Schon als Kind war Dirk deGünther dem Fahrrad verbunden. Sein Vater handelte mit Fahrrädern, der Junge gewann die Deutschen Meisterschaften im Radball. Heute baut und verkauft er handgefertigte Fahrräder auf Bestellung oder erledigt ganz normale Reparaturen. Geht nicht, gibt´s nicht – dann mach ich es eben selber, lautet die Devise des Mannes, der Berlin jetzt den ersten Tweed Run – Pardon – den »1st Tweed Day Berlin« beschert. Aus diesem Anlass besuchte ihn Fahrradjournal in seinem Geschäft in Berlin-Charlottenburg.

 

Herr deGünther, wie kommen Sie eigentlich dazu, einen Tweed Day in Berlin zu veranstalten?

Bei mir kommen mehrere Dinge zusammen: Früher habe ich mit meiner Frau acht Jahre lang Mode verkauft. Aber auch das Fahrrad fahren hat mich von klein auf begleitet. Und ich habe schon ein britisches Faible. Vor ein paar Jahren bin ich auf den Tweed Run aufmerksam geworden und hab´ mir gleich gedacht: Wär´ schön, wenn es hier so etwas geben würde, ich würde auf jeden Fall dabei sein. Aber da gab es nichts, außer in Oldenburg.

Immerhin …

Nur das mit der Höhe des Startgeldes, das ist nicht so mein Ding. Wenn ich etwas anfange, dann muss da ohne Stopp ein roter Faden durchlaufen. Nicht links und rechts, es muss genau so sein. Jedes Jahr soll es eine Folgeveranstaltung geben, wie in London auch. Mit Sponsoren und einem richtig schönen Programm, sodass die Teilnehmer sagen: Mensch, vielleicht haben wir zehn, vielleicht fünfzehn Euro Startgeld bezahlt, aber wir haben so viel dafür bekommen. Vielleicht hätten wir dafür auch dreißig bezahlt, … aber so soll es ja nicht sein.

Wie soll es denn sein?

In erster Linie ein schöner Tag. Ganz gemütlich gentleman- und ladylike mit dem Fahrrad durch Berlin fahren. Und in der Zeit zurückversetzt. Zu schauen: Aus dieser Perspektive habe ich das ja noch gar nicht gesehen, auf einer freien Straße ganz in Ruhe dahingleiten, ein bisschen mit den Mitfahrern quatschen und sich sagen: Ist das schön!

Haben Sie schon mit den Veranstaltern des Tweed Run in London gesprochen?

Nein, noch nicht.

Deshalb heißt es wohl Tweed Day?

Wir wollen nicht alles identisch nachmachen. Da gibt es diese Grundidee: Die Kleidung und ein Ausflug mit dem Fahrrad. Wir wollen Zwischenstopps einlegen. Ein Old Fashion Picknick, Fünf-Uhr-Tee mit Gebäck. Vielleicht noch kleine Stopps für einen Umtrunk. Abends geht es dann ins Clärchens Ballhaus zu Swingmusik. Die Demo wird nach der Schlusskundgebung gecuttet, anschließend geht´s zur Party über. Sodass es harmonisch ineinander übergeht.

Haben Sie schon Sponsoren für den Tweed Day gewonnen?

Wir bevorzugen die, die wir kennen. Weil wir wissen, was dahinter steckt. Soll ich den nächsten Shop da drüben nehmen, nur weil wir ein Sponsoring wollen? Nein, wir wollen das, was passt.

Können Sie Beispiele nennen?

Wir haben Chelseas Farmer´s Club für die britische Mode, und für das Picknick im Tiergarten sprechen wir mit dem Café am Neuen See. Das kann man direkt anfahren. Und mit dem kleinen See, das liegt sehr idyllisch. Da ist so ein Eckgrundstück mit Wiese angelegt, sodass wir dort das Picknick machen können. Und für den Tee können wir natürlich nicht irgendeine Kette nehmen, sondern Kings Tea Garden. Den Inhaber Herrn Schmitt kennt meine Frau aus dem Citymanagement am Kurfürstendamm. Das ist genau seine Kragenweite.

Sind auch Leute einbezogen, die hier in Berlin für Ihre historischen Fahrradsammlungen bekannt sind, Uli Feick aus Spandau oder Georgios Velissarios von Rembetis?

Uli Feick ist auch dabei. Der soll auch seine schönen Fahrräder dazuholen. Als kleines Museum. Dass man sieht: Mensch guck Dir das Fahrrad mal an, diese alte Karbidlampe. Da sind bestimmt einige dabei, die das noch nicht so live gesehen haben. Manche kennen so etwas nur aus dem Katalog. Rembetis – hoffentlich, wenn er kann. Der hat auch so eine schöne Fahrradsammlung … das ist ja ein Schlag an Menschen … dass ist schon so, dass ein Pool entsteht.

Worin liegt die Faszination für alte Fahrräder?

Wenn ich mir den Stukenbrok-Katalog von 1912 durchblättere, dann finde ich, stilistisch gesehen und auf die Produkte bezogen war das eine schöne Zeit. Wenn ich dieses wunderbare Angebot mit dem von heute vergleiche, dann sage ich mir, einen größeren Rückschritt gibt es gar nicht. Nun, Fortschritt und Technik, natürlich, … aber das Schöne geht dabei verloren. Das ist natürlich eine Preisfrage: Kunststoff ist preiswerter als Metall etc. Aber wenn die schönen Sachen gar nicht erst angeboten werden, ist das schon ein bisschen doof.

Wie finden sich die passenden Teilnehmer für den Tweed Day?

Ich glaube, es selektiert sich von alleine am Auftreten. Wenn sich Leute Mühe geben, die die Kleidung zuhause haben und sich drauf freuen, sich ein Fliegchen binden, die Schühchen noch mal gelackt … Aber auch andere Teilnehmer, die vielleicht unerwartet dazustoßen und sich entscheiden: Ich fahr da mit! Sollen sie gerne tun. Und dann wieder diejenigen, die davon gehört haben: Schön, ich pack mir mein Fahrrad, so wie es jetzt ist, aus dem Keller. Was brauche ich denn? Englisch! Was ist denn Englisch für mich? Opas Pfeifchen. Also Opas Pfeifchen im Mund. Und der trägt dann ganz normale Kleidung.

Also ich glaube, dann fühlt er sich schon etwas unwohl. Vielleicht ärgert er sich, dass er sich nicht wenigstens die eine Stunde Zeit genommen hat, das Passende rauszusuchen. Dass er sagt: Ich bin ja heut´ daneben, das passiert mir nicht noch mal. Ich hatte Hemmungen, die Pfeife in den Mund zu nehmen und hab´ sie lieber in der Tasche gelassen … So funktioniert das.

Für diejenigen, die jetzt auf jeden Fall dabei sein möchten: Beim letzten Tweed Run in London war es anscheinend großes Glück, wenn die Registrierung über das Internet klappte. Und man muste schnell sein. Ein interessanter Widerspruch zum Charakter der ganzen Veranstaltung. Muss man Internetkenntnisse besitzen, um sich zum Berlin Tweed Day anzumelden?

Nein. Die Information gibt es jetzt erstmal nur über Internet, für diejenigen, die am Googlen sind, oder zufällig mal auf unsere Webseite kommen. Parallel läuft ja noch unsere Sponsor-Akquise. So wissen wir im Vorfeld: Jetzt sind wir bei 80, es könnte sein, dass wir noch mit 150 oder 180 Teilnehmern rechnen können. Es werden aber noch Flyer und Plakate gedruckt. In den Stores, die ausgesucht sind, kann man dann die Button erwerben und sich entsprechend anmelden. Da kriegt man so eine Startbanderole.

Was kostet die Teilnahme?

Zwei Euro für die Banderole, fünf Euro für die Hupe, sechs alles zusammen.

Es gibt Hupen?

Ich habe bei Fahrradausflügen die Erfahrung gemacht, dass es immer schön ist, sich bemerkbar zu machen. Deshalb gibt es Hupen. Klingeln und Hupen, das sind sehr angenehme Geräusche.

Damit ist man offiziell beim Tweed Day dabei?

Ja. Dann ist man offiziell registriert.

 

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Der Tweed Day zieht durch den »Ostteil« und den »Westteil« der Stadt. Wie ist der genaue Verlauf?

Treffpunkt ist Gendarmenmarkt um 13.00 Uhr. Eine Stunde später ist offizieller Start. Erst mal muss man eine Kundgebung machen, unsere Parole. Dann geht’s direkt Unter den Linden, durchs Brandenburger Tor, Straße des 17. Juni, Bismarckstraße, hier durch die Droysenstraße, auf dem Kudamm zurück, dann Tauentzien, die Budapester Straße durch, dann links in die kleine Straße zum Café am Neuen See. Da soll das Old Fashion Picknick stattfinden. Zurück wieder auf die Jägerallee, an der Goldenen Else vorbei, auf der Straße des 17. Juni, Brandenburger Tor, Unter den Linden. Vor der Brücke geht es links hoch, am Montbijou-Platz vorbei bis zur Auguststraße, vor Clärchens Ballhaus.

Dort wird dann getanzt, zu »Louise Gold & die Herren Quarz«, wie zu lesen ist …

Aber es wird dort auch eine Tombola stattfinden. Deshalb Sponsoring. Die meisten Sponsoren werden kein Geld ausgeben, sondern ihre Produkte. Das wollen wir für die Preisverleihung nutzen, für das beste Kostüm zum Beispiel, sodass die belohnt werden, die sich etwas Mühe gemacht haben, sich korrekt zu kleiden, um diesen Tag mit Stil und Würde zu genießen. Die vielleicht ihr kleines Picknicktäschchen gepackt haben, die selber ihr Deckchen ausrollen. So etwas finden wir einfach schön, wenn sich einer einen Gedanken mehr gemacht hat, als andere. Die sollen dann natürlich auch etwas dafür bekommen.

Der Tweed Day ist als Demonstration angemeldet. Wofür demonstrieren Sie eigentlich?

Es geht darum, dass das Fahrrad nicht als Sportgerät wahrgenommen wird, sondern so, wie es früher üblich war: als Fahrzeug, um von A nach B zu kommen. Und zwar ohne gleich die Hektik und den Stress des Straßenverkehrs aufzunehmen. Ich denke an Stilisten, die gerne Fahrrad fahren. Nicht weil sie schnell irgendwohin müssen, sondern weil es einfach Spaß macht, Fahrradfahren mit Stil zu kombinieren. Es ist ja egal, ob Sie mit einem neuen oder alten Fahrrad fahren. Es geht um die Würde des Fahrradfahrens.

Wäre das nicht auch ein Brückenschlag zum fairen Umgang aller Verkehrsteilnehmer miteinander? Ich denke an den Gentleman, die Lady im Berliner Straßenverkehr …

Also man sollte rücksichtsvoll und zuvorkommend sein und auch mal auf seine Vorfahrt verzichten. Das Rasen lassen. Wenn einer so dahingleitet … Andererseits sehe ich auch nicht ein: Warum sollte ich die Fahrbahn wechseln, wenn ich da gleich links wieder abfahre, dann müsste ich zwei Mal die Fahrbahn kreuzen, den Verkehr blockieren, nur damit ich auf der rechtssicheren Seite bin. Nun, da gibt es auch für mich Konflikte, wo ich sage: Es ist jetzt kein Vorteil, akribisch die Straßenverkehrsordnung zu nutzen.

Rechnen Sie damit, dass der Tweed Day in der Stadt eine große Zukunft hat?

Ich gehe davon aus, dass wir ein positives Feedback erhalten, da nicht wenige hier in Berlin die Stile von 1900 bis 1950 tagtäglich leben. Die entweder auf alt schneidern lassen oder sich bewusst Vintagekleidung kaufen. Bei denen ist sogar das Mobiliar und das Interieur komplett der Zeit angepasst …

Natürlich werden wir auch Feedback bekommen, wo es heißt, dies und das hätte besser sein können etc. Aber wenn man es von Anfang an perfekt macht, dann ist es langweilig. Der Tweed Day soll regelmäßig stattfinden und er wächst mit seinen Teilnehmern. Wir haben eben nur die Grundidee und möchten das so schön wie möglich gestalten. Und wir hoffen, dass es auch so ankommt, dass es gedeiht wie ein Pflänzchen.

Herr deGünther, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für den Tweed Day.

Danke sehr.

Interview: Wolfgang Scherreiks / Foto: Anja Jeltschin

 

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