Zeichnung: wscher / www.fahrradjournal.de

Sommertheater 2013: Barhauptextremisten gegen Ordnungsfetischisten

Zeichnung: wscher / www.fahrradjournal.de

Entgegen einer früheren Ankündigung widme ich mich hier der deutschen Sommerhysterie 2013. Laut war die Antihelmpflichtfraktion, die mal mit vernünftigen Argumenten das Risikoverhalten (das der anderen wie das eigene) oder einen sinkenden Radverkehrsanteil nach Einführung einer gesetzlichen Helmpflicht thematisierte, dann wieder mit dem Abakus Herzinfarkte gegen gespaltene Schädel volkswirtschaftlich ins Verhältnis setzte. Die allgemeine Hysterie brachte uns differenziertere Stellungnahmen wie die des Grünen-Urgesteins Michael Cramer „Gefährlicher Kopfschutz“ („taz“) ein. Im Laufe der Zeit verkürzten sich Polemiken bis auf den absurden „Helm bringt null“-Tweet, den ich erst kürzlich erhielt.

Gegen eine bewusstseinsbildende Debatte ist nichts einzuwenden. Unterschwellig drängte sich der Gedanke auf, da werde ohne Not ein Gesetz im Sinne einer self-fulfilling prophecy herbeigeredet. Denn abgesehen vom umstrittenen Urteil des OLG Schleswig-Holstein, das einer Radfahrerin ohne Helm die Mitschuld an einem Unfall gab, für den ein Autofahrer verantwortlich war, hielt sich aufseiten der Politik der Wille zur Helmpflicht bisher in Grenzen. Weder der Lieblingsheld aller Radlobbyisten, Verkehrsminister Peter Ramsauer, noch die Verkehrsministerkonferenz unterstützt ein entsprechendes Gesetz. Keiner der Fachpolitiker/innen, mit denen ich diesen Sommer geradelt bin, konnte sich dafür begeistern. (Übrigens trug auch keiner einen Radhelm.) Und ob wirklich eine „Helmpflicht durch die Hintertür“ kommt, bleibt völlig offen.

Wie langweilig wäre ein Sommertheater ohne seine Antagonisten. Unter den Ausnahmen machte sich Ländle-Verkehrsminister Winfried Hermann als grüner Ordnungspolitiker einen Namen, indem er die Helmpflicht forderte. Eine bemerkenswerte Spitze schoss (fast schon traditionell) der „rbb“ ab. Diesmal titelte der Fernsehsender für sein „Kontraste-Magazin“: „Absurder Freiheitswahn: Radfahrerlobby gegen Helmpflicht.“ Allein Freiheit mit Wahn und Absurdität in Wort und Satz zusammenzubringen, ist eine ganz unheimliche Sache, von der man besser die Finger gelassen hätte. Dass man später nur dazu bereit war, auf „umstrittener Freiheitswahn“ umzuschreiben, hat bestätigt, welch düsterer ordnungspolitischer Geist dahintersteckt oder damit angesprochen werden soll.

Im „Focus Online“ tauchte das Urteil des OLG Schleswig-Holstein nochmals unter „Gaga-Urteile“ auf. Vermutlich, um einmal den liberalen Leser anzusprechen. Aber genau dort gehört es – nach vielen ganz anderslautenden Unfallurteilen zur möglichen Mitschuld beim Nichttragen eines Radhelmes – auch verortet. Mal sehen, ob nach den meteorologischen Sommergewittern auch die große Erregung vorüber ist und alle Barhaupt- wie Ordnungsfetischisten bei der Zigarette danach angekommen sind.

Text und Zeichnung: wscher

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3 Comments

  • Es ist tatsächlich ein Sommertheater – aus beiden Richtungen!

    Ich kann mich gut erinnern an die Hysterie bei der Einführung der Gurten-Pflicht für Autofahrer (CH: 1981, DE: 1984) und der Helm-Pflicht für Motorradfahrer (DE: 1976, CH: 1981). Heute würde doch kein vernünftiger Mensch mehr ohne Sicherheitsgurt resp. Motorradhelm fahren.

    Und in zehn Jahren werden Radfahrer völlig selbstverständlich den Helm anziehen, bevor sie auf ihr Fahrrad steigen (in der Schweiz gilt schon die Helmpflicht für E-Bikes mit einer Motorleistung über 500 Watt).

    Ich selbst bin als Rennradfahrer seit Jahren schon mit Helm unterwegs. Die psychischen Schäden dadurch halten sich in Grenzen 😉 Da ich die schönsten Alpenpässen vor der Haustüre habe und jedes Wochenende auf Touren befahre, war ich aber schon das eine oder andere Mal froh um «den Kübel». Mittlerweile sehen die Dinger übrigens richtig cool aus …

  • Was selten bedacht wird: Die Helmflicht ist das Ende aller Fahrradverleihsysteme. Oder würdet ihr fremder Leute Helme aufsetzen?

  • Seit ungefähr 30 Jahren fahre ich Fahrrad, und habe einen Helm nie gebraucht. Solange in jeder Helmdisskussion Leute auftauchen, die berichten, dass es sie mit Helm regelmäßig so auf die Nase … den Kopf haut, dass sie den auch brauchen, werde ich so ein Ding schon aus Selbstschutz nicht aufsetzten.

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