Cover: Prestel VerlagAm Anfang war das Licht

„Es war das Licht, die Bewegung und die urbane Szene“, sagte Mikael Colville-Andersen einmal über das erste Foto, welches er zufällig von einer elegant gekleideten Dame schoss, als er im November 2006 gerade auf dem Weg zur Arbeit war. Als Kopenhagener hätte er das Fahrrad überhaupt nicht bemerkt.

Aber er machte noch mehr Fotos von elegant geleideten Frauen auf Fahrrädern und stellte sie in einen Blog. Damit hatte der Journalist, Filmemacher, Fotograf und „Urban Design“ Berater seine Nische gefunden. Mit dem urbane Gestaltungskonzept „Copenhagenization“ und mit dem 2007 gegründeten Blog „Copenhagen Cycle Chic“ und seinen weltweiten Ablegern wurde er populär.

„Zeitungen wie die New York Times, bringen mindestens zwei Mal pro Saison einen Artikel über Cycle Chic, und darüber, wie Leute ihre Fahrräder fahren, ohne eine große Sache daraus zu machen,“ witzelt Eben Weiss alias Bike Snob NYC in seinem neuesten Buch über die Cycle Chic-„Bewegung.“ Und weiter: „Dabei ist es wirklich offensichtlich, dass sie eine Riesensache daraus machen.“

Tatsächlich soll beim Cycle Chic die Person im Vordergrund stehen, der Stil geht immer vor der Geschwindigkeit, Funktionskleidung und jede speziell fürs Radfahren hergestellte Klamotte gilt als verpönt.

 

Das Manifest

Er habe es immer anderen überlassen, zu definieren, was Cycle Chic ist, schreibt Colville-Andersen einleitend im Buch „Cycle Chic“. Allerdings folgt das Cycle Chic-Manifest gleich auf der nächsten Seite. Stil-Manifest wäre wohl auch keine schlechte Bezeichnung, dessen Sätze im Deutschen nicht ganz so cool klingen, wie im englischen Original:

  • Ich verpflichte mich dem Cycle Chic, und werde stets Stil vor Geschwindigkeit wählen.
  • Ich stehe zu meiner Verantwortung, visuell zu einer ästhetisch ansprechenden urbanen Landschaft beizutragen.
  • Ich bin mir bewusst, dass meine Präsenz in besagter Landschaft andere inspirieren wird, ohne dass ich als „Fahrradaktivist” gelabelt werde.
  • Ich werde stets mit Anmut, Eleganz und Würde fahren.
  • Ich wähle ein Fahrrad, das meine Persönlichkeit und meinen Stil reflektiert.
  • Ich werde ein Fahrrad als Transportmittel und Bereicherung meines persönlichen Stils betrachten, aber niemals erlauben, dass es mir die Schau stiehlt.
  • Ich werde danach streben, dass der Gesamtwert meiner Kleidung immer den Wert meines Fahrrads übersteigt.
  • Ich werde meine Accessoires in Übereinstimmung mit den Standards der Fahrradkultur wählen und, wo möglich, einen Kettenschutz, Ständer, Rockschutz, Schutzbleche, Klingel und Korb anbringen.
  • Ich werde die Verkehrsregeln respektieren.
  • Niemals will ich jegliche Form von Fahrrad-Funktionskleidung tragen oder besitzen.

(Quelle: Colville-Andersen, Cycle Chic, Prestel Verlag 2012)

Da so ein Manifest der eingeforderten Individualität im nächsten Schritt gleich wieder Regeln auferlegt, muss die Sache wohl eher ideell gelesen werden. Anderenfalls wäre der Betrachter eines typischen Cycle Chic Strandfotos zu der heiklen Spekulation gezwungen, ob der Gesamtwert der leichten Badebekleidung einer Dame tatsächlich den ihres City Bikes übersteigt, während ein Funktionskleidungsfetischist (zumindest der Preise halber)  auf selben Rad triumphieren könnte.  Deshalb kann man Cycle Chic kurz und gut als eine (Wieder-) Bewusstwerdung des modischen Radelns im städtischen Raum nehmen, nachdem das Fahrrad für lange Zeit als nicht so sexy galt.

 

cyclechic_newphotos / Foto: M. Colville-Andersen

Cycle Tease, Cycle Girls

Der Fotoband zelebriert die urbane Alltagsfahrradkultur, die offenbar dazu taugt, aus den Städten „ein Fest für unsere Sinne zu machen.“ Besonders für den Fahrradfahrer. So schreibt Colville-Andersen in einem der knappen Einleitungstexte zu den Kapiteln des Buches, dass er davon überzeugt sei, dass man beim Radeln nicht nur Regen und Schnee, sondern selbst das Sonnenlicht auf den Lippen schmecken kann.

Sortiert nach „Farbe, Muster, Haltung“, „Draussen unterwegs“, „Tandem“, „Zeitlose Eleganz“ sowie „Liebe zum Detail“ werden Schnappschüsse aus allen Teilen der Welt präsentiert. Menschen, die bei jedem Wetter mit individueller Garderobe aufs Rad gestiegen sind. Verliebt radelnde Paare, Kinder einmal Huckepack, einmal auf der Stange, Schoßhunde im Fahrradkorb, große Hunde auf dem Lastenrad, Frauen und Mädchen in Minis auf dem Hollandrad, Frauen in Kleidern auf dem City Bike. Ziemlich oft geht’s frei nach „The Bicyle Song“ von Poul Henningsen zu: „Sweet shoes on pedals, cycle tease, cycle girls.“ Fotos mit Männern finden sich vermehrt im Kapitel „Zeitlose Eleganz“. Die fahren dann doch schon mal Pedersen-, Pashley Guv´nor- oder Velorbis Leikier-Räder. Mit das schönste Foto bleibt ein kontrastreiches Bild aus Japan. Da fährt links eine Frau mit Regenschirm auf einem Alltagsrad. Der Betrachter sieht sie von hinten. Ihr entgegen kommt von rechts eine Gruppe in Lycra gekleideter Rennradfahrer. Trotz bester Ausrüstung und Leistungsbereitschaft dieser Truppe. Schlichte Anmut siegt hier im Vorübergehen über jede Anstrengung.

Das hätte auch eine dieser Bildunterschriften sein können, die, wie in vielen anderen Fotobänden auch, wenig Vertrauen in die Kompetenz des Betrachters verraten. Oder in die Aussagekraft eines Bildes. Muss ein Foto wirklich mit „Sommerzeit ist Hochsaison für Radfahrer“ untertitelt werden? Andererseits lesen sich wahrscheinlich nur Rezensenten zuerst durch die Bildunterschriften eines Fotobandes. Was hier zählt, sind nun einmal die witzig-leichten und lebensbejahenden Schnappschüsse. Die anzuschauen, macht wirklich Spaß.

 

Vienna calling

Die Premiere der deutschsprachigen Ausgabe des Buches findet heute übrigens in Wien statt,  in Anwesenheit von Mikael Colville-Andersen, dem Vienna Cycle Chic Blogger Paul Rasper und dem Fahrradbeauftragten Martin Blum:
18.00 – 19.00 Uhr Get-together mit Welcome Drinks, Snacks und Musik
19.00 Uhr Buchpräsentation & Diskussion
20.00 – 22.00 Uhr Cycle Chic – Party
Ort: FahrRADhaus Wien, 1., Friedrich-Schmidt Platz 9

Text: wscher / Cover: Prestel Verlag / Fotos: Mikael Colville-Andersen

Mikael Colville-Andersen, Cycle Chic″, Prestel Verlag 2012, geb., 288 Seiten, 300 farbige Abbildungen, 19,95 Euro, (20,60 [A], 28,50 [CHF]

Noch mehr Cycle Chic aus Kopenhagen und zur Wiener Premiere natürlich von Vienna Cycle Chic.

Das könnte auch noch interessant sein: Die Buchrezension von Cycle Style


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