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Velothon-Teilnehmer Josef Reiss: »Auch im Winter, bei Schnee mit Spikes«

Nein, auch wird nicht verraten, wie alt Josef Reiss ist. Nur so viel: Er fährt als Einziger in der Altersklasse VI und ist damit der älteste Teilnehmer beim Skoda Velothon 2011. Als ich mit ihm telefoniere, hat er gerade seine 65 Trainingskilometer hinter sich. Schließlich muss er fit sein für die 60 Kilometer in Berlin. Im Hotel in der Friedrichstraße begegne ich einem ebenso konzentrierten wie agilen Mann, der zum Handschlag aufspringt, wie eine Eins. Ein Wunder? Eher Training: Der Juwelier aus Travemünde, der nach wie vor in seinem Geschäft arbeitet, könnte Ihnen auch beim Neujahrsschwimmen in der Ostsee oder auf einer 300-km-Tour von Berlin nach Travemünde begegnen.

 

Herr Reiss, wann begann Ihre Begeisterung für den Radsport?

Die kam mit der Tour de France, Ende der vierziger Jahre. Mein erstes Rad, ein 3-Gang, habe ich mir selbst zusammengebastelt.

Was bringt Ihnen das Fahrradfahren ein?

Körperliche Anstrengung, Konzentration und Sicherheit. Durch das Fahrradfahren kann man sein Selbstbewusstsein und seine Sicherheit behalten.

Kann man Sie auch als Alltagsradler sehen?

Man sieht mich als Alltagsradler. Auch im Winter, bei Schnee mit Spikes, anders geht es nicht. Ich habe ja wenig Zeit zum Trainieren. Für den Velothon habe ich im Ganzen zweihundert Kilometer gemacht.

Erinnern Sie sich an eine Tour, die Sie besonders begeistert hat?

Das schönste Erlebnis bleibt doch, dass man es geschafft hat. Ich war zwei Mal bei der »Vätternrundan« in Schweden dabei. Hamburg hab ich acht Mal gemacht. Übrigens fahre ich jedes Jahr mit einigen Angestellten des Maritim Hotels von Berlin nach Travemünde. Das ist die »Maritim Rad-Rallye Berlin-Travemünde« über 300 Kilometer. Natürlich auch in diesem Jahr, im Juni.

Waren Sie schon immer so, oder gab es einen Zeitpunkt in Ihrem Leben, wo Sie sich sagten: »Ich muss etwas für mich tun«?

Es gab keinen speziellen Zeitpunkt, es kam, ohne zu denken. Nun, manche sagen, ich mache zu viel. Aber Kontinuität ist das A und O. Man kann es nur, wenn man es kontinuierlich macht. Sport ist Ausgleich und Medizin für mich.

Was machen Sie für Ihre Fitness?

Ich mache jede Woche Gymnastik, gehe das ganze Jahr über in die Sauna und ich schwimme bei Minusgraden in der Ostsee.

Keine besondere Ernährung?

Keine speziellen Sachen. Frisches Obst ist wichtig. Morgens eine Avocado. Und Alkohol zum Genuss. Wenn ich merke, der Bauch wird dicker, hör´ ich schon auf …

Wie gehen Sie damit um, wenn die Leistungen nachlassen?

Ich habe acht Mal Hamburg gemacht, davon drei Mal unter zwei Stunden. Dann habe ich akzeptiert, man kann nicht immer dieselbe Leistung bringen. Das ist vielleicht schwer, aber: Ich bin dabei.

Was halten Sie vom E-Bike?

Gar nichts! Das ist für mich kein Sport. Ich brauche keine Hilfsmittel, der Körper soll arbeiten. Da fahre ich lieber weniger …

Was ist wichtig für Sie?

Zuhause muss es stimmen und die Arbeit in meinem Juweliergeschäft. Dann habe ich auch Freude am Sport. Familie, Arbeit, Sport: Das eine verbindet schließlich das andere.

Denken Sie nie daran, in Rente zu gehen?

Ich weiß gar nicht, was das ist.

Sie gehen als Einziger in der Altersklasse VI an den Start. Was ist das für ein Gefühl?

Weiß ich nicht, kann ich Ihnen erst hinterher sagen. Für mich ist es immer wichtig, dabei zu sein.

Werden Sie beim nächsten Velothon in Berlin dabei sein?

Ich plane nicht voraus. Das entscheidet sich immer zwei Monate vorher.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für das Rennen.

Danke.

Interview: Wolfgang Scherreiks / Foto: wscher

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