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Der Wiener Radfahrer ist pragmatisch

Foto: www.fahrradjournal.deAuch das muss mal sein: Zwei Journalisten, die sich gegenseitig interviewen. Der Wiener Matthias Bernold bloggt im Freitritt für die Wiener Zeitung. Anlässlich einer Fahrradmesse besuchte er Berlin. Im schönen Giro d’Espresso tauschten wir uns über den Radfahreralltag in Wien und Berlin aus. Das Interview, in dem ich Berliner Verhältnisse leicht entdramatisiere, wurde gerade in Wien veröffentlicht. Hier folgt sozusagen die Retourkutsche im fahrradjournal, mein Interview mit Bernold über das Wiener Verkehrsklima.

 

Matthias Bernold, wie gut passt Radfahren zur Stadt Wien?

Einerseits passen Wien und Radfahren sehr gut zusammen. Innerhalb des Gürtels kannst du die meisten Stätten mit keinem Verkehrsmittel besser erreichen, als mit dem Fahrrad. Prinzipiell gibt es auch viele schöne Wege in Wien. Du kannst den Donaukanal entlang fahren, es gibt viele Plätze, wo du draußen sitzen kannst. Das gehört zum Lebensgefühl dazu. Du hast viele Studenten, Menschen aus dem Ausland, die hierher kommen. Wien wird immer kosmopolitischer und es gibt keinen Grund, nicht aufs Fahrrad zu steigen.

Zum anderen ist das Radfahren in Wien in den letzten Jahren zu einem Politikum geworden. Das heißt, als Radfahrer stehst du irgendwie für eine bestimmte Sache, die nicht unumstritten ist. Man kann in Wien den Eindruck bekommen, dass dich das Radfahren zu einem Feinbild macht. Das spürst du.

Foto: wscher / www.fahrradjournal.deGehören der Wiener Radfahrer und der Flaneur in irgendeiner Weise zusammen, etwa über die gemächliche Kaffeehauskultur?

Sehr viele Klischees, die das Kaffeehaus betreffen, sind absolut richtig. Sie machen die Stadt auch zu dem, was sie ist. Es gibt keine Stadt auf der Welt, wo man so ungestört in einem Kaffeehaus oder in einem Schanigarten davor sitzen kann, Kaffee trinken und Zeitung lesen.

Ob Radfahren und Flanieren so zusammengehen, weiß ich nicht. Ich glaube, da ist das Zufußgehen unerreicht. Es gibt keine entspanntere Form die Welt zu betrachten, als zu Fuß. Die meisten Radfahrer in Wien sind da eher pragmatisch. Sie fahren Rad, weil sie schneller irgendwohin wollen, als zu Fuß.

Was für unterschiedliche Radfahrertypen gibt es in der Stadt?

Die Fahrradszene in Wien hat sich in den letzten Jahren extrem ausdifferenziert. Du hast die Alltagsradler, die immer schon mit dem Fahrrad unterwegs waren. Aber auch neue Gruppen, die dazugestoßen sind: Es gibt eine starke Tweed Ride Bewegung. Du hast die klassischen Hipster mit Bart und Fixie-Fahrrad, die vor allem im 7. und 16. Bezirk wohnen. Es gibt eine ganz starke Bewegung junger Eltern, die das Transportrad für sich entdecken und Kind und Kegel aufs Rad packen. Natürlich gibt es auch die Sportradler, die in hauchdünnen Hosen und mit Sturzhelm durch die Stadt flitzen. In Wien findest du jeden Radfahrertyp.

Wie ist die Stimmung unter den Wiener Verkehrsteilnehmern?

Auf Wiens Straßen sieht man sehr oft ein territoriales Verhalten. Die Leute glauben, sie sind auf einem Radweg, und dann darf kein anderer Verkehrsteilnehmer einen Fuß draufsetzen. Die Leute sind auf der Straße, und dann haben da Radlfahrer nichts verloren. Genauso sind Fußgänger sehr intolerant der Tatsache gegenüber, dass ein Radfahrer sich ab und zu aufs Trottoir verirrt. In Wien neigen wir dazu, zu schimpfen und die anderen Leute an die Einhaltung der Gesetze zu erinnern. Da gibt es definitiv Konflikte zwischen einzelnen Verkehrsteilnehmern. Oft ist das natürlich auch eine Folge von zu wenig Platz. Ich sehe da in Berlin viele Leute, die auf dem Gehsteig fahren, ohne dass sie angepöbelt werden. Jedenfalls ist es mir in Berlin-Kreuzberg und Charlottenburg relativ friedlich vorgekommen, im Vergleich zu dem, was ich oft in Wien sehe.

Foto: wscher / www.fahrradjournal.deWie hat sich der Radverkehr in den letzten Jahren entwickelt?

Die Politik in Wien hat sehr viel in das Fahrradfahren investiert: In Marketingmaßnahmen und Infrastruktur. Leider ist die Zahl der Radfahrer nicht in dem Ausmaße angestiegen, wie das etwa in anderen Städten wie München zum Beispiel der Fall war. Wir halten in Wien immer noch einen geringen Radfahreranteil von 6 oder 7 Prozent.

Woran liegt das?

Es gibt viele Theorien dazu, warum das der Fall ist. Eine davon ist der gut ausgebaute öffentliche Nahverkehr. Offenbar ist es auch so, dass in Wien die Trends zeitverzögert ankommen bzw. sich nur langsam durchsetzen. Du hast die Innenbezirke, wo Fahrradfahren immer stärker angenommen wird, und du hast die Außenbezirke, die ein sehr traditionelles Verständnis haben und wo das Auto noch die wichtigere Fortbewegungsform ist.

Wie wird sich Wien zukünftig entwickeln?

Ich glaube schon, dass im Zuge der allgemeinen Reurbanisierung das Fahrrad immer wichtiger wird und das Auto zunehmend zurückgedrängt wird. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass man die Innenstadt autobefreit. Dass man das öffentliche Parken immer weiter einschränkt. Und dass das Fahrradfahren in einem viel stärkeren Maße alltäglich sein wird.

Interview und Foto: wscher

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Zum Interview vice versa im Freitritt-Blog der Wiener Zeitung

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2 Comments

  • Hallo,
    ich war letztes Jahr im Frühjahr in Klosterneuburg bei Wien und bin oft mit dem Rad entlang der Donau nach Wien zum Sightseeing gefahren. Die Rad-Infrastruktur hat mich sehr beeindruckt. Auch war ich oft überrascht, wenn Autofahrer auf mich Radler Rücksicht nahmen an Stellen, wo ich nicht damit gerechnet hätte. Da bin ich bei uns in Mainz anderes gewohnt. :(
    Alles in allem fand ich das Radfahren in Wien sehr entspannt.

  • Hallo,

    ich bin Wienerin und Radlerin und muss sagen, dass innerhalb des Gürtels eine sehr gute Infrastruktur herrscht. Die Autofahrer sind mal so mal so und ich bin als Radlerin auch etwas zwider, wenn die Fußgänger am Radlweg herumtümpeln.
    Auf jeden Fall zahlt es sich aus, Wien mit dem Fahrrad zu erkunden.

    LG

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