Köln Hauptbahnhof

Die Kölnpizza

Im vergangenen August habe ich für die Kolumne VELOZENTRIK den subjektiven Kölntest gemacht. Hier ist das Ergebnis.

Es gibt kein leichtes Durchkommen durch die Konsumentenmasse. Vom Kölner Dom bis in die Fußgängerzone der Innenstadt drängt sie in Tokioter Dichte. Zwar sind viele Einbahnstraßen für Radler freigegeben. Nicht ungefährlich ist jedoch deren Benutzung. Schon mit der nächsten Straßenquere kann man wieder Falschfahrer sein. Wenn dann ein gut bepackter Laster auftaucht, rettet nur der Sprung über die Bordsteinkante.

Oder umgekehrt. In Rheinnähe tauchen an einer Mauer zwei horrenden Verbotsschildern übereinander auf: Keine Fußgänger! Keine Fahrräder! Naturgemäß bin ich neugierig und fahre weiter. Die Mauer läuft Spitz auf die Bordsteinkante zu. Also folgt der Sprung auf die Straße. Der Umsicht der Kraftfahrzeuge nach zu urteilen, habe ich dort erst recht nichts zu suchen.

Die autogerechte Stadt

In Köln gibt es viele Radverkehrsmaßnahmen. Vom Fahrradschutzstreifen, der Roteinfärbung in Einmündungsbereichen, vorgezogenen Aufstellflächen vor Ampeln bis hin zur Anbringung von Piktogrammen auf der Fahrbahn. Auf der Straße erlebt man diese Maßnahmen als buntes Potpourri und nur auf Teilstrecken umgesetzt.

Einfach draufhauen auf die heutigen Verkehrsplaner ist zu einfach. Die Kölner Krux sind enge Straßen, die sich alle Verkehrsteilnehmer teilen. Durch einschneidende Infrastrukturmaßnahmen den motorisierten Individualverkehr aus weiteren Teilen der Stadt zu verdrängen, wäre wahrscheinlich die konsequenteste Lösung, derzeit jedoch eine velophile Utopie. Das Kölner Erbe ist nun einmal das Erbe vieler Städte: die autogerechte Stadt.

Ein anderes Phänomen, mit dem derzeit viele Großstädte konfrontiert werden, ist die expandierende Lust am Fahrrad bei einem gleichzeitigen Mangel an Stellplätzen. Das Sollziel im Kölner Stadtamt lautet 1000 Abstellplätze pro Jahr, das erreicht zu haben man Stolz ist. 2009 wurde die Stadt Köln deshalb für den Preis »Fahrradfreundlichste Entscheidung des Jahres« zumindest nominiert. Während meiner Woche dort habe ich oft an Schilderpfählen geparkt, da die Abstellplätze überbelegt waren.

Zum Beispiel präsentiert sich an der Ecke Otto-Fischer Straße ein überdachter Fahrradparkplatz, an dem ich keinen Platz finde, weil er hoffnungslos überlaufen ist. Ein Passant kommentierte, dass das hier immer so sei, ein Großteil davon angeblich Fahrradleichen. Nach Angaben der Stadt Köln wurden allein im Jahr 2010 insgesamt 1.790 Fahrradleichen entsorgt. Doch mit der Zunahme des Radverkehrs steigt der Bedarf. Bis zu 30 Prozent mehr Fahrräder hat man an den Dauerzählstellen in Köln bereits ausgemacht.

 

»Gut fahren« oder »Lebensgefahr«?

Im neunten Stock des Kölner Stadtamtes, wo man die Welt gut von oben betrachten kann, muss auch die ideale Höhe liegen, um Fahrradpolitik zu verkaufen. Die Mitarbeiter des Kölner Fahrradbeauftragten Herr Klein und Herr Lemke räumen Probleme ein. »Das Leitbild der autogerechten Stadt findet sich in vielen Teilen der Stadt Köln. Das bereitet uns Probleme, weil das nicht mehr den heutigen Mobilitätsanforderungen genügt. Zum Beispiel haben wir mit der Nord-Südfahrt eine riesige Autoschneise, wo kein straßenbegleitender Radweg ist«, so Klein. Die beiden Mitarbeiter, die auch privat mit dem Rad zur Arbeit fahren, finden aber auch, dass manchmal auf hohem Niveau gejammert wird. Herr Lemke: »Im Großen und Ganzen kann man in Köln gut Radfahren.« Siehe Interview Warum machen wir was wie.

 

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Bei unrepräsentativ Befragten findet solches Lob kein rechtes Echo. Dirk Hartmann etwa vom Kölner Fahrradgeschäft »Stadtrad« bezeichnet Köln schlicht als »lebensgefährlich«. »Durch die Baustellen, die nicht abgesichert sind, wird man entweder in eine Sackgasse geführt oder man landet in der Baustelle. Es gibt für Fahrradfahrer keine Fahrradwege, um von Nord nach Süd zu kommen. Riesige Busse fahren um die Ecke, da wird man am Drängelgitter zerquetscht.«

Ein besonderes Bewusstsein aufseiten der Autofahrer sieht er nicht. »Die Autofahrer geben Vollgas. Wenn man rechts fährt, wird man abgequetscht. Die einzige Chance ist, man fährt in der Mitte der Straße, sodass sie einen nicht überholen können. Sie geben irgendwann auf. Wenn es viele Radfahrer sind, geht es. Wenn man alleine ist, ist es gefährlich.«

Nur mit meinem Navi

Dabei gäbe es genügend Wege, die man aber nicht so ohne Weiteres findet. Hartmann schwört auf sein Navigationsgerät und Open FietsMap, die den Streifen Köln mitbedienen. »Diese Karten sind sehr aktuell. Wenn man sich an die Nebenstraßen hält, die eigentlich nicht Fahrradwege sind, kommt ganz gut durch Köln.«

Und wer in Köln mit dem Velo durchkommen will, muss sich gut auskennen. Das Faltblatt unter dem Titel »Radverkehrsnetz Nordrhein-Westfalen – Stadt Köln« ist für Besucher unbrauchbar, weil es keine Straßennamen kennt. Der ADFC-Stadtplan ist vergriffen. Den letzten haben sie sich im Fahrradparkhaus bei der Kölner Radstation selbst an die Wand gepinnt. Mit einer älteren Ausgabe fahre ich probehalber in die Südstadt zum Büro des ADFC. Diese Tour endet an einer verwaisten Adresse. Das Büro weilt längst in Nordköln.

Zurück in die Zukunft

Mein Selbstversuch hat mich für diesen Besuch nicht überzeugt. Als Defensivfahrer hatte ich zwar kaum Konfrontation mit dem motorisierten Individualverkehr. Doch zu irritierende Führung, widersprüchliche Beschilderung, zu enge Radwege, verkehrsplanerische Miniaturoperationen, die kleinteilige Stückelung einer bunt belegten Pizza, die ich einmal »die Kölnpizza« nennen will, setzte der Lust am Radeln überall Grenzen.

In Köln gibt es den Expertenkreis Velo 2010. Im WebWiki Köln steht zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung noch immer: »Der Expertenkreis Velo 2010 wurde mit dem Ziel gegründet, Köln bis 2010 zu Deutschlands fahrradfreundlichster Stadt zumachen.«  Um dieses Ziel jetzt noch zu erreichen, braucht man wohl die Zeitmaschine aus dem Film »Zurück in die Zukunft.«

Text + Fotos: Wolfgang Scherreiks

Mehr: Interview beim Kölner Fahrradbeauftragten / Fotogalerie

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