Rezension: Bicycle Diaries Cover: Fischer Verlag

Bicycle Diaries: Im Lonely-Planet-Guesthouse

Der New Yorker Künstler und Sänger der ehemaligen Talking Heads hat ein Buch unter dem Titel „Bicycle Diaries“ veröffentlicht. Neben Ausflügen in die Welt der Architektur, der Galerien und der Musik, handelt ein Teil des Buches tatsächlich vom Fahrradfahren.

 

Die Maschinen haben gewonnen
Cover: Fischer Verlag

Die Reise durch neun Metropolen startet mit der großen Frustration: der Erkundung amerikanischer Städte. Ausgehend von Baltimore, wo Byrne aufwuchs, rollt er auf seinem Klappfahrrad durch Städte wie Detroit, Sweetwater, New Orleans und Pittsburg. Nahezu überall haben Autobahnen und Schnellstraßen Schneisen durch Stadtviertel gerissen und die Städte zerstört, die sie ursprünglich verbinden sollten. Wie im Film „Terminator“ haben die Maschinen gewonnen. Das Ergebnis sind Parkplatzwüsten, Trostlosigkeit, Einkaufscenter, tote Zonen, mit entsprechenden Folgen wie Gettoisierung oder Stadtflucht in Schlafstädte außerhalb der Zentren. Die sind zwar weder fahrrad- noch fußgängerfreundlich. Doch Byrne findet es lange Zeit einfach surreal und „weird“ durch „kurz vor dem Zusammenbruch stehende Vororte zu fahren“, dort, wo er nicht hingehört, zum Beispiel auf dem Seitenstreifen einer Schnellstraße. Wenn der Musiker Byrne noch vor dem Hurrikan „Katrina“ nach New Orleans kommt, lichtet sich das Bild etwas. Die Stadt ist kaum von Autobahnen zerschnitten. Im Gegensatz zu anderswo in den USA steht hier das Leben im Mittelpunkt.

 

Paradies Europa

Anschließend führen Byrnes Notizen nach Europa. Im Anflug auf Berlin entdeckt er eine Landschaft, die zur Ordnung gerufen wurde. Die Europäer hegen ihre Gartenlandschaften und denken nachhaltig. Selbst die Bäume der Wälder stehen in Reih und Glied, die Straßen sind hübsch glatt. Entsprechend erscheint ihm Berlin wie der Kurort Bad Fallingbostel: Auf den Fahrradwegen parken keine Autos, die Radfahrer fahren weder auf den Straßen noch auf den Gehsteigen, die meisten Radfahrer halten an den Ampeln, die Fußgänger wiederum halten sich von Radwegen fern. Er erinnert sich an ein West-Berlin, in dem Autos „kreuz und quer auf Gehwegen geparkt und nie abgeschleppt“ werden, und wo er sein Rad bedenkenlos ohne Schloss auf den Hinterhöfen lässt. Berliner dürften solche Zustandsbeschreibungen zumindest überraschen. Sie können nur durch die Erfahrung amerikanischer Städte oder durch das Alter der Texte erklärt werden.

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Starke Momente in New York

Auf dem Weg durch Metropolen wie Istanbul, Buenos Aires oder Manila fällt ihm ein Sammelsurium von Themen ein: Architektur, Religion, Rassismus, Darwinismus, Gentrifizierung. Manchmal, etwa in Australien, folgt ein Stückchen ganz erquicklicher Reiseliteratur mit dem Auto (!) durchs Aboriginal-Land. Doch Byrne ist nicht Cees Nooteboom, der das kulturelle Erbe eines Fleckens über eine Land- oder Straßenszene auffächert. Selten gelingen ihm Momente, die ins Geschehen hineinziehen. Etwa wenn in New York eine Nonne auf dem Skateboard vorüberscheppert oder Byrne beim New York Marathon anstelle des Siegers den allerletzten Läufer zu entdecken glaubt. „… seine Marathonnummer hing schief, und ich glaube, er rauchte eine Zigarette, während er in leichter Schräglage die Straßen entlang ging.“ Das Kapitel über New York ist vielleicht das stärkste. Hier gelingt auch einmal ein spannendes Bild: Wenn er mit dem Fahrrad unter erloschenen Werbetafeln vorüberkommt, rollt da eben ein Typ auf dem Fahrrad mitten durch die Metropole, die plötzlich ohne Strom dasteht, während die Menschen zusammenrücken …

 

Schlimme Relativierungen – wenig Originelles

Oft aber erinnert Byrnes Blick vom Fahrrad auf die Welt an weitschweifigen Globetrottertalk beim Bier in einem Lonely Planet Guesthouse. Die Assoziationen sind altbacken: An Gebäuden, Kleidungsstücken und Accessoires entdeckt er die wahren Nationalfarben, die die kulturelle Identität der Deutschen ausmachen sollen: gelb, „mit einem dumpfen Schwefelstich“, grün (dumpfer Waldton), braun (Schlammbeige, Erdbraun). Heikler wird der kosmopolitische Alles-Betrachter, wenn er den jüngsten Bildersturm in Berlin am Beispiel des Palastes der Republik zur Sprache bringt. „Die Entfernung dieses psychischen Schandflecks wird kontrovers gesehen, weil ein markantes Mahnmal des früheren Regimes und der jüngeren Landesgeschichte ausgelöscht wird – „genau wie die Nazis einst jüdische Büros und Häuser beschlagnahmten und einem neuen Zweck zuführten und die Kommunisten dann später Nazi-Gebäude für ihre Zwecke ummodulierten und umbenannten.“
Häufig sind die Gegenstände seiner Beispiele nun wirklich nicht miteinander vergleichbar:
„Ob in Israel, Palästina, Süddakota oder Tibet – überall hat sich eine Gruppe das Land einer anderen angeeignet.“ Über die Frage der Grundstücksrückgabe kommt er auf die Gerechtigkeitsfrage, was darin endet: „Kann jemand überhaupt mit Recht sagen, das ist mein Land? Ich glaube, in den meisten Fällen nicht. Und genau dort liegt vielleicht irgendwo die Antwort.“

Aufgrund vieler wiedergekauter Erleuchtungen ist das Buch nicht besonders originell. Einmal erhellt Byrne die Relativität des Schönheitsbegriffs und die heimliche Rolle, die die Biologie bei der Bewertung körperlicher Schönheit spielt. Ein anders Mal erläutert er die „beiden großen Selbsttäuschungen“, dass das Leben einen Sinn hätte und dass jeder von uns einzigartig sei. Und: Dass Religionen den Zweck haben, uns trotzdem Weitermachen zu lassen.

 

Allrounder aus dem Weltverbesserungsmilieu

Die Abschnitte übers Fahrradfahren dagegen sind wie die Schnipsel einer Collage, die am Anfang, mittig oder am Ende eingeklebt sind. Selbst wenn noch ein Epilog über die Zukunft der Fortbewegung nachgeschoben wird, hinkt das Buch aufgrund städtischer Entwicklungen etwas hinterher.
So ergeht es dem, der vor Jahren geschriebene Blogeinträge als Buch veröffentlicht. Erstaunlich, dass das so ganz ohne editorische Notiz auf dem Markt geworfen wurde. Wem trotzdem danach ist, der erhält zumindest ein Dokument der vergangenen Dekade, zugleich Einblick in das Denken eines amerikanischen Allrounders mit europäischen Tupfern aus dem Weltverbesserungsmilieu. Byrne schreibt übrigens noch immer in seinem Blog.

Rezension: Wolfgang Scherreiks

Infos: David Byrne: „Bicycle Diaries: Ein Fahrrad – neun Metropolen“. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2011, 363 Seiten, 19,95 Euro

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