Zeichnung: Joel Cairo / www.fahrradjournal.deUm zwei Interviewpartner zu treffen, bin ich kürzlich wieder einmal nach Berlin-Mitte geradelt. Der erste war ein Visionär aus Bordeaux, der vollkommen von der Fahrrad-Regenschirmmethode überzeugt ist. Ihn sollte ich in der Nähe der Torstraße treffen. Der zweite war ein Berufsabenteurer, wenige Tage vor seiner nächsten Eskapade. Mit ihm war ich ein Stück weiter unten, am Rosenthaler Platz verabredet. (Zu beiden demnächst mehr.)

Weil das Wetter windig war, freute ich mich schon darauf, den Regenschirm umklappen zu sehen. Oder auf die überraschende Wende, dass der Schirm durch trickreiche Raffinesse davor gefeit wäre und das Traumbild vom Rad mit Regenschirm funktioniert. Doch wie es sich für einen Visionär nicht gehört, kam er an, als ich längst wieder fort war. Freilich hinterließ er eine technische Vorrichtung nebst Schirm am verabredeten Ort. So kam er zwar ums Interview herum. Es wird aber noch Gelegenheit sein, die Applikation zu testen. Auf diese Geschichte freue ich mich jetzt schon.

In meinem Sonntagskuchentext schrieb ich, wie paradiesisch das Radfahren in Berlin sei. Und ich erklärte überall, was für ein Glück es ist auch im Alltag mit dem Fahrrad geografisch die Verbindung zwischen den Fahrradthemen zu schaffen. Zum Beispiel von Interview zu Interview. Nur hatte ich dabei nicht mit der Torstraße gerechnet.

Zeichnung: Joel Cairo / www.fahrradjournal.deNachdem mich der Mann mit dem Regenschirm versetzt hatte, verlegte ich mich also auf den Abenteurer. Der Weg zu ihm war vielversprechend, die Verkehrslage dramatisch. Unter dem Sirenenfeuer eines Krankenwagens wich ich einem Bio-Lieferanten nach rechts aus, in die Trainingsspur eines neurotischen Sportsfreundes, der mich ohnehin gerade von rechts überholen wollte, und mit seiner Turnschuhspitze knapp meine Speichen verfehlte. Er sah sich aber nicht mal um, weil seine Stirn mit einem dieser Superkleber auf dem Lenker festgeklebt war. Ich weiß nicht, ob der Racer von letzter Woche heute noch lebt. Ich weiß nur, dass plötzlich eine Karosse quer auf der Fahrbahn stand und lange überlegte, wo um aller Welt man jetzt hinfahren könnte, und sich deshalb alles drumherum noch größer und dichter machte, das Ego über das jeweilige Fahrzeug hinaus lärmend aufblähte, bis selbst ein Fahrrad kein Vorteil mehr war. Ich steckte fest. Und weil mir der archaische Kampf auf einer Pipistrecke von A nach B zu aufwendig erschien, schmiss ich hin und wurde zum Passanten.

Immerhin, das dürfte eine gelungene Trainingsstrecke für den Abenteurer sein, dachte ich. Aber der kam mit der U-Bahn, winkte dankend ab und befand: Man könne sich ja auf viele Weisen umbringen. Er jedenfalls fühle sich im chaotischen Straßenverkehr Kairos bedeutend sicherer als hier in Berlin. In Kairo nehme man wenigstens Rücksicht auf den Schwächeren, behauptete er.

Auf dem Rückweg vom Interview habe ich die Schultern gezuckt, mich lieber assimiliert und bin für eine Teststrecke im Tempo des Dorfpfarrers über den Bürgersteig geradelt. Die hohe Akzeptanz der Fußgänger war überraschend. Ich begann zu grüßen und die Leute grüßten freundlich zurück. So hatte mich die Torstraße am Ende überzeugt: Die Metropole existiert also doch. Der Fairness halber verweise ich noch auf einen FAZ-Artikel über die Torstraße..

Text: wscher / Zeichnungen: Joel Cairo

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