Cycle Style Cover: Prestel Verlag

Cycle Style

Cycle Style von Horst A Friedrichs Cover: Prestel VerlagIch habe mich gefreut, als ich den Fotoband „Cycle Style“ von Horst Friedrichs endlich in den Händen hielt. Nach „I love my bike“ von Brittain Sullivan and Matt Finkle, und noch vor „Cycle Chic“ von Mikael Colville-Andersen, hier also das Buch, das sich vornehmlich einer „Fahrradkultur“ in London widmet.

Da wird eine illustre Gesellschaft porträtiert: Tätowierte Bike-Polo-Spieler, Fixiefahrer/innen, Rahmenbauer in ihrer Werkstatt, stolze Tweed-Rider in Knickerbockern und Kniestrümpfen, die Rad fahrende Lady im Kostüm, diverse Dandy-Paare, Savile-Rowe-Gänger vor der Maßschneiderei, Alltagsfahrerinnen mit Citybike, aber auch mal ein Lycra-Träger nebst Rennrad, bis hin zum klassischen Designertypen. Das alles oft sehr britisch gestylt. Wobei sich wieder einmal bestätigt, dass es sich hierbei mehr um Stilbewusstsein, als um irgendein ein No-Go bei der Wahl der Garderobe handelt.

Im Buch gibt es aber auch Detailaufnahmen von schönen Fahrrädern zu sehen. Etwa ein Singlespeed der englischen Traditionsmanufaktur Hetchins, ornamentierte Kettenblätter, einige Hochräder („Penny-farthings“), natürlich einen betagten Brooks-Sattel oder ein Pin-up-Girl, das sich beinahe wie eine Galionsfigur auf einem Steuerrohr rekelt.

Ich habe das Buch bei Gelegenheiten schon mündlich empfohlen. Dabei widersprach mir kürzlich ein Fotograf. „Cycle Style“, das sei ihm viel zu kalt editiert. Wenigstens bräuchte es doch eine Geschichte zum Bild. Tatsächlich gibt es bis auf das Vorwort und ein paar Zeilen auf den letzten Seiten keinen erläuternden Text zu den jeweiligen Fotos. Dafür gibt es meiner Ansicht nach fantasievollere Möglichkeiten für den Betrachter eines Fotobandes. Warum sollte sich der Rezipient nicht eine Geschichte zum betrachteten Gegenstand erfinden dürfen? Wer zu jedem Bild die Biografie mitgeliefert bekommen will, muss mit Enttäuschungen rechnen. Natürlich bliebe, auch nicht unspannend, die Recherche.

Zum Beispiel ist das Pashley Guv´nor das Vehikel einiger Porträtierter. Ein Besuch auf der Website der Guvnors´ Assembly, das ist ein Klub von Besitzern eines solchen Rades, könnte Aufschluss bieten. Einige der Fotografierten haben ohnehin die Werbetrommel gerührt, so die lachende Dame im punktierten Kleid, die auf dem Rückumschlag zu sehen ist. Das ist die Bloggerin Jools Walker alias Vélo-City-Girl, die im Band gleich mehrmals auftaucht. Auch der Designer Paul Smith dürfte kein Unbekannter sein. Man kann alles hübsch rauskriegen. Nur, wo sollte dieses Wissen hinführen?

Statt kriminalistischer Spurensuche erscheint eher ein Lob fällig, für die mutige Reduzierung auf Held bzw. Heldin mit Kultgegenstand. So sprechen die Bilder für sich. Natürlich geht es wieder einmal um Inszenierung, aber auch um „Attitude“ und Individualität, soweit Individualität dem Äußeren nach in bestimmten Subkulturen tatsächlich möglich ist. Heraus kommt eine ernste, legere oder (selbst-)ironische Komposition aus Typus, Garderobe und Fahrrad. Der Verlag hat sich dann noch den hübschen Gag erlaubt, auf dem Buchrücken das berühmte „Celeste“ von Bianchi zu imitieren.

So eine Fotosammlung macht Spaß und dient natürlich der Bestätigung, der Entdeckung, dem Nach- und Andersmachen, vielleicht ja auch der Initiation. Na klar: Fotos gibt es mittlerweile abundant im Netz. Aber nicht in dieser speziellen Auswahl und fotografischen Qualität, was ja überhaupt ein bisschen die Krux des Internets ist. Und schließlich liefert das Blättern durch einen Fotoband nach wie vor etwas, das kein Flickr-Album je bieten wird: eine haptische Qualität.

Horst A. Friedrichs, „Cycle Style“, Englisch, Prestel Verlag 2012, geb., 176 Seiten, 200 farbige Abbildungen, 24,95 Euro

Text: wscher / Cover + Video: Prestel Verlag / Randomhouse Online

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