Ich lenke, also bin ich Cover: Heyne Verlag

Ich lenke, also bin ich

 

Kai Schächtele_Juni 2011 / Foto: Lena Petersen

Der Journalist Kai Schächtele leistete einen Beitrag zur Fahrradkultur. Er schrieb ein persönliches Buch über Trainingsausfahrten mit Rennfahrern, eine Reise zur Fahrradstadt Kopenhagen, das eigene Brechen von Verkehrsregeln in der Stadt und wie es diesbezüglich zu einer Verhaltensänderung kam. Anstelle einer Rezension Fragen an den Autor.

 

Herr Schächtele, es kann dieselbe Person sein, die sich ins Auto setzt oder aufs Rad. Das Vehikel ändert sich, das Ego bleibt. Gibt es demnach überhaupt den Fahrradfahrer oder den Autofahrer?

Es gibt verschiedene Prioritäten, die man sich im Leben setzt. Eine Priorität kann sein, und die würde ich eher den Autofahrern zuschreiben, dass man möglichst bequem und ohne große Anstrengung ans Ziel kommt. Dann gibt es die Überzeugung, dass man sich auch Widrigkeiten aussetzten muss, was aber am Ende des Tages mehr Freude und Lebensqualität bedeutet. Die würde ich eher den Radfahrern zuschreiben.

Was für ein Radfahrertyp sind Sie?

Ich fahre mit ganz viel Genuss. Weder merke ich die Anstrengung noch die Last, die das Fahrradfahren für andere bedeutet, weil es mir aus der Tiefe meines Herzens Spaß macht.

Haben Sie etwas gegen Fahrradanfänger, Langsamfahrer und ältere Radler?

Mir ist jeder lieb und teuer, der Fahrrad fährt. Aber er muss sich auch gefallen lassen, dass ich mich mitunter über ihn lustig mache. In dem Buch habe ich eine Formulierung erfunden, die heißt „Nordic Biker.“ Ich habe mich darüber lustig gemacht, wenn jemand vor mir fährt und dabei so langsam, dass ich nicht vorbeikomme. Wenn man das eins zu eins liest, kann man mir natürlich unterstellen, dass ich etwas gegen Ältere, Anfänger und „Nordic Biker“ habe. Wer genauer liest, sieht aber, dass ich mich über mich selber genauso lustig mache.

Warum sollte es eigentlich Radfahrerethos sein, vom Start bis zum Ziel nie die Füße von den Pedalen zu nehmen?

Schon wenn man einen Fuß runternehmen muss, ist das physiognomisch unbequem. Wenn ein Fahrradfahrer bremst und wieder anfahren muss, bedeutet das eine körperliche Anstrengung. Was ich aber überhaupt nicht mag, ist es, vom Sattel abzusteigen und mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen. Das wäre die sicherste, aber auch die uneleganteste Lösung. Und schließlich möchte ich möglichst ungebremst von A nach B kommen. In Kopenhagen gibt es an den Straßenrändern Metallplanken, auf denen man die Füße aufsetzen kann. Das ist dort also offensichtlich schon staatlich erkannt.

Was ist für Sie ein Radler mit Stil?

Neutral formuliert: Jemand, der mit Bedacht das Fahrrad aussucht, das zu ihm passt. Aber ich maße mir nicht an, der zu sein, der allen erklärt, was sie für einen Stil einhalten müssen. Für mich weiß ich, dass ich einfach keine Packtaschen verwenden kann, weil das meinem eigenen Stilempfinden widerspricht. Also könnte man jetzt sagen, dass ich den für stillos halte, der mit Packtaschen fährt. Auch da habe ich mir angewöhnt, Toleranz walten zu lassen. Ich kann nur für mich, das ist ja im Buch beschrieben, selbst auf Kosten böser Stürze ausschließen, mit Packtaschen durch Berlin zu fahren.

Dennoch vertreten Sie die Ansicht, dass Männer keine Fahrradkörbe verwenden sollten.

Es gibt im Buch eine Szene, wo ich auf dem Weg nach Kopenhagen Männer mit einem Fahrradkorb gesehen habe und davon träume, das Fahrrad in den nahen Fluss zu versenken, um den beiden damit einen Gefallen zu tun, weil es einfach nicht geht, mit einem Korb durch die Gegend zu fahren. Es gibt bestimmte Dinge, die sind bei Frauen total schön, und es gibt Dinge, die passen gut zu Männern. Beim Fahrradkorb, finde ich, der passt besser zur Frau.

Ich lenke, also bin ich / Cover: Heyne Verlag

Dürfen Ihre Äußerungen im Buch auch einfach nur polemisch gelesen werden?

Es ist ja kein sachliches Buch über die Fahrradkultur, wo ich angefangen hätte zu recherchieren, im Sinne journalistischer Arbeit. Die Idee des Buches, der Auftrag des Verlags und meine eigene Idee war, eine Kolumnensammlung über das Fahrradfahren zu machen. Natürlich gehört zu dieser Art von Texten, dass der Autor zuspitzt.

Was zu entsprechenden Reaktionen führen kann …

Ich habe ein Interview auf „radioeins“ gegeben, und ein Zuhörer hat meine Aussagen eins zu eins genommen und für hirnlos erklärt. „Er fährt durch Berlin und nimmt keine Rücksicht, er meckert nur Taxifahrer an und dann trägt er nicht mal einen Fahrradhelm.“ Wenn man das Buch so nimmt, kann man mir das Böseste der Welt unterstellen. Was mich selber angeht, bin ich in dem Buch ja ebenso polemisch, wenn nicht sogar noch polemischer. Und dass Leute bei Rot über die Ampel fahren, ist ja der größte und dauerhafteste Vorwurf, den man Fahrradfahrern macht. Der Herr, der mich auf „radioeins“ gehört hat, hat mich als Kampfradler abgestempelt. Das war ich aber noch nie.

Spekuliert man als Autor nicht auf eine solche Debatte?

Ich habe die Diskussion um Kampfradler schon sehr aufmerksam verfolgt. Aber wenn ich auf die Idee käme, so ein Buch strategisch zu machen, dann wäre es nicht das Buch geworden, das ich machen wollte. Das konnte nur ein Buch werden von dem, der ich bin, wie ich denke und wie ich fahre.

Der Epilog ist überraschend und nimmt das Salz wieder aus der Suppe. Da ist der notorische Rotlichtsünder auf einmal bekehrt. Wurden Sie vom Verlag dazu gezwungen?

Überhaupt nicht. Der Verlag hat mir freie Hand gelassen. Das hat schon so eine Entwicklung genommen in meinem Kopf.

Wie verlief Ihre Wandlung vom Rotlichtsünder zum vorbildlichen Radfahrer?

Im Buch ist beschrieben, wie meine siebenjährige Nichte neben mir im Auto sitzt. In der Schule hat sie gelernt, bei Rot hält man an der Ampel. Sie sieht, wie keiner um sie herum sich an Regeln hält. Und ich denke insgeheim: Oh Gott, ich bin ja auch einer von denen, die spricht ja gerade über mich!

Dann werde ich angehalten und muss richtig Geld bezahlen. Später kommt der Moment, wo ich zitiere, dass mir ein Polizist gesagt hat, dass er sich respektlos behandelt fühlt, wenn Leute vor seinen Augen bei Rot über die Ampel brettern.

Bekehrt wurden Sie schließlich von Michael Schroeren, der vor über dreißig Jahren „Steig um auf´s Rad“, eine Art Fahrradfibel, herausbrachte.

Tatsächlich kam das überzeugende Argument von Schroeren, der zu mir sagte: „Wer als Verkehrsteilnehmer ernst genommen werden will, muss sich auch verhalten wie ein Verkehrsteilnehmer.“ Wie wenn jemand raucht und davon nicht wegkommt, aber versucht davon wegzukommen und es trotzdem nicht schafft, weil sein Wille nicht stark genug ist. Und einmal im Nichtraucherkurs hört er das entscheidende Argument, warum er mit dem Rauchen aufhören sollte. Und von dem Moment an lässt er die Zigaretten liegen.

Sie sind aber noch einmal rückfällig geworden …

Ich bin bei Rot über die Ampel gefahren und ich dachte: O. K., das ist aber eine Ausnahmesituation gewesen, wo ich es eilig hatte, ins Kino zu kommen. Schließlich kam ich wieder in eine Situation, wo ein Polizist vor mir stand, auf dessen Wohlwollen ich angewiesen war. Ich dachte, das muss jetzt echt aufhören. Und das ist ja alles so passiert: Ich bin zu ihm hingelaufen und habe gesagt: Wissen Sie was? Ich versprech´s Ihnen jetzt.

 

Interview: Wolfgang Scherreiks / Foto: Lena Petersen / Cover: Heyne Verlag

Kai Schächtele, Ich lenke, also bin ich, Bekenntnisse eines überzeugten Radfahrers,  Heyne Verlag, München 2012, Taschenbuch, Broschur, 224 Seiten, 8,99 Euro

Das Blog zum Buch: www.radfahren-macht-glücklich.de

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1 Comment

  • schön. verrätst du uns in dem buch auch, lieber kai, wie du mit einer aktentasche voll papier fahren würdest, wenn packtaschen grundsätzlich völlig inakzeptabel sind? so ein bis zwei leitz-ordner – wenn das bakfiets gerade zu hause geblieben ist? oder bist du etwa ein schönwetter- sonntags-styler, der eine runde tempelhofer feld für eine radtour hält?

    ich fahre täglich, auch im winter, im anzug. ich erwäge den kauf von holländischen lkw-planen-taschen – die tasche auf dem rücken wird einfach zu schwer. warum soll es nicht möglich sein, schöne fahrradtaschen zu gestalten? es gibt da übrigens auch schon abgeschrägte ledermodelle für EUR 700…

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