wie sieht die amerikanische Wirklichkeit aus?

Morgen muss John Greenfield unbedingt Straßenbahn fahren, die Chicagoer wurde bereits in den 1950-er Jahren zugunsten des Autoverkehrs aufgegeben. Amerikanische Städte sind autogerecht. Und trotz Aufbruchstimmung ist der Anteil der Fahrten, die in Chicago mit dem Rad zurückgelegt werden, eher mäßig. Portland (Oregon), mit seinen nicht ganz 600.000 Einwohnern ist bekanntlich die Stadt, auf die man in den USA schaut, so wie man bei uns nach Kopenhagen oder Amsterdam blickt. Wenn in Portland sechs Prozent aller Fahrten mit dem Rad zurückgelegt werden, sei das schon sechs Mal so viel wie in Chicago, sagt John Greenfield. In der Vergangenheit wurde nicht besonders viel getan, die Attraktion des Autofahrens zu beschneiden, nach wie vor ein sensibles Thema in den USA. Der Hauptgrund nicht Fahrrad zu fahren aber sei die Angst vor Unfällen. Für Radwege gäbe es kaum Platz, dafür müssten zumindest Parkplätze weichen. Dagegen stehen u. a. eine gesetzlich bindende Mindestanzahl für Parkplätze bei Neubauten. Außerdem sei der Benzinpreis einfach viel zu billig.

 

Der Mary Poppins-Effekt

Und was könnte neben verkehrspolititischen Themen demnächst auf Grid Chicago zu lesen sein? Zum Beispiel ein Erfahrungsbericht über den sogenannten „Mary Poppins-Effekt“. Darauf hatte ihn eine Bloggerkollegin von Let´s go ride a Bike  gebracht. Dabei geht es um die Frage, ob Radfahrer/innen in unterschiedlicher Kleidung anders wahrgenommen und behandelt werden. Weil John ein Mann ist und der Filmpartner von Mary Poppins-Darstellerin Julie Andrews Dick Van Dyke hieß, wird er wohl eher von einem „Dick van Dyke-Effekt“ sprechen. Dazu will er einmal in Lycra auf einem Rennrad, dann im Anzug auf einem Pashley durch Chicago fahren: „Wirst du schlechter behandelt, je eher du wie ein typischer Fahrradfahrer aussiehst?“ Das Ergebnis wird wohl bald auf seinem Blog zu lesen sein.

 

Entspanntes Radfahren in Berlin

Übrigens hatte John Greenfield für die Erkundung europäischer Städte sein eigenes Rad mitgebracht. Wie klingen also Berliner Verkehrsverhältnisse aus der Perspektive eines Amerikaners, der gerade dem Flugzeug entstiegen und seine allererste Berlinerkundung hinter sich hat? Entspannte Atmosphäre, angenehmes Fahrradfahren, Autofahrer wie Fahrradfahrer schauen viel und nehmen Rücksicht aufeinander, lautet das Fazit. Deshalb sieht er auch keinen Grund einen Helm zu tragen. Und dann gäbe es hier so viele Radwege — verglichen mit amerikanischen Standards. Aber die, räumt er ein, seien auch um einiges niedriger als in Europa.

 

Chicago Visitor Foto: wscher / www.fahrradjournal.de
Text und Fotos: wscher / Video: ChicagoArchitectureFoundation

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