Foto: Gocycle

Gocycle: Richtungsweisendes Design, etwas ernüchterndes Fahrerlebnis

Foto: GocycleO ja, es gibt sie, die Situation an der Straßenkreuzung, in der ein Mercedes Cabriofahrer neidisch zum Radfahrer aufblickt. Sodann folgt die berühmte Frage: „Wie viel?“ Ein Hinweis darauf, wann ein Pedelec den gewissen Typus des Autofahrers wie ein Magnet anzieht. Und nicht nur ihn, sondern auch Fußgänger und Radfahrer jeglicher Couleur bestürmten mich mit Fragen in der eigentlich abgeklärten Großstadt, wenn ich auf dem nicht mehr ganz so brandneuen „Gocycle G2R“ unterwegs war. Das ganze Geheimnis dahinter heißt: Design.

Vom unschönen Akku-Klotz der Pionierjahre des E-Bikes ist beim „Gocycle“ nichts mehr zu sehen. Scheinbar nahtlos läuft die Form ineinander über. Viele erkennen nicht einmal, dass ich mit Unterstützung eines Motors pedaliere. Am Geräusch ist es allerdings zu hören. Angenehm, dass das Pedelec mit seinen im Spritzgussverfahren gefertigten Rahmen und Laufrädern aus Magnesium, sowie der leichtgewichtigen Lithiumbatterie nur 15,6 kg auf die Waage bringt. Die Sattelstütze ist in Höhe und der Vorbau in Reichweite verstellbar. Zudem ist das Bike für die Reise in wenigen Schritten zerlegbar.

Soweit zu den ganz lobenswerten Eigenschaften. Paul Stratta, der Geschäftsführer von Karbon Kinetics Ltd. (KKL), verkündete: „Wir bei KKL arbeiten schwerpunktmäßig am kontinuierlichen Fortschritt unseres Produktportfolios und daran, unseren Kunden das beste Fahrerlebnis zu bieten.“ Was das reine Fahrerlebnis betrifft, wäre Fortschritt auch wünschenswert. Schließlich möchte man nicht nur von A nach B kommen, es soll auch angenehm sein und – was die Technik betrifft – auf der Höhe der Zeit. Zumindest sollte die Funktion mit dem unstrittig richtungsweisenden Design auf Augenhöhe liegen.

Gefahren bin ich das „Gocycle“ ohne Smartphone-App, die sich über die im Rahmen eingebettete Bluetooth® Funktion mit dem „Gocycle“ G2 verbinden kann. Sie beinhaltet u. a. die Feinsteuerung des Unterstützungsmodus, einen Kurzstreckenzähler, eine Diebstahlschutzfunktion und einen „Wartungs-Log” zur Ferndiagnose durch den technischen Kundendienst. Möglicherweise hält sich meine Begeisterung deshalb etwas in Grenzen. (Ich halte die Kombination von Smartphone und Radfahren nicht wirklich für ein Luxusplus.) Vielleicht stößt aber auch ein Produkt an seine Grenzen, weil so gut wie alle Komponenten extra dafür hergestellt wurden und das auf der funktionalen Seite nicht immer gut ausgeht.

So stellte sich für mich jedenfalls das Fahrerlebnis eines uneleganten Fortkommens ein. Dafür sorgte eine Gangerkennungsfunktion, die fortwährend automatisch herunterschaltet, die nicht leicht durchsichtige Steuerung über die Pedale und die Antriebstaste am Lenker, gemeinsam mit der Begrenzung auf das Leuchtdiodencockpit à la „Nightrider“. Hinzu kam ein beim Pedelec allmählich überwunden geglaubtes ruckartiges Wiedererwachen der Unterstützung. Für die kleinzolligen Räder, die wunderbar wendig sind und deshalb bei urbanen E-Bikes immer beliebter werden, könnte ich mir eine bessere Übersetzung vorstellen, als sie mit der verbauten elektronischen Shimano 3-Gang-Schaltung möglich ist.

Die versprochene Reichweite von über 60 Kilometer habe ich bei meinem Fahrstil nicht erreicht. Maximal 40 Kilometer waren es bis zur nächsten Ladung. Während der Ladedauer über Nacht kam es übrigens zu einem Pfeifton.

Die App, die auch die gesetzliche 25-Kilometer-Grenze aufhebt, hat für einen EU-Bürger erst einmal keinen Vorteil. Ein wichtiges Pflichtausstattungsmerkmal für den urbanen Raum namens Beleuchtung, aber auch Schutzbleche und Gepäcksysteme gelten beim „Gocycle“ dagegen als optionales Zubehör. Zudem lässt sich das Bike, das aufgrund seines Designs überall förmlich zum Objekt der Begierde avanciert, nicht wirklich diebstahlsicher abschließen. Ob die App dies vermag, ist nicht nur aufgrund möglicher Manipulierbarkeit jeder Software zweifelhaft. Das jüngste Update der „Gocycle“ G2 App verspricht die sofortige Deaktivierung von Motor und elektronischer Automatikschaltung, sobald ein gestohlenes Modell mit der App verbunden wird. Sofern ich alles richtig verstanden habe, und man korrigiere mich gern, bliebe das „Gocycle“ demnach ohne App weiterhin fahrbar.

Das „Gocycle“ G2R ist für das Design von Pedelecs richtungsweisend und ideal für urbane Radfahrer oder Pendler, bei denen Schönheit an erster Stelle steht, die damit kürzere Strecken zurücklegen möchten und über einen diebstahlsicheren Abstellplatz verfügen. (In Atelier oder Wohnung macht das E-Bike eine ausgezeichnete Figur.) Das Pedelec ist deutschlandweit bei ausgewählten Einzelhändlern erhältlich und, um noch die Eingangsfrage zu beantworten, es kostet knapp 3000 Euro.

Text: wscher / Fotos: gocycles / Silk Relations

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www.gocycle.com


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1 Comment

  • Weiß nicht … Am Klapprad halte ich den Motor für deplaziert: Für kürzere Strecken brauche ich ihn nicht, fürs Heben und Tragen in die Bahn oder den Kofferraum würde ich mir die geschätzt 4 Kilo E-Gewicht auch lieber sparen können. Fail.

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