Autorenfoto / Copyright 2013 by Milena OdaBerlin angenähert, angefasst als Radlerin. Anders geht es in Berlin auch, aber das Radfahrerlebnis gehört zur Stadt. Man muss doch davon profitieren und sich damit fit machen, war mein erster einleuchtender Gedanke beim Umzug von Düsseldorf nach Berlin.

Als ich nach Berlin umgezogen bin, war das Fahrrad überhaupt das allererste, was ich in der fremden Stadt besessen habe, noch früher als die Wohnung. Intuitiv erkannte ich sofort, dass ich mich Berlin nur durch das Fahrrad nähern, so schnell mit ihm Bekanntschaft schließen kann. Auch wenn ich Autofahrerin bin, bedeutet das Fahrrad für mich sehr viel. Ich komme aus dem Vorland des Riesengebirges, so dass ich dort – im Vorland der Berge – immer Rad gefahren bin. Seit je bin ich Radlerin, aber eher eine milde Sportlerin als eine wettbewerbsbewusste. So wünschte ich mir auch in einer Stadt, die so groß und breit ist wie Berlin, eher ein Mountainbike als ein Stadtrad, letztlich hätte aber gar nur ein halbwegs funktionierendes Fahrrad in dieser radfreundlichen Stadt gereicht.

Im Geheimen hoffte ich, dass ich ein funktionierendes Fahrrad erwerbe. Aber wie, wenn ich noch so wenig Geld hatte … ja, wer geht denn nach Berlin, ohne Geld? Nur Künstler! Ich wollte Schriftstellerin werden.

Es war ein milder Sommer, ein sonniger Tag, ich saß an meinem neuen Lieblingsplatz in Mitte, als ein obdachloser Mann, so sah er jedenfalls aus, mit einem Fahrrad zu mir kam, und fragte, ob ich es bräuchte: für 40 Euro. Angebot. Ein Mountainbike, dachte ich, das passt doch! Und die Schrift auf dem Mountainbike gefiel mir auch: Falcon City. Ich wunderte mich, warum er die Fahrräder so auf der Straße verkaufte (ich kannte mich ja noch nicht so aus mit Berlin), woher er es hatte, aber ohne viel nachzudenken, kaufte ich es! Das Rad war da – und gleich ein erträumtes schönes (halbwegs funktionierendes) Mountainbike!! Ich war so glücklich, als ob es mein Fundament für die Zukunft wäre. Ich ahnte es, so es war und es ist auch geblieben – 9 Jahre begleitete es mich durch Berlin! Nicht geklaut, nie versagt, nie einen Unfall verursacht, einfach ein Held – und ich stolz auf ihn. Das ist der Ausdruck der wahren Liebe!

Auf diesem Rad raste ich am Anfang vom Osten in den Westen, hin und zurück, einfach um beide Welten gleichzeitig zu erleben, ich hatte noch keine Stadtteil-Vorlieben, ich wollte alles kennenlernen. Mit dem Falcon City ging es, schnell, bequem und sicher. Und dazu noch: keine Berge in Berlin! Außer dem Prenzlauer „Berg“, wo ich wohnte und dem Kreuzberg. Beide „Berge“ sind locker auf meinem Mountainbike zu bewältigen! Und kleiner als die Berge im Vorland des Riesengebirges.

Die Funktionen waren allerdings nur eingeschränkt betriebstüchtig. Nicht alle Gänge waren in Ordnung. Ich benutzte deshalb die zweite oder dritte Geschwindigkeitsstufe von den sieben, mehr nicht. Für 9 Jahre reichte diese klare, einfache Auswahl.

Überall war ich auf diesen Wunder-Rad-Wegen, auf die die ganze Berliner Fahrrad-Nation stolz ist! Ja, ich mit Stolz zähle ich mich zur Berliner Fahrrad-Nation!

Jeden Morgen geht es in Massen los. Die Straßen beleben sich zwischen 8 und 10 Uhr durch die Räder und die bewegliche Menschenmenge. Schnell, sicher und fröhlich fit in den Tag hinein!

Hier fragt mich keiner nach meiner nationalen Zugehörigkeit, hier sind wir uns alle gleich.

Da zählt die Mischung aus Geschwindigkeit und Rücksichtnahme.

An jedem frühen Morgen erlebte ich Glücksmomente! Es hat etwas Imposantes auf den tollen Radwegen durch das sich breit erstreckende Berlin zu fahren!

Und die Berliner Autofahrer sind meistens Klasse, sie nehmen Rücksicht auf uns, auf mich und mein Rad! Auch wenn ich gerade kein Licht mehr habe – während der 9 Jahre hatte ich schon so viele Lichter und Beleuchtungen, die ich immer wieder verlor. Aber dadurch ist meine Liebe noch stärker geworden, denn das Fahrrad selbst versagte nie, auch nicht in der Nacht!

Tags und nachts immer zusammen, erlebten wir viele Abenteuer, und es war nie langweilig oder langsam! Immer schnell, riskant, dabei sicher und immer fröhlich auf Straße oder Fußweg.

Mein Falcon City und ich sind ein Team geworden. Ich kannte seine Geschwindigkeit, es meine. Ich weiß genau, was ich mir auf meinem Rad-Freund erlauben darf, wann ich losfahren muss und wie stark ich treten darf, um rechtzeitig anzukommen!

Ich weiß auch, dass es bei Regen ziemlich schlimm wird, da ich mit der Zeit ein vorderes Schutzblech verloren habe und es noch keine Gelegenheit gab, es zu ersetzen. Aber ich habe einen Korb hinten! Dort lagere ich immer meine Taschen, wie praktisch! So kann ich jeden Einkauf besorgen, Milch, Brot, Käse, Mineralwasser, alles im Korb, wie ein Kind im sicheren Sattel. – So fahren übrigens viele Berliner, ein Kind sitzt brav hinten drauf, als ob es keine Gefahr in Berlin gäbe! An sich fühlt man sich in Berlin auf dem Rad sicher … Juhu!

Ich weiß aber auch, dass mein rechtes Hosenbein immer schmutzig wird, wenn ich es nicht hochkremple, das tue ich natürlich immer, doch im Winter ist es besonders mutig, weil sehr unangenehm, aber ich bin zu faul oder zu sparsam, eine Abdeckung für die Kette zu beschaffen, die das rechte Hosenbein so schlimm verschmiert. Das ist bis heute so, und es geht manchmal so weit, dass ich überall schon von der Kette verschmiert bin, natürlich auf den Fingern, aber auch ganz oben auf dem Hals oder auf der Kleidung. Wann werde ich so gut zu mir sein, um diesen Deckel zu beschaffen?

Hm, ich weiß nicht, ob es sich noch lohnt, da ich jetzt nach so vielen Jahren Berlin verlasse, auch mein Rad, mein lila-gelbes Mountainbike, mein Falcon City, das mich bei dem letzten Berliner Besuch ganz schön verschmierte, vielleicht aus Rache, da ich es nach so vielen Jahren untrennbarer Freundschaft verlasse … ihn da lasse, draußen steht es, einsam. Es weint, verrostet langsam, ohne mich … Es wartet auf mich, bis ich zurück bin.

Zurück? Wir werden nicht mehr zur Berlin Fahrrad-Nation gehören, höre ich seine Stimme!? Nein? Zu welcher gehörst du denn jetzt? Ja, ich komme zurück aus San Francisco, wo ich jetzt lebe und gehöre so zur San Francisco – Fahrrad – Nation, die sich so zahlreich erweist wie die Berliner. Die dortigen Radwege sind zwar nicht so perfekt durchdacht, präzise und klar beschaffen, aber es gibt dort genug Radler, die es trotzdem schaffen. Und ich auch – nach der tüchtigen Übung in Berlin!

Ich suchte nach einer US-Stadt der Fahrräder, ich hätte ansonsten das Mountainbike-Fahren sehr vermisst. Und San Francisco ist berühmt dafür.

Dort besitze ich ein fast neues silber-blaues Mountainbike, das ich wie ein Wunder für den gleichen Preis aus der zweiten Hand besorgte, – für 50 Dollar, und sein Name gefällt mir genauso gut, wie des Berliners: Pacific. Falcon City meets Pazific. Es ist – ein noch – ja, ich muss es sagen, besseres –, damit ich die steilen Hügel von San Francisco (viel steiler als die vom Prenzlauer Berg und dem Kreuzberg) schnell und vor allem mühelos bewältige. Mühe muss ich mir aber auch auf diesem Mountainbike geben, hier reichen keine zwei Geschwindigkeiten, hier geht es ernsthafter zu. Ich will hochfahren, aber manchmal ist es wirklich zu steil! Ich brachte ein Foto von meinem neuen Mountainbike nach Berlin, zeigte es meinem traurigen und ganz verrosteten Berliner Falcon City. Er war neidisch, sah ich … Das Wiedersehen war traurig. Der Berliner Regen ersetzte meine Tränen …

Es musste auf mich im Regen, im Schnee, im Wind und selten an der Sonne warten; im Gegensatz zu meinem Rad in San Francisco, das sich meistens sonnt, wenn ich in Berlin bin und versuche, wieder mein erkaltetes Herz vom Falcon City zu erwärmen, durch mein tägliches Fahren. Bevor ich wegfahre, muss ich mein Berliner Mountainbike für den Frühling in einen trockenen Keller einbringen, so dass mich mein bester Berliner Freund wieder fit und fröhlich begrüßt. Denn ich werde in Berlin immer Rad fahren, auch wenn ich dort nur ganz kurz zu Besuch bin.

Text und Fotos: © 2013 by Milena Oda

2011 ist Milena Odas Roman: „Nennen Sie mich Diener“ bei Schumachergebler Dresden erschienen. Mehr zur Autorin: www.MilenaOda.com / America Blog: www.MilenaOda.blogspot.com
Autorenfoto / Copyright 2013 by Milena Oda