Cover: DVA

Eine Frage der Haltung

Cover: DVAWarum haben Fahrräder eigentlich keine Karosserie, wie andere, ernst zu nehmende Fahrzeuge auch? Muss das sein, dass jeder ihr Gestell, die Ketten und Zahnräder sehen kann? Wer sich für solche Fragen interessiert und die Antwort noch nicht kennt, sollte das Buch von Bettina Hartz lesen: „Auf dem Rad. Eine Frage der Haltung.“

Die Methode dieser Autorin besteht darin, nichts als selbstverständlich zu nehmen. Aus der Sicht einer gebildeten Radfahrerin beschreibt sie Alltagssituationen, Gesten, Haltungen und zieht Assoziationen zu Literatur und Kunst, Technikgeschichte und ein wenig auch zur Gesellschaft. So entstand eine unsystematische, geistreiche Kulturgeschichte des Radfahrens.

Anekdoten haben darin ebenso Platz, wie mutwillige Interpretationen anderer Texte. So erfährt man, dass die Gebrüder Wright, Pioniere der Flugtechnik, hauptberuflich eine Fahrradwerkstatt betrieben. Man kann aber auch mit der Autorin Kleists kunsttheoretischen Text „Über das Marionettentheater“ als Beschreibung des Radfahrens lesen.

Radfahren wird hier durchaus als eine „geistige Haltung“ beschrieben. Dieses und die vielen Beispiele aus dem Alltag verdichten sich bei Hartz allmählich zu einem Porträt des Radfahrers als „Städtebewohner“.

Damit hebt sich der beschriebene Typus angenehm ab von den üblichen Zuschreibungen: der „Sportler“ mit seiner Fetischisierung von Leistung und Markenartikeln und der irgendwie grün-alternative Überzeugungsradler, mit der von seinen Kindern geborgten Natur und einer manchmal fragwürdigen Auffassung von „Gemeinschaft“.

Hartz´ Großstadtradler ist pragmatisch, kulturell versiert, und ansonsten ein Mängelwesen in jeder Hinsicht. Der Schwächste im Straßenverkehr zu sein, generiert hier eine wache Wahrnehmung, komplexes Denken und … naja … Kreativität. Seine Existenz in der Stadt ist nämlich durchaus problematisch. Einerseits ist kaum jemand den Bedingungen des Verkehrs so gut angepasst, wie er, andererseits gehört er weder auf die Straße noch auf den Bürgersteig. Er ist weder Fußgänger – der er jederzeit mit einer kleinen Bewegung wieder werden kann – noch Autofahrer. Eine Zwischenexistenz ohne klare Identität. Und damit im besten Sinne ein Bürger des 21. Jahrhunderts.

Bettina Hartz beschreibt die Geschichte des Radfahrens auch als eine der gesellschaftlichen Emanzipation. So könnte ihre geistreiche „Frage nach der Haltung“ auch Anstoß für eine erweiterte Fahrradpolitik sein, die mehr, als Vereinspolitik und Lobby sein will.

Zum Abschluss sei daran erinnert, dass auch russische Weltautoren schon Haltung im Straßenverkehr bewiesen. Lew Tolstoi erlernte erst mit fast siebzig Jahren das Radfahren und entwickelte sich schnell zum Kampfradler, der manisch alle Hindernisse ins Visier nahm. In seiner Heimatstadt verehrt man ihn noch heute dafür, dass er das Radfahren erst so spät gelernt hat.

Text: Oscar Lemanczyk / Cover: DVA

Bettina Hartz, Auf dem Rad – Eine Frage der Haltung, DVA Sachbuch 2012, geb., 208 Seiten mit Abbildungen, 14,99 Euro

Flattr this

About the author

fahrradjournal

View all posts

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *