Foto: Kalkhoff

Ein Pedelec für die Stadt

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Seit das Pedelec auf dem Markt ist, ranken sich einige Mythen und Fragen darum. Angefangen bei den grundsätzlichen Bedenken, wozu man ausgerechnet dem unabhängigen Fahrrad, diese geniale Erfindung mit größtmöglicher Nähe zum gefühlten Perpetuum mobile, einen Motor einbauen sollte. Sollen sich Rad Fahrende plötzlich wie andere Verkehrsteilnehmer von externer Energie abhängig machen? Wiederholt sich hier nicht die technische Entwicklungsgeschichte, die zwingend beim Motorrad endet?

Weiter geht es mit Befürchtungen aus der Fitnessperspektive, dass der Mensch auf dem Pedelec unsportlich und fettleibig werde oder bleibe. Und solange die Gewichtsprobleme des neuen Transportmittels selbst nicht gelöst sind, darf man sich zu Recht danach erkundigen, wie um Himmels willen eine Generation 6o plus ein 25-Kilo-plus-Fahrzeug ins dritte Stockwerk wuchten soll. Schließlich wäre da noch das Design. Das Wort „Design” wird hier nicht aus Sicht des Ingenieurs benutzt, sondern im Sinne der bloßen Draufsicht desjenigen, der sich mit dem Pedelec im täglichen Einsatz sehen lassen muss. Denn die klobigen Akkus, irgendwo innerhalb der Rahmengeometrie positioniert, hielten Ästheten lange Zeit vom elektrischen Bike ab.

Solange jedenfalls, bis die Fahrradbranche auf die Idee kam, über den silberfarbenen Tiefeinsteiger – offenbar nach wie vor die Cash Cow der Branche – hinauszudenken und eine jüngere Zielgruppe ins Visier zu nehmen. (Womit nicht gesagt ist, dass ältere Menschen keinen Blick für Stil und Design hätten. Merkwürdigerweise behandelt man sie manchmal so.) Spätestens auf der Eurobike 2013 präsentierte sich nicht nur eine breite Elektrifizierungsattacke auf alle Sportmaschinen. Nach den E-Mountainbikes wurde dort erstmals auch ein E-Rennrad präsentiert. Mit zunehmender Schrumpfung des Akkus sind auch die Möglichkeiten der Ästhetisierung vorangeschritten. Zahlreiche Marken unterschiedlicher Größe kümmern sich um ein stadttaugliches Design.

Für den Herausgeber dieser Seiten der richtige Zeitpunkt für die Einsteigererfahrung. Und weil ich der Meinung bin, formschöne Pedelecs sollten Trend für alle werden, fiel der Blick nicht auf ein unbezahlbares Designstück für die Upperclass, sondern auf ein „SAHEL Compact Impulse 8“ der Marke „Kalkhoff“. Dessen schlankes Aussehen bricht von vornherein mit herkömmlicher Schwerfälligkeit. Mit seinem X-Rahmendesign und kleinzolligen Ballonreifen erinnert es eher an ein Faltrad. Ähnlich wie bei Falträdern liegt der Rahmen tief genug, um zugleich unisex wie einsteigerfreundlich zu sein, obwohl drunter noch der Mittelmotor liegt. Immerhin lassen sich Lenker wie Sattel per Speedlifter nutzerfreundlich an die richtige Größe anpassen, und die Pedale sind hochklappbar.

Einzig den Akku, dessen sperriger Look doch alle vermeiden wollen, erneut in den Blickfang zu rücken, indem  man ihn silbern anstreicht, halte ich für einen ästhetischen Fauxpas. In der orangefarbenen Ausführung fällt das aber kaum auf.

Natürlich muss ich vom Fahrgefühl sprechen. Wie man mit dem Liegerad den Himmel sieht, dem Hollandrad den Panoramablick genießt, ist das Pedelec in dem Sinne ganz Fahrrad, als man ohne Anstrengung dahingleitet, komme Brücke oder sonstige Steigung, womit es sich vom Fahrgefühl her der oben angesprochenen Aussage über die Genialität des Fahrrades nähert. An jeder Kreuzung schießt man davon. Gleichzeitig schießt einem der Gedanke durch den Kopf, ob die anderen Verkehrsteilnehmer diese Beschleunigung richtig einschätzen können, so unscheinbar kommt das filigrane Pedelec daher.

Ein halbes Jahr bin ich mit dem „Sahel“ nun durch Berlin pedaliert. Anfangs war die überraschende Erfahrung weniger die Maschine selbst, sondern die Reaktion der Umwelt auf ihr erscheinen: Ausgesprochene Neugier anstelle einer von mir latent befürchteten Herablassung über den „E-Biker“ in Begegnungen mit anderen Radfahrern jeglicher Peergroup. Allerdings sind in Berlin E-Bikes und Pedelecs noch relativ selten auf den Straßen zu sehen.

Eine weitere Erfahrung widerlegte meine Annahme über die Unsportlichkeit durch den Umstieg aufs Pedelec. Zwar ist es eine angenehm faule Sache Brücken und andere Anstiege ohne Kraftanstrengung zu nehmen. Andererseits unterstützt der Motor nur bis Tempo 25. Und weil ich als neuerdings sportlich Radelnder schnell dieses Limit erreichte, pedalierte ich häufig drüber. Dann kann man auch auf dem Pedelec ins Schwitzen geraten. Auf den Fahrstil kommt es an.

Das „Sahel“ kommt mit einer „Shimano Nexus 8-Gang“ Nabenschaltung. Das Umschalten wird erleichtert durch eine „Shift-Sensor-Technologie“, die die Motorunterstützung kurz unterbricht und Schaltvorgänge weicher macht. Unterstützungsmöglichkeiten durch das „Impulse II” Antriebssystem gibt es in den drei Levels Eco, Sport oder Power. Ich bin meist im Wenn-schon-denn-schon-Pedelec-Modus, sprich „Power“ gefahren, der merklich auf den Akku geht.

Wer Energie sparen will, muss „Eco“ fahren. Angegeben wird eine Reichweite von 205 Kilometer. Größere Reisen würde ich mit dem „Sahel“ aber aus anderen Gründen nicht unternehmen. Auf Stecken über 30, 40 Kilometer machen sich die kleinzolligen Räder beim Treten irgendwann bemerkbar. Reisende wünschen sich eine andere Laufradgröße und damit ein anderes Fortkommen. Auch für das tägliche Heben in den Zug wären mir 22,6 Kilo noch ein paar Kilo zu viel. Genutzt habe ich das „Sahel“ meist auf kürzeren Wegen zwischen 7 und 10 Kilometern.

Ohnehin war meine (ursprünglich dem Design entsprungene) Idee über das Fahrrad, ein von der Lenkung her äußerst wendiges Shopping-Bike, ein schnelles und bequemes Fahrzeug, das mich zur nächsten Pressekonferenz bringt, zum abendlichen Vergnügen und danach retour. Alles, was urban ist eben. Und diese Hoffnung wurde auch erfüllt. Wichtig für Büropendler ist, dass die kleinen und mit Schutzblech eingekleideten Reifen gut vor nassen Wetterunbilden isolieren und das Pedelec damit businesstauglich machen. Nur mit dem schicken Schuh muss man etwas aufpassen. Wenn es regnete, rutschte die glatte Sohle an dem Metallstück der Pedale manchmal.

Was das Shoppen angeht, macht das „Sahel“ von der Lifestyle-Boutique bis zum pittoresken Markt eine gute Figur. Eine Gepäckvorrichtung (Low Rider), die optionale urbane Tasche zum „Sahel“ zusätzlich zum kleinen Gepäckträger, wäre ein tolles Statement. Natürlich lässt sich das jederzeit individuell anbringen.

Unberührt von dem oben erwähnten allgemeinen E-Bike-Skeptizismus, der hier nach der ersten Erfahrung durchaus Federn lassen musste, darf man sich speziell mit dem „Sahel“ darüber freuen, dass auch bei massenkompatiblen Marken wie „Kalkhoff“  wirklich niemand mehr auf Stil verzichten muss. Vielleicht exakt das richtige Fahrrad für urbane Umsteiger, die nicht alt „aussehen“ wollen. Ab 2.500 Euro ist man jung.

Unser Kulturmagazin wird sich einem ganz besonderen Vorteil sportlicher Pedelecs nochmals im Reiseteil annehmen.

Text: Wolfgang Scherreiks / Fotos: Kalkhoff

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