Foto: VELOBerlin Film Award

Sichtung zum Online-Voting vom 18. Februar bis zum 22. März 2013

Aus über 300 eingereichten Fahrrad-Kurzfilmen aus 60 Ländern hat die Jury eine Vorauswahl für den VELOBerlin Film Award getroffen. Vom 18. Februar bis zum 22. März 2013 können sich alle an einem Online-Voting für ihren Lieblingsfilm beteiligen. Die nominierten Filme werden auf der VELOBerlin am 22. und 23. März zu sehen sein.

Da eine „sechsköpfige Sichtungskommission“ aus den Einreichungen eine Vorauswahl getroffen hat, wissen wir leider nicht, was uns entgangen oder erspart geblieben ist. Wer regelmäßig nach Bike Videos im Netz schaut oder vielleicht die Bike Shorts gesehen hat, wird bei der ab heute präsentierten Auswahl unweigerlich auf alte Bekannte wie „The invisible bicycle helmet“ oder „The man who lived on his bike” treffen. Hier kommt meine Auswahl aus der Auswahl, beginnend mit den üblichen kritischen Spitzen, hoch aufsteigend bis zu den Lobgesängen.

 

Von fantasielos in der Wüste bis drei Minuten weniger

Foto: VELOBerlin Film AwardDa wäre etwa „Where Are The Pyramids?“ leider als ein Beispiel dafür zu nennen, wie langweilig und fantasielos gefilmt werden kann, obwohl man die Wüste und obendrein fünf „Fearless Fixie Pilots“ als Protagonisten zur Verfügung hat. Und dabei bleibt es auch ziemlich egal, wie oft man die Perspektive wechselt oder cuttet. Man sollte sich schon vorher überlegen, was man eigentlich erzählen möchte.

Der „Fast Friday“ galt einmal als der Event der Fixed Szene in Seattle. David Rowe hat das in einem gleichnamigen Film dokumentiert. Und das Konzept des Fast Fridays ging seither um die Welt. Dieser Fast Friday hier spielt in Athen. Nachdem das Auto lange Zeit Statussymbol war, kehrt das Rad vor dem Hintergrund der Finanzkrise in Griechenland zurück. Eine Kollektive Street Culture soll jetzt entstanden sein. Genaueres ist dem Kurzclip aber auch nicht zu entnehmen.

Wem einmal Einradfahrer in der freien Wildbahn des Straßenverkehrs begegnet sind, der hat sie vielleicht als zeitrafferhafte Bildfolge wahrgenommen: Kaum können sie einmal anhalten. In „8-Minute Deadline” sind Einräder daher im Prinzip die bessere Metapher für den betriebsamen Großstadtalltag als Zweiräder. Allerdings rast dieser griechische Animationsfilm aus dem Jahre 2011 über acht Minuten (s. Titel) lang mit seinem gestressten Personal auf eine gesetzte Deadline zu, die zwar einmal von einer Liebelei unterbrochen wird. Trotzdem hätte ich dem Film eine interessantere Geschichte gewünscht. Oder drei Minuten weniger.

 

Beeindruckendes Porträt eines Fahrradrikschafahrers

Foto: VELOBerlin Film AwardEin lebensbejahendes und temperamentvolles Statement für das Radfahrern verbirgt sich hinter „Dos Ciclos“ (Mexico 2011). – „Riding bike is having wings on your feet”, erklärt deshalb auch Oscar Espinosa aus Mexico City. Erfrischende zweieinhalb Minuten. Der Clip „Solution“ verrät eine afrikanische Variante des Schlauchflickens. In der Hitze ist die Gummilösung nicht unbedingt die beste Lösung. Geschmackssache bleibt wohl der Splattermovie „O Risco“, während in „Freewheel & Fixie“ aus Kanada sogar einmal eine schwule Geschichte erzählt werden darf, was unter den sogenannten Fahrradfilmen selten ist.

Weil in „If you want your mother back” weder die Eltern noch Jesus den Wunsch des kleinen Antonio nach einem Fahrrad erfüllen, nimmt er kurzerhand die Statue der Mutter Maria als Geisel. Das ist ein netter französischer Kurzfilm von Xavier Douin aus dem Jahre 2011, der zu seinem scheinbar vorhersehbaren Ende doch noch einmal mit schwarzem Humor aufwartet.

Unzählige Pantomimen beim Freihandfahren zeigt der britische Film „Golden Tree“ aus dem Jahre 2011 . Einer jener Clips, die bereits unzählige Male im Netz abgenudelt wurden, ihren Charme aber deshalb noch lange nicht verloren haben.

Apropos freihändig radfahren, ein paar angeberische Tricks auf dem Bike zeigen, alles o. k. Aber seit ihr schon einmal rückwärts gefahren? Und was heißt hier einmal. Was ist davon zu halten, wenn einer grundsätzlich rückwärts auf seinem Fahrrad unterwegs ist? So hat mich der kanadische Film „The Backwards Rider” denn doch überrascht. Den sollte man sich unbedingt anschauen.

Eine Radfahrt, nichts als eine Radfahrt in Schwarz-Weiß-Zeichnungen gibt es in dem ruhigen Animationsfilm „Pasajes“ (Argentinien 2012) von Luis Paris zu sehen. Und damit gehört er zu meinen Favoriten.

Und dann wären da noch Porträts wie das des Schraubers „Anton“ (Titel) in Berlin-Wedding, das mehr von der Figur lebt, als von der besonderen Machart des Filmes. Oder die sehr an Werbung grenzende Dokumentation des Radladens „True Unique” (Titel) aus Berlin-Neukölln. Das ist natürlich alles nicht ganz uninteressant. Den wirklich stärksten Eindruck hinterlässt aber der eher konventionell gemachte „Pak Becak” aus dem Jahre 2012. In dieser Kurzdoku porträtiert Mark Anderssen einen 81 Jahre alten Mann, der seit 55 Jahren Rikscha in Yogyakarta Indonesia fährt. Während in der Hauptstadt Indonesiens Jakarta die Fahrradrikschas längst als Gefahrenquelle aus den Straßen gebannt sind, findet man die „Becaks“ noch immer in Yogyakarta.

 

Einkaufsgutscheine für Filmemacher?

Ich kann mir gut vorstellen, wie froh ein Veranstalter über jeden Sponsor und dessen Engagement ist. Die Frage, ob für die ambitionierten Filmemacher ausgerechnet ein taz-City-Rad oder der Einkaufsgutschein eines weiteren Sponsors als passende Anerkennung gilt, muss ich an dieser Stelle allerdings aufwerfen. Wie wäre es stattdessen mit einer kleinen Finanzspritze, einer materiellen oder sonstigen Produktionshilfe für das nächste Filmprojekt?

Davon abgesehen halte ich den Film Award für eine gute Idee, die hoffentlich nicht nur als fester Bestandteil für die folgenden Messejahre übernommen wird. Vielleicht findet sie ja auch den ein oder anderen Nachahmer. Und hier geht es zum VELOBerlin Film Award. Vorhang auf!

Text: wscher / Fotos: VELOBerlin Film Award

Foto: VELOBerlin Film Award