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Designer Stuart Wolfe: „Daraus kann man doch was machen“

Foto: wscher / www.fahrradjournal.deDiese Objekte kennen den buddhistischen Kreis der Wiederkehr: Sie heißen „Alt-Moabit“, „Savignyplatz“ oder „Bergmannstraße“. Sie können Räume illuminieren. Und sie sind beweglich. Aber sie legen nicht mehr ganz so viele Meter zurück wie das Fahrrad, dessen Teil sie in einem früheren Leben einmal waren.

Schuld an ihrem Karma ist Stuart Wolfe, den fahrradjournal in seiner Kreuzberger Wohnung besuchte. Solche Designarbeiten sind für ihn eine Form des Ausdrucks, bei der es einmal mehr als sonst um die Nutz- und Produzierbarkeit geht. Mithin die etwas andere, zusätzliche Denkaufgabe für einen Bildhauer. Irgendwann kam ihm die Idee zu den „weggeworfenen“ Fahrrädern, die man in Berlin überall sieht, „Krücken ohne Räder“. Er dachte sich: „Daraus kann man doch was machen.“ Daraus wurde Berlin (Re)Cycling.

Nach der ersten Lampe auf Rädern, die man durch die Wohnung schieben kann (Modell „Alt-Moabit“), entwarf er eine Gabelleuchte, die in alle Richtungen schwenkbar ist. Darauf folgte ein wahrer Ansturm an Ideen: Für die „Bergmannstraße“ trennte er einen Rennlenker durch, schnitt an einer Stelle ein Stück heraus, fügte beide Teile mit zwei Schrauben zusammen und setzte einen Sattel drauf. Fertig war die charismatische Schreibtischlampe nicht nur für Radrennfahrer.

Hinter „Bleibtreustraße“, die in seinem Kreuzberger Wohnzimmer von der Decke hängt, steckt offenkundig die Idee einer Traube, die aus alten Lampen mit LEDs besteht. „Etwas Sinnliches und gleichzeitig eine helle Beleuchtung“, findet Wolfe. „Besonders faszinierend daran ist, dass man sie in sich endlos variieren kann: mit mehr oder weniger Lampen oder von der Konstruktion her. Ich könnte ein Dreieck, einen Kreis oder ein Viereck daraus machen.“ Im Flur des Künstlers hängt dann noch ein zweiarmiger Leuchter, gewissermaßen die Weiterentwicklung des bekannten Stiers von Picasso.

Vielleicht ist „Slow Art“ ein passendes Stichwort für diese Arbeiten. „Es geht mir nicht darum, Tempo zu machen oder möglichst schnell etwas zu produzieren, sondern etwas zu machen, wo mein Herz dranhängt und wo auch ein anderer einen Bezug zu besitzt, der kein Problem damit hat, mal ein bisschen zu warten, bis er bekommt, was er gerne haben möchte.“ Und auch wie er es gerne möchte. Zum Beispiel mit anderen Farben oder Lampenschirmen. „Das ist alles eine gegenseitige Wertschätzung: der Zeit, der Person und des Produktes.“

Noch handelt es sich bei den Modellen um Prototypen. Wer sich für die praktischen Designobjekte interessiert, die 499 und 779 Euro kosten, kann sich über die Website Berlin-Re-Cycling melden. Die Lampe wird ihm dann erst einmal gebaut. Wolfe: „Man kann immer wieder ein ähnliches Stück machen und sagen: Das ist Modell Alt-Moabit. Dennoch ist es jedes Mal ein individuelles Stück. Dieses Konzept kommt aus der Bildhauerei. Wenn ich eine Skulptur mache, dann mache ich einen Guss. Dieser Guss sieht dem nächsten genau ähnlich, ist aber in verschiedenen Details anders.“

Die nächste Vision ist eine kleine Werkstatt, wo Wolfe die designerische Leitung hat, und jemand anderes die Produktion besorgt. „Wo ich ein paar Prozente bekomme, den größten Teil aber bekommt jemand anders. Es soll eine Verteilung sein, wo jeder etwas davon hat.“

Der Designer fährt auch selbst mit dem Rad. Natürlich „ein zusammengebautes Ding“ aus einem alten Stahlrahmen, mit dünnen Reifen, unpassendem BMX-Lenker sowie Fahrradkorb. Wie so oft liegt im Blick auf die Vergangenheit auch ein kleiner Schlüssel für die Gegenwart: „Schon als Kind habe ich angefangen, für mich selber Fahrräder zu basteln. Vielleicht ist meine Arbeit heute ja ein Stück weit aus dem herauswachsen, dass man es in eine andere Funktion überführt.“

Text und Fotos: wscher

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