Zeichnung: Joel Cairo

Public Viewing zur Tour de France

Dem Fußball ist derzeit kaum zu entkommen. Während bei der WM als Sonderling gilt, wer nicht dabei ist, gilt bei der Tour de France als unberbesserlich, wer mitfiebert. Wir gehören zu den Unverbesserlichen. Und weil wir ein Public Viewing zur Tour de France vermissen, haben wir an dieser Stelle einen fahrradjournal Artikel aus dem Jahre 2012 aufgehübscht.

In der Debatte um eine deutsche Live-Berichterstattung spielt neben dem Quotenargument nahezu reflexhaft das Dopingargument eine Rolle. Dabei sollte es längst zur Allgemeinbildung gehören, dass in fast jeder Profisportart gedopt wird, übrigens auch im Fußball, wo man nur nicht so genau hinschauen mag. Der Journalist Hajo Seppelt hat einmal gesagt, die einzige Sportart, in der er noch nie von einem Dopingverdacht gehört habe, sei das Trampolinspringen.

In zahlreichen Veröffentlichungen ist belegt, dass die Teilnehmer der Tour von Anfang an schummelten, manipulierten und ihre Konkurrenten übel sabotierten. Wie sie Cognac und Pillen schluckten, immer das, was gerade en vogue war. Das muss man keinesfalls gut finden, jedoch als Bestandteil des Rennens kennen. Das ist und war auch schon immer den Entscheidern und Fachjournalisten von ARD und ZDF bekannt. Würde es tatsächlich nur um Sport und journalistische Verantwortung gehen, wäre eine differenzierte und kritische Begleitung der Tour de France die Alternative zu pikierter Ignoranz.

Zeichnung: Joel CairoVielleicht gehört die Empörung über das Doping bei der Tour zu der hochmoralischen Gegenwartsprojektion unserer Zeit, die, ähnlich wie von Politikern, Höchstleistung, Sauberkeit und Unfehlbarkeit des sportlichen Helden zugleich einfordert. Ob das menschlich machbar ist, spielt da weniger eine Rolle. Ein weiterer nicht deutlich ausgesprochener Grund für das deutsche Desinteresse an der Tour de France dürfte der Mangel an nationalen Siegern sein. Die Sehnsucht nach deutschen Helden findet in der ausführlichen und oft einseitigen Berichterstattung zur Fußball-WM ihre Entsprechung. Wer sich trotz sportlicher Begeisterung über die verschwiegene  Doping-Realität hinter den Kulissen des Fußballs informieren möchte, braucht nur einmal das journalistische Blog Fußballdoping aufzurufen.

Ist es einerseits unsinnig und überheblich, die Leistung eines Profisportlers auf Doping zu reduzieren, so ist es andererseits ein Zuviel an Machtzuschreibung, wenn in der „ZEIT“ behauptet wird, durch bekannte Doping-„Sünder“ wie Jan Ulrich und Alberto Contador, hätte „der Radsport seine Glaubwürdigkeit verloren.“ Etwas mehr dürfte die Radsportkultur denn doch zu bieten haben.

Das hindert niemanden daran, den Vorteil durch die Einnahme chemischer Substanzen sportlich unfair zu finden und Doper (sofern Doping überhaupt auf den einzelnen Sportler reduziert werden kann und nicht systemisch ist) als kurzschlüssig: Erstens ruinieren sie ihre Gesundheit, zweitens wird ihnen später der Titel aberkannt. Danach folgt der obligatorische Heldensturz.

Doch wie kann man als hinreichend aufgeklärter Zeitgenosse überhaupt zum Zuschauer der Tour de France werden? Vielleicht könnte man es so halten, wie es manche der Kultur südlicher Länder zuschreiben möchten, dort, wo die ganz verrückten Fans zuhause sind. Gegenüber der „taz“ verriet Marco Pastonesi von „La Gazzetta dello Sport“ einmal: „Wir haben die Spezialisten, die bei Dopingfällen herangezogen werden, und wir anderen sind die Nachtigallen, die den Sport besingen.“ (Andere Länder, andere Sitten). Wäre es also nicht denkbar, das Sportfest vom einzelnen „Sünder“ (oder den massenhaft Sündigen) zu trennen? Oder, wie Peter Sloterdijk im „Spiegel“ äußerte, das Sein vom Schein abzuspalten:

„… Italiener und Spanier sind Angehörige einer Kultur, in der die Abspaltung des Scheins vom Sein zur populären Metaphysik gehört. Die Deutschen, speziell die protestantischen, wollen dagegen die Wörter und die Dinge wieder zur Deckung bringen. Wir sind, glaube ich, die einzige Nation auf der Welt, wo man an ehrliche Neuanfänge glaubt.“

Wie immer man es hält, uns fehlt schlicht, was beim Fußball – trotz Doping – so selbstverständlich ist und in den Nachbarländern ohnehin: das gemeinsame Schauen der Tour. Selbst wer es nicht so mit dem Radsport hat, kann die Live-Berichterstattung übrigens ebenso als hübsches Reisemagazin sehen. Dafür sorgen allein schon die Kamerabilder. Also, liebe Gastronomen und Event-Veranstalter. Denkt euch etwas aus, ihr füllt damit übrigens eine Marktlücke. Oder stellt doch einfach mal einen Testscreen nach draußen! Wir würden jeden über unsere Social Media Kanäle verbreiten, der sich dazu aufrafft. Und lieber Deutscher Radsportverband: Warum geht ihr nicht einfach mal an die Öffentlichkeit und fordert ein Public Viewing?

Text: Wolfgang Scherreiks / Zeichnungen: Joel Cairo

Flattr this

About the author

fahrradjournal

View all posts

3 Comments

  • Eine Marktlücke kann nicht gefüllt werden, wenn kein Markt vorhanden ist. Und daher wird es auch kein (nennenswertes) Public Viewing geben. Es lohnt schlicht nicht.

    Und so sehr ich das Radfahren liebe, die Tour de France ist zum größten Teil einfach nicht sehenswert. Zumindest nicht für den Laien. Die Etappen sind viel zu lang und bieten kaum erkennbare Abwechslung. Es ist ein ermüdender Kampf, den die Fahrer ja auch in erster Linie mit sich selbst ausfechten/ausradeln. 90 Minuten Fußball sind da nunmal eindeutig sehenswerter und gerade noch kurz genug, um auch „Event-Fans“ bei der Stange zu halten…

  • Ich fahre ja auch gerne und sportlich Fahrrad, aber Tour de France fand ich schon immer unbeschreiblich langweilig.
    Was nicht heißen soll, dass alle die sich das angucken Idioten sind, es heißt vermutlich bloß, dass sie sich etwas mehr mit dem Thema beschäftigt habe.
    Ich will mich damit aber nicht beschäftigen und deshalb gucke ich es nicht und so geht es glaube ich der Mehrzahl der Deutschen.
    Ich habe auch jahrelang Feldhockey gespielt und finde trotzdem jede Übertragung dieses Sports langweilig.
    Aber viel Glück weiterhin.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *