Foto: SenStadtUm

Rücksichtkampagne statt Infrastrukturmaßnahmen

Foto: SenStadtUmUnter der erkenntnisreichen Überschrift: „Radverkehr gewinnt weiter an Bedeutung – Verkehrssenator Müller gibt Startschuss für das dritte Jahr der Kampagne „Berlin nimmt Rücksicht“, flatterte heute eine Pressemitteilung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt ins Haus.

Danach wies Verkehrssenator Michael Müller auf die mittlerweile ins dritte Jahr gehende – mehr oder weniger sichtbare – Kampagne „Rücksicht im Straßenverkehr“ hin. „Unsere Zählungen an den Pegelmessstellen für den Radverkehr haben ergeben, dass in 2013 dort 4 Prozent mehr Radfahrerinnen und Radfahrer unterwegs waren als im Vorjahr“, so Müller. Dieser Trend gelte seiner Einschätzung nach für Gesamtberlin.

Von dringend notwendigen Infrastrukturmaßnahmen und eine höherer Mittelbereitstellung als Antwort auf die Entwicklung ist an dieser Stelle allerdings nicht die Rede. Dabei ist klar, dass die Konflikte unter den Verkehrsteilnehmern aber auch Unfälle direkt mit der städtischen Raumverteilung zusammenhängen. Weil die Berliner Politik hier jedoch seit Jahren versagt, wird lieber hergeleitet, dass die steigenden Radverkehrszahlen und die nach wie vor besorgniserregende Unfallsituation deutlich machen, dass die „Rücksicht“-Kampagne, die zu einem besseren Verkehrsklima und einem konfliktfreieren Straßenverkehr beitragen soll, wichtiger denn je sei. Müller: „Die Kampagne war bereits in den letzten Jahren sehr erfolgreich, wir haben mit unseren vielfältigen Aktivitäten viele Menschen erreicht. Darauf gilt es aufzubauen.” Anhand welcher Parameter dieser Erfolg gemessen wurde, wird in der Pressemeldung nicht mitgeteilt.

Dass man damit also nicht an die Ursachen geht, sondern einem Erziehungsprogramm für diejenigen applaudiert, die mit den Versäumnissen der Politik zurechtkommen müssen, ist schon ein starkes Stück. Nach der zweiten Modellstadt Freiburg „droht” nun auch anderen Städten wie Bonn Oldenburg, Trier und dem Landkreis Fürth die Übernahme der Kampagne. Vor zwei Jahren schrieben wir u. a. dazu:

Plakat_hoch_Kurierfahrer_web„Mit einer neuen Marke „Rücksicht“ wird die Stadt ab sofort plakatiert. Die Kampagne wird auf Bussen, Straßenbahnen oder auf Infoscreens zu sehen sein. Die Botschaften lauten u. a.: „Kostet nichts“, „wirkt sofort“ oder „stiftet Frieden“. „Rücksicht” wird u. a. auf Plakaten und Postkarten von bestimmten Typen in Form einer Dose überreicht. Nach Angaben von Burkhard Horn von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gehe es beim eingesetzten Werbematerial darum, Personen zu zeigen, die Konfliktsituationen widerspiegeln, die man so im Kopf habe: Den Paketdienstfahrer, der auf dem Radfahrstreifen parke oder der Fahrradkurier, der sich nicht an die Regeln halte.

RUECKSICHT_CHRISTOPHORUS_DOSE_Presse_P7Z2606_webBei der Gestaltung der Kampagne hat man sich offenbar bei Missionaren bedient. Das Video-Intro zur Kampagne erzählt, wie der Heilige Christophorus (!), „Schutzpatron der Reisenden“, über eine Marketingagentur zum hippen Verkäufer wird, der das Produkt „Rücksicht“ in Dosen (!) verkauft. Das Filmchen dürfte schon aufgrund seiner Langatmigkeit Schwierigkeiten haben, über die anvisierten Social Media geduldige Aufmerksamkeit zu erzielen. Dummerweise konterkariert er damit die Äußerung der Marketingbeauftragten im Film, die Kampagne müsse sexy sein. Der Spot ist alles andere.

Man wolle nicht zwischen guten und bösen Verkehrsteilnehmern trennen, wurde bei der Vorstellung der Kampagne mehrfach betont. Der erste Spot nach dem Intro zeigt, dass man zumindest auf das Belehren von Verkehrsteilnehmern nicht verzichten konnte.

Dass sich der protestantische Berliner ausgerechnet vom Heiligen Christophorus belehren lässt, der auch noch wie Boris Becker frisiert und in hellblauer Abendgarderobe aufkreuzt, ist eine optimistische Idee. Dieses Konzept muss sich daher die Frage gefallen lassen, wer ernsthaft von der Kampagne berührt werden soll. Die Ausgestaltung bildet genau jene altbackene Witz- und Fantasielosigkeit ab, wie sie von behördlich initiierten Kampagnen zu befürchten war:

Da gibt es diese Postkarten und Plakate mit den fünf Kernmotiven oder Models, die für die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer stehen sollen. Solche per Photoshopnachbearbeitung entmenschlichten Gesichter kennen wir aus Traktaten christlicher Missionare, die gebleckten weißen Zahnreihen von billiger Zahnpastawerbung. Und da ist dieser „vertiefende“ Flyer, der beispielhaft zehn verschiedene Konfliktsituationen darstellen soll. Die zugehörigen Flüche, die sich die Verkehrsteilnehmer zurufen, sind so lebensecht, wie sie nur um Generationen von ihren Schülern entfremdete Pädagogen am Schreibtisch aushecken können:

„Mach mich nicht an, Opa.“ – „Licht an, Irrer!“, „Doofmann!“, „Hoppla!“ Oder benutzt irgendjemand den Ausdruck: „Park-Trottel?“

Möglicherweise wären echte menschliche Identifikationsfiguren, unheilige Persönlichkeiten, die eine Geschichte erzählen, die glaubwürdigere Variante gewesen. Oder einfach etwas Mut zur Ironie, wie hier im Video aus Dänemark zu sehen ist:

Doch rudern wir zurück: Vielleicht fällt unsere Wahrnehmung des Kampagnenmaterials nur so aus, weil wir irgendwie durch den Rost einer Zielgruppendefinition gefallen sind. (Wie konnte das nur passieren?) Oder vielleicht ist an dieser Stelle das beliebte Argument angebracht, gerade das Ungelenke präge sich ein und sorge für die nötige Aufmerksamkeit und damit die gewünschte Diskussion … Ein erstes Bild von der Kampagne kann sich jede/r selbst auf folgenden Internetseiten machen. Dort ist auch der angesprochene Intro-Film zu sehen.”

www.berlin-nimmt-rücksicht.de

Text: wscher / Fotos: SenStadtUm Berlin / berlin-nimmt-rücksicht.de / Video: The Danish Road Safety Council

Flattr this

About the author

fahrradjournal

View all posts

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *