Foto: interfilm

Bike Shorts 2012 Highlights

Foto: interfilmUm die Vorfreude auf die Filme der Bike Shorts herauszukitzeln, ohne die Pointen zu verraten, seien vier der zehn Filme kurz vorgestellt. Nicht zuletzt Filmtipps für alle, die nicht dabei sein können, denn ein Teil der Filme lässt sich durchaus im Netz googeln. Nur das soziale Get-together im Kinoraum ersetzt den Screen noch nicht wirklich. Hier kommen unsere Favoriten:

 

A Bicycle Trip, Italien 2007

Im Jahre 1943 vergiftete sich Albert Hoffmann zufällig mit der Substanz LSD. Noch bevor das Zeug verwässert auf die Straße kam und suchtaffine Menschen drauf hängen blieben, traf sich sein Entdecker mit Freunden zu geplanten Reisen auf reinstem Labor-LSD, aus denen sie später mit Ritualen wie einem guten Rotwein wieder zurückkehrten. Im „Handbuch der Rauschdrogen“ von Wolfgang Schmidbauer und Jürgen vom Scheidt (Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004) lässt sich das Protokoll eines ersten bewussten Selbstversuches nachlesen:

„16:20 Einnahme der Substanz, 17:00 Beginnender Schwindel, Angstgefühl, Sehstörungen, Lähmungen, Lachreiz. Mit Velo nach Hause. Von 18 – ca. 20 Uhr schwerste Krise, siehe Spezialbericht: Die letzten Worte konnte ich nur mit grosser Mühe niederschreiben. […] die Veränderungen und Empfindungen waren von der gleichen Art [wie gestern], nur viel tiefgreifender. Ich konnte nur noch mit grösster Anstrengung verständlich sprechen, und bat meine Laborantin, die über den Selbstversuch informiert war, mich nach Hause zu begleiten. Schon auf dem Heimweg mit dem Fahrrad […] nahm mein Zustand bedrohliche Formen an. Alles in meinem Gesichtsfeld schwankte und war verzerrt wie in einem gekrümmten Spiegel. Auch hatte ich das Gefühl, mit dem Fahrrad nicht vom Fleck zu kommen. Indessen sagte mir später meine Assistentin, wir seien sehr schnell gefahren …“

Wie sich nach Einnahme der Droge im fliegenden Wechsel die Welt verändert, wie sie zerbricht oder droht, aber auch verzaubert und schön werden kann, bis hin zur Rückkehr in eine sehr nüchterne Wirklichkeit, wurde in wunderbaren Zeichnungen und mit sehr viel Fantasie in dem italienischen Animationsfilm „A Bicycle Trip“ von Lorenzo Veracini und Nandini Nambiar umgesetzt. Dieser Film verzaubert garantiert auch ohne Einnahme chemischer Zusätze.

Foto: interfilm

Gusztáv csal, Ungarn 1975

Vielleicht kommt der Tag, an dem auf den Bike Shorts oder ähnlichen Veranstaltungen auch historische Velofilme aus der Cinémathèque française zu sehen sein werden. Gelohnt hat sich der Griff in die Mottenkiste, um Fahrradfilme aus einer anderen Ära vorzustellen, bereits mit dem ungarischen Film „Gustavus Cheats“ von Marcell Jankovics aus dem Jahre 1975. Die Szenen um Gustav, der immer neu ausprobiert, wie er die Konkurrenten beim Radrennen dreist aufs Kreuz legen kann, um selbst an die Spitze zu kommen, gelang als flippige Trickfilmkomödie. Beim ersten Hinsehen erinnert der Film ein wenig an Bruno, das HB-Männchen, wer kennt den noch? Doppelt politisch unkorrekt kommt an dieser Stelle deshalb ein alter Werbefilm, angesiedelt zwischen Motorisierungsbestreben und Tabakwerbung:

 

Scraper Town, USA 2010

Man könnte behaupten, „Scraper Town“ aus den USA verfrachte das filigrane „The Cyclotrope Experiment“ als praktische Anwendung in ein sogenanntes „Problemviertel“. Denn es sind die harten Jungs einer Bike Gang, die hier einen ähnlichen Schaueffekt erzielen, wenn sie mit bunt geklebten Rädern durch die Straßen Oaklands (angeblich 150 Straßenmorde jährlich) kreuzen und dadurch wieder unheimlich nach Peace aussehen. Der Film Scraper Town findet sich übrigens auch auf der Website California is a place, auf der es weitere Filme zu entdecken gibt.

Bike Race, USA 2012

Das Beste kommt natürlich zum Schluss. Animationsfilm-Macher Tom Schroeder arbeitete mit Jazzdrummer Dave King zusammen. Heraus kam eine Mischung, die wegweisend sein könnte, wenn man wie bei den Bike Shorts nach dem „Filmischen“ im Fahrradfilm sucht und dabei gleichzeitig verschiedene Zuschauergruppen unterhaltend zusammenbringen möchte. (Mehr zu diesen Absichten im fahrradjournal-Interview mit Bike Shorts Kurator Christoph Schulz.) Lance versus Eddy heißt es in „Bike Race“. Dafür muss niemand radsportbegeistert sein, aber kaum ein Radsportbegeisterter wird sich der Faszination dieses Films entziehen können. Und alle die, die animierte Filme mögen, in denen auch eine gute Geschichte erzählt wird, dürften sich ebenfalls daran begeistern. Musik, Zeichnung, Wettkampf und eine Liebesgeschichte beflügeln sich gegenseitig wie ein gut jammendes Orchester. Doch sagen Filme einfach mehr als Worte. Wie smart und ideenreich Schroeder zum Sound von Dave King  Geschichten zeichnet und erzählt, beweist schon sein erster Film „Bike Ride“, mit dem dieser Beitrag endet:

 

Text: wscher / Fotos: interfilm Berlin / Videos: Kruse Filme / Tom Schroeder

Info: Die Bike Shorts laufen am Donnerstag, 15.11., 21.oo Uhr im Roten Salon in der Volksbühne und am Sonntag, 18. November, 17.00 Uhr in den Passage Kinos. Weitere Informationen gibt es auf der Website des Veranstalters.

 

WERBUNG
[adrotate banner=“9″]

About the author

fahrradjournal

View all posts

1 Comment

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *