Foto: Zischler_Berlin / Galiani Verlag Berlin

Streifzüge durch eine unordentliche Stadt. Über Hanns Zischlers „Berlin ist zu groß für Berlin“

Foto: Zischler_Berlin / Galiani Verlag BerlinDer Schauspieler und Autor Hanns Zischler sagt von sich, er sei „Schreiber und Darsteller von Geschriebenem.“ Offenbar weiß der Mann nicht, ob er lieber Henne oder Ei sein möchte.

Cineasten kennen ihn aus der Fernsehserie „Kommissar Beck“, alle anderen besitzen wahrscheinlich seine schöne Studie „Kafka geht ins Kino“. Sein neuestes Buch „Berlin ist zu groß für Berlin“ beschäftigt sich mit Geschichte und Infrastruktur der gleichnamigen Stadt, in der Zischler seit fast 40 Jahren wohnt. Der etwas umständliche Titel spielt darauf an, dass Berlin, gemessen an der Einwohnerzahl, eine riesige Fläche hat. Die Stadt ist, beispielsweise, achtmal so groß wie Paris, hat aber nur annähernd doppelt so viele Einwohner.

Mit ihren vielen Grünflächen, Seen und ihrer dezentralen Struktur ist sie vielleicht einzigartig in Europa. Trotzdem, so der Autor, wird dort seit über hundert Jahren jede Stadtplanung in den märkischen Sand gesetzt. Er spricht von „Zerstörungslust“ und „Antihistorismus“, von verwahrlosten historischen Parkanlagen, von Plätzen, die eigentlich nur „Straßenzusammenstöße“ wären und tadelt den Alexanderplatz, der konfus zugebaut und von Schnellstraßen stranguliert wäre, sodass man ihn eigentlich nur noch mit der S-Bahn oder mit Verzweiflung erreichen könnte.

Außerdem prägt, fast 70 Jahre nach Kriegsende, immer noch die Naziarchitektur das Bild der Stadt.

 

Die Stadt und ihre Leute

Diese Standpunkte sind nicht ganz neu und wurden an anderer Stelle schon ausführlicher behandelt. Aber Zischlers Buch ist kein Pamphlet oder Manifest. Vielmehr nähert er sich seinem Thema in vielen, zum Teil sehr kurzen, illustrierten Artikeln, die seine Wanderungen und (Rad-) Fahrten durch die Stadt beschreiben. Erfahrungen und Pläne von Flüchtlingen, Wissenschaftlerinnen und Architekten werden zitiert und scheinbar Nebensächliches verhandelt.

Dass der höchste Berg Berlins, der Teufelsberg, aus aufgeschütteten Trümmerteilen des 2.Weltkriegs besteht, erfährt man, und sieht dazu auch Fotografien von Trümmerfragmenten und Illustrationen der einzelnen Pflanzen, die auf diesem Haufen wachsen. „Straßenbegeher“ werden vorgestellt: Angestellte der Stadt, die mit Notizblock den Bürgersteig ablaufen, und die zwischen den Pflastersteinen wachsenden Grasbüschel notieren. Die Dichterin Gertrud Kolmar schildert einen gespenstischen Spaziergang durch das Berlin 1939, der Fälscher Oskar Huth, der zur selben Zeit anderen und sich selbst mit seiner Kunst das Leben rettet, unternimmt einen „Monsterlatsch“ durch die Stadt, um unauffällig zu bleiben. Man erfährt, welche Spiele die Kinder in den 50ern auf der Straße spielten und, dass Erwin Barth verantwortlich ist für die „Rehberge“.

Kritik und Beschreibungen verdichten sich zu kurzen Stücken von Literatur. Man blickt durch die Kamera eines Fotografen der „Kaiserzeit“, der die missglückte Sprengung des alten Doms festhält. Die Trümmer des Teufelsberges, nur von einer dünnen Schicht Flora und Zivilisation überwachsen, werden zur Metapher des Unterbewussten der Stadt, die „Straßenbegeher“ erinnern an Figuren Kafkas (auch wenn der Autor nicht versäumt, ein Foto beizulegen, das diese Vorstellung gründlich zerstört). Die Stärke der Literatur – verschiedene Perspektiven zu beschreiben, in der kurzen Anekdote Zusammenhänge plausibel zu machen, ihre zufällige Poesie des Authentischen – kommt hier zur Geltung. Oftmals auch als geschickte Montage von Zitaten und Zeugnissen anderer. Hanns Zischler ist ein sehr zuvorkommender, höflicher Besserwisser.

Für eine heitere Note sorgen Zischlers eigene Vorschläge. Seine Begeisterung für die „Stalinallee“ beispielsweise (heute unter dem unscheinbaren Namen „Frankfurter Allee“ bekannt), ist nicht leicht nachzuvollziehen, obwohl man zugeben muss, dass sie sich für Paraden gut eignet. Die Vorstellung allerdings, dass sich noch weitere Stalinalleen durch Berlin drängeln, ist eher deprimierend.

Seinen Vorschlag, das viel diskutierte Tempelhofer Feld mit einem 400 Meter hohen Turm von Wladimir Tatlin zu schmücken, sollte man ernsthaft erwägen. Der Entwurf des russischen Konstruktivisten aus den 20ern wurde bisher (selbstverständlich) nie realisiert. Wer möchte also nicht miterleben, wie die Berliner Politik sich des Projektes „Tatlinturm“ annimmt?

Natürlich nur, wenn sich ein Sponsor findet.

 

Ansichtssachen

Zischlers Sprache hat manchmal etwas von der erbitterten Toleranz eines älteren Lehrers, der auf alles nur noch mit Kopfschütteln reagiert, statt endlich einem Kampfsportverein beizutreten. So beurteilt er missliebige Gebäude als „keck“ oder „unsäglich“, und moniert die „närrische Kalauersucht“ der Leute (die wahrscheinlich unschuldig sind an Namenskreationen, wie „Treptower“).

Etwas peinlich wird es aber, als er sich auf eine Busfahrt gen Neukölln macht. Pünktlich erscheint eine Passantin, die kräftig berlinert, zum „Stichwort Neukölln“ zitiert er ein Gedicht von Hans Otto Werda, u. a. mit der Zeile: „Hier führt die Kinderhorde auf dem Pflaster / lärmend Beweis, wie gerne man sich paart, …“ Und als er später die Şehitlik-Moschee in der Nähe des Tempelhofer Feldes sieht, erinnern ihn ihre beiden Türme an „Marschflugkörper“.

Hier gibt er den jovialen Bildungsbürger, der gerne auch mal sein Publikum zum Schmunzeln bringt.

„Das hat er doch nicht nötig!“ rufen keck die Cineasten und Kafka-Leser dazwischen. Ja. Stimmt.

 

Blind Dates

Auf dem Cover des Buches sieht man das schwarz-weiße Foto eines Jungen in kurzen Hosen, der mit Kreide einen Plan auf die Straße zeichnet. Es stammt aus den 50ern und der Junge könnte heute etwa im Alter Hanns Zischlers sein. Ein indirektes Selbstporträt des Autors?

Im Buch finden sich auch einige Pläne und Karten der Stadt. Eine davon stammt von der Künstlerin Katharina Meldner, die auf schwarzem Karton mit weißem Strich Pläne der Stadt „aus dem Gedächtnis“ gezeichnet hat. Ein individueller Stadtplan, auf dem die Straßen, welche die Künstlerin am besten kannte, stärker weiß akzentuiert sind, während die ihr weniger bekannten nur schwach weiß schimmern. Diese Umkehrung des „Schwarz auf Weiß“ hat zur Folge, dass der Plan sukzessive wieder zum leeren, weißen Papier wird, je mehr Bekanntes weiß eingezeichnet ist. Ein Plan, der sich selbst auflöst. Während die Schwärze des Hintergrundes eine unendliche Vielzahl noch nicht erkannter Zeichen und Bedeutungen suggeriert.

Diesem Dilemma, dass man alles, was man sicher zu kennen meint, nicht mehr wahrnimmt, begegnet der Autor, indem er die Pläne und Perspektiven von und auf die Stadt vervielfacht. Die oftmals nur angerissenen Darstellungen und vielen die Erzählerinnen: Dichterin, Stadtwanderer, Gartenbauarchitekten, der kaiserliche Stadtfotograf, eine Berliner Dialektforscherin, und sogar ein gezeichneter Mann, dem der Autor über die Schulter schaut, lassen Raum für das Unbekannte und verhindern so, dass das Buch lehrreich oder informativ wird.

Die Utopie aller Zehnjährigen wird wahr: Man wird klüger, ohne etwas gelernt zu haben.

Dieses Buch ist nicht lesenswert. Aber zum Reingucken, Blättern, Entdecken, Betrachten, Blödfinden, Staunen, Merken, Nachschlagen, Selbersuchen und Erinnern eignet es sich hervorragend.

Text: Oscar Lemanczyk / Cover: Galiani Verlag Berlin

Hanns Zischler, „Berlin ist zu groß für Berlin“, Galiani Verlag Berlin, 180 Seiten, Sonderformat mit zahlreichen Fotos und Karten, 24,99 Euro www.galiani.de

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