Buch-Cover: www.mairisch.de

Kann man ein wissenschaftliches Experiment gewinnen?

Der Titel verheißt nichts Gutes. „Philosophie des Radfahrens. „Wieder eines der Bücher, die Philosophie mit alltäglichen Themen unterhaltsam und amüsant verknüpfen? Lehrerprosa à la Richard David Precht: Wissen zusammengefasst und mundgerecht serviert? Wer das erwartet, wird dieses Buch wütend und enttäuscht in die Ecke werfen.

Denn die im mairisch-Verlag publizierte Anthologie von Aufsätzen versammelt AutorInnen, die ihr Geld als Philosophen verdienen und es als Radfahrer wieder ausgeben. Praktische Erfahrung ist in den Beiträgen stets der Ausgangspunkt der Überlegungen. Dabei entstehen keine großen Welterklärungen, aber manchmal kleine.

So schlägt beispielsweise die ehemalige Radsportlerin und heutige Philosophieprofessorin Heather L. Read vor, Radsportrennen als „Wahrheitsproduktionen“ zu betrachten. Die Sportveranstaltungen ähnelten wissenschaftlichen Experimenten: die Zahlen und Daten, die bei jedem Wettkampf entstehen, durchdachte Ernährung, rational geplantes Training vor dem Rennen, die genaue Beachtung der Regeln, um vergleichbare Ergebnisse zu erzielen, sie würden als mustergültige wissenschaftliche Versuchsanordnung taugen. So betrachtet könnte sich z. B. Doping als ein Erkenntnisproblem erweisen. Andere Fragen wären:

Verfälschen besonders leichte, aerodynamische Räder den Wahrheitsgehalt des Ergebnisses oder machen sie es genauer? Ist Leistung Selbsterkenntnis oder eher Selbstproduktion? Kann man ein wissenschaftliches Experiment gewinnen?

Dass im normierten, geregelten Sport informelle Regeln eine sehr wichtige Rolle spielen, untersuchen Andreas De Block und Yannick Joye am Beispiel des „fünftgrößten Belgiers“ Eddy Merckx. Anhand seiner Geschichte beschäftigen sie sich mit der Frage, was sportliche Fairness in der Praxis bedeutet. Als informelle Regel ist sie nirgends verbindlich definiert, gilt aber trotzdem als „selbstverständlich“. DeBlock und Joye präsentieren keine Lösung des Problems, sondern beschreiben differenziert die komplizierten Beziehungen von Rennfahrern, „Helfern“, „Edelhelfern“, Publikum und Medien.

Auffallend oft verwischen sich die Grenzen zwischen informellen und formellen Regeln im Sport. Bryce T. Dyer zitiert beispielsweise in seinem Beitrag über das Zeitfahren die „Weltdopingagentur“, welche Doping u.a. dann als illegal einstuft, „wenn es dem Sportsgeist zuwiderläuft“. Vielleicht könnte man sagen, die formellen Regeln haben im Sport eine Doppelfunktion: Einerseits sind sie Teil der Versuchsanordnungen, andererseits sollen sie den regelrechten Ablauf derselben garantieren. Raymond Angelo Bellioti bringt es in seinem Beitrag auf den Punkt: Es wird eine Regel aufgestellt, die nur den Zweck hat, zu verhindern, dass sie nicht beachtet wird.

Diese Selbstbezüglichkeit hat zur Folge, dass jede Aussage, die über das Messen und Vergleichen von Daten und Zeiten hinausgeht, von „außen“ definiert werden muss. „Sportsgeist“, Fairness und auch das Bezeichnen von Gewinnern und Verlierern gehören dazu. Sie machen den Sport erst attraktiv, geben ihm Geschichten und machen verständlich, warum bei diesem naturwissenschaftlichen Experiment Millionen Zuschauer mitfiebern.

 

Anarchie und Gemeinwohl

Die schwächeren Beiträge thematisieren das alltägliche Radfahren in der Stadt und problematisieren den öffentlichen Raum. Im Gegensatz zum Sport, der gerade im Spannungsfeld fester Regeln und dem Gegensatz von Außen und Innen existiert, ist der öffentliche Raum Ergebnis steter Verhandlungen. Der Regelbruch ist konstitutives Element.

Die Beiträge dazu sind leider etwas oberflächlich. Sie lesen sich teilweise wie politische Werbebroschüren und klingen selbstgefällig. Mal wird die eigene Position als basisdemokratisch, „anarchistisch“ gelobt (San Francisco! „Critical Mass Day“!), mal als vernünftiges Gemeinwohl, dem nur Unbelehrbare widersprechen würden (Kopenhagen!)

Der sympathischste Beitrag ist leider auch der banalste. Robert H. Haraldsson beschreibt die Wonnen des Radfahrens in der Natur, die gesunden Folgen und gibt den Rat, dass man nicht auf das Geschwätz der Kollegen hören und es lieber selbst ausprobieren sollte. Die Weise, wie er seine Fahrten beschreibt, ist allerdings sehr schön, und vermittelt etwas von dem Glücksgefühl, das eine Radfahrt im besten Fall bescheren kann.

Unverständlich, dass gerade zum Alltag und zur Verkehrspolitik so wenig thematisiert wird, obwohl dort momentan große Veränderungen stattfinden. Der Anteil der RadfahrerInnen am Verkehr in den westlichen Ländern steigt weiter (in der BRD nach neuesten Meldungen auf durchschnittlich 10%), was sie als Verhandlungspartner unumgänglich macht. Städte müssen auf lange Sicht ihre Infrastruktur verändern. Gleichzeitig laufen Sicherheitsdiskurse und Aufwertungsprozesse, die das alltägliche Radfahren verändern werden. Die Tendenz zur Verdichtung der Innenstädte und die damit verbundene Verdrängung der Einkommensschwachen an den Stadtrand mit langen Anfahrtswegen zu den Arbeitsplätzen, Schulen, Einkaufsgelegenheiten sowie der inflationär steigende Warenverkehr werden wiederum zur Stärkung herkömmlicher Verkehrsmittel und Infrastruktur führen. Diese Umbrüche, Aneignungsprozesse und Institutionalisierungen sind Herausforderung, neue Denkmodelle zu entwickeln und Kritik. Hier wären wesentlich spannendere Artikel zu erwarten gewesen und vielleicht auch ein Blick auf nicht-westliche Gesellschaften, in denen das Rad teilweise den Verkehr prägt, ohne kulturell aufgewertet zu werden oder stadtplanerischer Regelwut zu unterliegen.

Im Ganzen ist die „Philosophie des Radfahrens“ zu empfehlen. Sie bietet intelligente Lektüre für die U-Bahn oder den Abend zuhause nach einer anstrengenden Autofahrt.

Und wenn die Helm- und Kennzeichnungspflicht durchgesetzt und Bußgelder erhöht sind, Fahrradstaffeln der Polizei patrouillieren, umfangreiche Ausrüstung vorgeschrieben, die ganze Stadt mehrspurig mit Fahrradwegen durchzogen wurde und immer wieder in Fußgängerzonen verendet. Dann kann man sich immer noch den Artikel von Haraldsson heraussuchen und nachlesen, wie schön das mit dem Fahrradfahren einmal war.

Text: Oscar Lemanczyk / Buch-Cover: www.mairisch.de

J. Ilundáin-Agurruza / M. W. Austin / P. Reichenbach (Hg.), Die Philosophie des Radfahrens, prestel verlag 2013, 208 Seiten, geb., 18,90 Euro, www.mairisch.de