Zeichnung: Joel Cairo

Social Style

Ich habe mich gelegentlich mit Äußerlichkeiten wie dem Bekleidungsstil auf dem Bike befasst. Darum geht´s hier einmal gar nicht. Denn in letzter Zeit fiel mir auf, wie stillos es in der Interaktion auf der Straße zugeht. Das nenne ich hier mal Social Style, auch wenn der Begriff anderwo besetzt ist.

Erst gestern versperrte eine Gruppe Fußgänger mit Hund einen von Fußgängern und Radfahrern gemeinsam genutzten Weg. Während ich versuchte hindurch zu kommen, stellte man, ohne mich weiter zu beachten, laut die Frage: Dürfen hier überhaupt Radfahrer fahren? Und blieb im Übrigen stehen, ausschließlich sich selbst zugewandt. Etwas später wies jemand meine Frau zurecht darauf hin, dass ein Seitenblick beim Wechsel von einem baulichen Radweg auf die asphaltierte Straße angebracht sei. Er radelte an mir, dem Mann, vorbei und an sie heran, streckte den Finger gegen sie aus und sagte nur: „Schulterblick!“ Dann fuhr er ohne ein weiteres Wort als einsamer Sheriff davon. Ich sah aber auch schon einen wütenden Biker den japanischen Touristen vor der Siegessäule mit vollem Einsatz klarmachen, was bei uns ein Radweg ist.

Regelmäßig werden wir auf unseren täglichen Wegen mit Sachkunde oder in völliger Unwissenheit der Materie über echte und gefühlte Fehler belehrt. Manchmal nimmt man die Durchsetzung von Recht und Ordnung gleich selbst in die Hand. Der Mann, der mich einmal vom Fahrrad schubste, nahm paradoxerweise eine Straftat in Kauf, um das Ordnungsrecht gleich selbst in die Hand zu nehmen. (Man kann mich auf gut zwanzig Meter vor einbiegen in meine Wohnstraße als Geisterradler ertappen.)

Bei fast allen Situationen, in denen man so belehrt wird, fällt auf, dass es nie um die praktische oder naheliegend logische Auflösung einer bestimmten Situation geht. Die Begegnung reduziert sich auf die Frage danach, was wohl irgendwo im Gesetzbuch als Recht und Ordnung niedergeschrieben wurde. Dabei fehlt das geringste Gespür für das situativ sozial Angebrachte. (Interessanterweise nutzen echte Polizisten, anders als spontane Hobby-Polizisten manchmal einen Ermessensspielraum, entscheiden nach den besonderen Umständen vor Ort, greifen ein oder auch nicht.)

Eigentlich reicht es hinzuschauen und zu denken: Ah, da will einer durch, trete ich einen Schritt zur Seite. Oder der Radfahrer: Ah, wieder einmal fotografierende Japaner vor der Siegessäule, umkurve ich mal eben. Selbst die Verkehrserziehung im Vorüberziehen („Schulterblick!“), könnte man sich anders ausmalen. Man könnte sich erst einmal selbst vorstellen, seine Sorge über den anderen ausdrücken, eine gute Weiterfahrt wünschen etc.

Mit Ersatz des eigenen Sozialverhaltens und damit auch der eigenen Verantwortung für die unmittelbare Begegnung durch ferne, abstrakte Regeln, (die in konkreten Situationen oft wenig hilfreich sind), trägt man nicht nur zu einem muffeligen Klima bei. Im schlimmsten Fall gefährdet man andere Verkehrsteilnehmer, indem man auf echtes oder erfundenes Recht pocht und das Gebot der Rücksichtnahme ignoriert.

Wir leben in einer sehr moralischen Zeit, in der die Ordnungspolitik Renaissance feiert. Daher weiß ich nicht, wie und wo man ausgerechnet jetzt den sozialen Stil lernen kann. Ich habe aber mehr als einmal erfahren, wie ich mir selbst in bestimmten Situationen als Fußgänger oder Radfahrer den Tag gerettet habe. Es war immer dasselbe: Beiseitetreten, vorlassen, umkurven, höflich grüßen oder auch einfach mal das Maul halten.

WS

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fahrradjournal

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3 Comments

  • Wie wahr. Etwas mehr Gelassenheit würde uns allen gut tun. Ich gehe leider auch nicht immer mit bestem Beispiel voran, aber ich bemühe mich. Ich bemühe mich v.a. auch, Ruhe zu bewahren, wenn ich – auf dem Rad sitzend – per Hube, oder verbal, belehrt werden soll.
    Ein vernünftiges Miteinander muss von allen Seiten ausgehen.

  • Auf den Punkt gebracht – inhaltlich wie vom Timing her: Am WE ist ein Radkollege von mir (den ich als sehr mit augenmaß fahrend und handelnd kenne) von einem Autofahrer abgedrängt, „gestellt“ und dann wohl wüstenst beschimpft und bedroht worden. Immerhin so intensiv, daß der gute Radl-Mann (ein durchaus gestandenes Mannsbild) 10 – 15 Minuten zitternd vor Angst und Zorn zurück blieb. Das alles bei bitterkalten Temperaturen, bei denen nun wirklich niemand auch noch kalten (Angst)Schweiß braucht.

    Auf Anregungen, den Hilfsheriff zu fotografieren und zu filmen, dito sein Nummernschild, wurde auf einen ebenfalls kürzlich erleben Vorfall hingewiesen, in dem eine solche Beweisaufnahme mit einem Schlag mit einer Eisenstange und einer Messerattacke „geahndet“ wurde.

    Ja, wir Radler sind auch nicht immer alle Engel, ganz bestimmt nicht. Aber diese zunehmende Gewaltbereitschaft, von jetzt auf gleich völlig unverhältnismäßig eskalierend und – wie Du schreibst, Wolfgang – zur Not auch lässig einen Straftatbestand heraufbeschwörend … das besorgt mich schon zunehmend.

    Insofern doppelt und dreifach Applaus geklatscht für Social Style! Schade, daß es das braucht.
    Gut, daß es das jetzt gibt.

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