Grafik: International Cycling Film Festival

International Cycling Film Festival: Lauter Fahrradfilme

Fotos: Razor Film

 

Beste Wahl: Das Mädchen Wadjda

Steigen im westlichen Kulturkreis die Lobeshymnen zu einem Film über benachteiligte Frauen in einem islamisch geprägten Land, stehen zwei Fragen im Raum: Was ist die wahre Motivation hinter diesem Lob und was bliebe übrig vom Film, ohne den abendländischen Hochmut seiner wohlmeinenden Kritiker. Für den hochgelobten Film „Das Mädchen Wadjda” verlassen wir uns auf Tim Lindemann, der in seinem Filmblog White Lightnin‘ schreibt: „Weder biedert sich der Film einem westlichen Publikum durch die simple Verteufelung der religiösen Institutionen und Wertvorstellungen an, noch scheut er davor zurück, für Saudi-Arabien potenziell riskante Themen aufzugreifen und Doppelmoral anzuklagen.”

Der Spielfilm über das Mädchen Wadjda (Fotos), das unbedingt ein Fahrrad besitzen möchte, obgleich das Radfahren für Mädchen in Saudi-Arabien nicht erlaubt ist, läuft derzeit noch in den Kinos und wird auch am Vorabend des International Cycling Film Festival (ICFF), am Freitag, 25. Oktober im Rahmen eines Sonderprogramms mit anschließender Podiums- und Publikumsdiskussion gezeigt. Zum Trailer.

 

Die Legende vom Rikschafahrer

Das Filmfestival findet zum achten Mal in den Flottmann-Hallen in Herne statt. Zu den 17 Filmen, die am Samstag im Hauptprogramm laufen, gehört zum Beispiel „Three-Legged Horses“. Darin probiert Felipe Bustos Sierra aus Edinburgh die Leiden eines Rikschafahrers zu zeigen: Ein Fahrraddiebstahl, betrunkene Touristen und fiese urbane Höhenmeter, die der Fahrer mit seinen Gästen im Huckepack überwinden muss. Obgleich die Geschichte mit festivalem Ausklang „auf einer wahren Begebenheit” beruht, kommt sie reichlich gestellt rüber. Das große Leiden wird einmal mehr mit überdeutlichen Hinweisen für den Zuschauer inszeniert. Und beim besten Willen nimmt man den Darstellern ihr Prekariat nicht ab. Eher würde man sie im studentischen Milieu verorten. Atmosphärisch schön bleibt die Stadt bei Nacht und der Blick in die Sterne. Diese Behauptungen kann man überprüfen: Film ab. Dass es zum gleichen Thema anders geht, hat einmal der Film „Pak Backe” von Mark Anderssen gezeigt. Die Kurzdoku über einen 81 Jahre alten Mann, der seit 55 Jahren Rikscha in Yogyakarta Indonesia fährt. Zum Vergleich.

Ebenfalls zu sehen ist „Velo Mysterium“ von Jörn Staeger. „Philosophisches Kino, das schwindelig macht“, verkündet das Festival in Herne. „Ein experimentelles Filmgedicht über das Fahrradfahren als sehr persönliche Symbiose von Mensch und Drahtesel. Der Betrachter durchfährt drei Zustände: Das Fahrrad als Raumschiff, als Körpermaschine und als Zeitrad“, hieß es beim Filmfest Weiterstadt. Immerhin gewann der Filmemacher mit dem Film „Rad“ die Goldene Kurbel und den Publikumspreis des ICFF 2009. Außerdem bleibt bei Staeger Kino Kino, das heißt 35 Millimeter und nix YouTube oder Vimeo.

 

Täve Schur und Horst Tomayer radeln sich frei

Zu „8-Minute Deadline” von Zina Papadopoulou und Petros Papadopoulos zitieren wir aus unserer Sichtung des VELO Berlin Film Awards: „Wem einmal Einradfahrer in der freien Wildbahn des Straßenverkehrs begegnet sind, der hat sie vielleicht als zeitrafferhafte Bildfolge wahrgenommen: Kaum können sie pausieren. In „8-Minute Deadline” bilden Einräder daher im Prinzip die bessere Metapher für den betriebsamen Großstadtalltag als Zweiräder. Allerdings rast dieser griechische Animationsfilm aus dem Jahre 2011 über acht Minuten (s. Titel) lang mit seinem gestressten Personal auf eine gesetzte Deadline zu, die zwar einmal von einer Liebelei unterbrochen wird. Trotzdem hätte ich dem Film eine interessantere Geschichte gewünscht. Oder drei Minuten weniger.” Film ab.

Ein sympathisches Wiedersehen mit Täve Schur und Horst Tomayer gibt es in „Cycling to Liberation“ von Thomas Willke. Nichts gegen Jugendkicks, auch dafür ist im Film gesorgt, doch ältere Menschen auf Fahrrädern sind besonders beeindruckend, trotz Aufklärungsfilmtouch. Zum Beweis.

Das Festival läuft am 26. Oktober um 20.00 Uhr in den Flottmann-Hallen, Flottmannstraße 94 – Herne. Der Eintritt beträgt fünf Euro. Gegen 23.00 Uhr wird der beste Film mit dem Filmpreis „Goldene Kurbel“ prämiert. Alle Infos auf der Festival-Website. Und so sah das Ergebnis beim letzten Mal aus.

Text: wscher / Grafik: International Cycling Film Festival / Fotos: Razor Film

 

Fotos: Razor FilmFotos: Razor Film


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