Screenshot: www.duden.de

Meinten Sie Kampfreden?

Screenshot: www.duden.de

Dem Duden ist das Wort „Kampfradler“ noch fremd. Wer es in die Duden-Onlinesuche eintippt, erhält prompt eine Gegenfrage, die ausdrückt, was sich der „Tagesspiegel“ mit seiner jüngsten Serie leistet. Das Bedienen von Ressentiments gegen einzelne Verkehrsteilnehmergruppen vom Schreibtisch aus ist nicht ungefährlich für das Verkehrsklima. Längst nicht jeder Leser fällt darauf rein.

 

Stimmungsmache und Frontenbildung

Auch der jüngste Beitrag der Kategorie „Radfahrer“ versus „Autofahrer“ im „Tagesspiegel“ benutzt das kalkulierte populistische Konzept der Empörung. Dabei wird eine Verkehrsteilnehmergruppe gegen die andere aufgehetzt, nebst zugehörigen Fantasien und Projektionen über die jeweils andere. Im echten Leben gibt es „den“ Autofahrer oder „den“ Radfahrer so nicht. Auch keine homogene Gruppe „wir“ und „ihr“, weil ein Verkehrsteilnehmer sein Vehikel wechselt und Menschen unterschiedlich verantwortungsvoll unterwegs sind. Der im Auto ist auf einmal der auf dem Fahrrad. Sobald jemand eines dieser Fahrzeuge verlässt, ist er Fußgänger.

Die Stimmungsmache und Frontenbildung der „Tagesspiegel”-Serie ist verantwortungslos. In ihrer meist undifferenzierten Zuspitzung trägt sie mit dazu bei, dass sich Teilnehmer im Straßenverkehr gegenseitig nur als „Radfahrer“ oder „Autofahrer“ wahrnehmen, anstelle als zwei Menschen, die gerade mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind und eine konkrete Situation auflösen müssen, die teilweise einer gegebenen Infrastruktur geschuldet ist.

 

Niveau einer Boulevardzeitung

Das Kalkül hinter der Empörungsmaschine sind natürlich Verkaufszahlen, Klickraten und Werbeeinnahmen. Dazu gehört eine laute Leserdebatte. Allerdings machen einige Kommentare die populistische Masche des „Tagesspiegels“ selbst zum Thema: Von „Kampfrhetorik“ anstelle sachlicher Aufklärung ist die Rede und vom „gegeneinander Aufhetzen“. Es wird die Frage gestellt, warum „ein ständiger Kampf zwischen Fahrradfahrern und Autofahrern immer wieder hauptsächlich zum Thema gemacht“ wird. Ein anderer weist auf mögliche Konsequenzen solcher Beiträge hin: „Leider sorgen Kommentare wie dieser [dafür], dass ein kleiner Teil der motorisierten Verkehrsteilnehmer ihn als Rechtfertigung nutzt, andere abzustrafen, … Ich spüre das im Verkehr sehr deutlich, insbesondere, wenn in Boulevardzeitungen solche Meinungen veröffentlicht wurden.“ In seinen letzten Beiträgen zum Thema Radverkehr sinkt der „Tagesspiegel“ auf das Niveau einer Boulevardzeitung.

Deshalb kommt zum Schluss noch der Duden zu Wort. Der ist bekanntlich nüchtern bis langweilig und taugt nicht zum Schmodder. Aber Bildungsbürger greifen gern zum Duden, wenn sie sich streiten: Guck doch im Duden nach, sagen sie. Wer im Duden das Wort „Kampfradler“ eintippt, erhält das Ergebnis: Leider haben wir zu Ihrer Suche nach keine Treffer gefunden. Was wohl der Alltagssituation der meisten Verkehrsteilnehmer auf der Straße entspricht. Außerdem legt der Duden mit einer hilfreichen Gegenfrage nach: Oder meinten Sie Kampfreden?

 

Text: wscher / Screenshot: www.duden.de

About the author

fahrradjournal

View all posts

3 Comments

  • Eigentlich war die Rad29-Redaktion einfach mal wieder auf Streifzug durch die Internetwelt, um zu scannen, was diese zum Thema Fahrrad zu bieten hat. Und da wir gerade unsere konzeptuelles Navi auf Verkehrspolitik und somit Schlagwörter wie Kampfradler, Tempo-30, Schutzstreifen & Co (Ramsauer)& Co eingestellt hatten, sind wir beim Fahrradjournal gelandet. Es ist schön, einfach auch mal einen Artikel zum Thema Fahrrad „versus“ Auto zu lesen, der nicht polarisiert (oder sagen wir 2 Artikel … nämlich auch noch den zum Film Bikes -vs-cars.)
    Hier, bei Fahrradjournal, geht es angenehm ruhig zu, nämlich realistisch. Wir seien fast alle mal Fahrradfahrer oder Autofahrer, temporär: das, was Wolfgang in seinem Artikel schreibt ist einfach (in positivem Sinne), und doch haben wir eine so klare (wohltuende) Aussage erst nach einer langen Surfreise gefunden.

  • Komisch – ich finde gerade, dass sicher Tagesspiegel mit „Passt auf euch (selber) auf!“, „Kämpfen, Radler, kämpfen!“ und „Liebe Pkws: Ihr seid tonnenschwer!“ pointiert von der Masse der Berichterstattung abhebt.

    Hier wird doch kein Hass geschührt sondern einem Jeden der Spiegel vorgehalten.

    Nebenbei ich weiß garnicht mehr wie ich den vielen Geisterfahrern, Lichtlosen Fixifahrern oder durch Smartphones hypnotisierten Fußgängern noch Herr werden soll. Da fahre ich doch lieber auf der Fahrbahn. Oder lieber doch nicht?

    • Das kann ich so nicht bestätigen: Es fällt schon auf, dass es beim Tagesspiegel ab und zu schon etwas polemisch zu geht, von den Kommentaren mal ganz abgesehen. Die Annäherung an das Boulevardniveau sehe ich ähnlich.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *