Zeichnung: Joel Cairo / www.fahrradjournal.de

Wie man jetzt Radfahren soll

Zeichnung: Joel Cairo / www.fahrradjournal.deWer in der großen Stadt Fahrrad fährt, lebt nicht ungefährlich. Da schadet es nie, neue Ideen zur Unfallprävention auszuprobieren. Das hier vorgestellte Prinzip „Sinnliches Radfahren“ bedeutet, die sinnlichen Mängel der anderen Verkehrsteilnehmer durch Schärfung der eigenen Sensibilität auszugleichen und auch mental für die anderen mitzufahren. Es gibt Menschen, die behaupten, dieses Prinzip gehöre zum Alltag.

 

 

Sinnliches Radfahren

Durch sinnliches Fahren siehst, hörst, riechst, schmeckst und tastest Du für andere Verkehrsteilnehmer mit. Der sechste Sinn ist mehr unter den Unfallverursachern beliebt. („Kann ich etwa Hellsehen?“, sprach der Rechtsabbieger zum toten Radler.) Dafür zählt bei den Buddhisten das Denken durchaus zu den Sinnen. Physiologen nennen zusätzlich einen Temperatursinn(?), den unverzichtbaren Gleichgewichtssinn (!), eine Tiefensensibilität sowie das Schmerzempfinden, vor dessen Anwendung im Straßenverkehr dringend gewarnt wird. Hier einige Verkehrsteilnehmer und Situationen, denen Du möglicherweise begegnen wirst und an denen Du eine sensible Fahrpraxis schulen kannst:

 

Siebenschläfer

Zeichnung: Joel Cairo / www.fahrradjournal.de

 

 

 

 

 

 

Gib acht auf Winterschläfer, die nach den ersten Sonnenstrahlen wie Siebenschläfer aus ihrem Bau herauskriechen. Ihre Schlafphase dauert von September bis Anfang Mai. Dann steigen sie wieder auf ihre verrosteten Räder mit den eingeklemmten Gangschaltungen, ohne das Teil auch nur einmal anzusehen.

Fragst Du sie: „Was fährst du für ein Fahrrad?“ – Antworten sie: „Hä?“

Und warten eine quälende Minute, in der sie lieber die Stirn darüber runzeln, was es wohl heute wieder zum Mittagessen gibt.

Endlich sagen sie: „Ach so, nee, keine Ahnung.“

Und damit könnten sie natürlich auch das Mittagessen meinen.

Das Einzige, was Siebenschläfer mitgekriegt haben, ist, wie nonchalant jetzt in den Studentenvierteln mit den Verkehrsregeln umgangen wird. Na dann! Schon radeln sie einfach mal drauflos und rufen ständig »ey!« und auch mal empört »hee!«, wenn es zu den gefährlichen Beinahezusammenstößen kommt, die sie selbst initiiert haben. Ein Siebenschläfer knallt dir schon mal vor einer roten Ampel ins Hinterrad, und noch während er ins Gebüsch saust, ruft er: „Ey, du Arsch, du kannst doch nicht einfach bremsen!“

 

Hochrotkopfradler

Zeichnung: Joel Cairo / www.fahrradjournal.deEine blitzschnelle Reaktion ist angesagt bei kriegerischen Hochrotkopfradlern, denen der Schlüssel noch im Rücken steckt, mit dem man sie aufgezogen hat. Einem mythischen Urteil gleich, müssen sie immer weiter und schneller fahren, ohne dass sie je an ein Ziel gelangen können.

Messenger gehören nicht dazu. Sie bewegen sich in einer für Dich unerreichbaren Parallelwelt und können so verblüffend gut Radfahren, wie sonst nur Leute vom Zirkus. Daher lässt Du sie am besten ziehen, lass sie los und überlass es einfach den Spießern, sich darüber aufzuregen.

 

Chauffeure

Achte besser auf unwissende Kraftfahrzeugführer, die noch nie von Fahrrädern gehört, geschweige denn eines gesehen haben und munter ihre Wagentüren aufreißen. („Radfahrer gibt´s hier auch?“) Entwickle ein Mitgefühl für Chauffeure, die so oft von unwissenden Fixiefahrern gekreuzt wurden, bis sich Mensch auf Rad in ein fixes Bild verwandelte, welches sie auf Knopfdruck von Chauffeuren in Echauffierte verwandelt.

(Dieses Bild lässt sich übrigens auch per Audio abrufen. Sag einfach mal „Radfahrer“, schon verursachen sie einen überflüssigen Auffahrunfall. Bei Radfahrern gibt´s das auch: Sag´ zum Test „Auto“ oder „Autofahrer“. Schon verlieren sie an menschlicher Empathie.)

Achte auf traurige Autobesitzer, die im Unterbewusstsein selbst gern ein Fahrrad besäßen, aber aus irgendeinem gemeinen Hemmnis in einem geborgten Leben feststecken. Nun gut, soweit brauchst Du Dich jetzt nicht wirklich hineinzuhängen …

 

Prinzipienreiter

Natürlich gibt es Spaziergänger, die wie eine Frohnatur aus dem Struwwelpeter mit einer Tasche unter dem Arm und in den Nacken gestütztem Kopf querfeldein marschieren, nicht von ungefähr himmelwärts denkend, ohne sich um so etwas Bescheuertes wie Radwege zu scheren. Und es gibt spitzfindige Depressive oder eiskalte Psychopathen, die schon aus Prinzip den Radweg benutzen, weil sie es jetzt auch mal ganz persönlich blöd finden, etwas zu benutzen (oder nicht benutzen), was zu einem bestimmten Zwecke für benutzbar (oder unbenutzbar) erklärt worden ist, wobei sie es aber bestimmt nicht nötig haben, ausgerechnet mit Dir jetzt darüber zu diskutieren. Und überhaupt: Hast Du keine Klingel?

 

Neurotiker

Die Klingel wird Dir aber nichts nutzen. Du fährst auf der Radspur und auf der richtigen Seite. Da kommt Dir ein Jogger entgegen. Er benutzt die Radspur als private Trainingsbahn, selbst wenn der Bürgersteig mehr Raum hergibt, es sich selbst und der Welt so richtig zu zeigen. Nur einmal im Leben willst Du konsequent sein, läutest ein paar Mal höflich Deine hell tönende Glocke und bleibst gleichmütig auf dem Radweg. Der Adrenalinsüchtige hat eine andere Musik im Kopf, weicht seinerseits nicht von der Bahn und stampft weiter den Takt. Bevor Du in seine Schweißwand tauchst, gibst Du´s lieber auf und weichst auf den Bürgersteig aus. Zum sportlichen Gruß schnauft er Dir etwas aus dem großen Repertoire seines Vulgarismus hinterher, spukt ein paar Mal aus, das war´s, hast Du gedacht, da erwischt Dich der Regenschirm einer Fußgängerin …

 

Teddys

Teddy_web / Zeichnung: wscher / www.fahrradjournal.deEs müssen nicht immer Neurotiker oder hübsche Metallkarossen sein, die Deinen Weg behindern. Es gibt auch eine versprengte Armee der Gegenstände, für die Du Slalom fährst und zum beliebten Gehwegradler wirst. Mitten auf dem Radweg stehen herrenlose Kühlschränke, deren Inhalt Du nicht erkunden möchtest. Oder geschundene Sofas mit lustig herausspringenden Metallfedern, aus der Mode gefallene Komoden, halb tote Palmen in Plastikkübeln aus den siebziger Jahren, lieblos ausgesetzte Teddybären, an denen schon Mops und Dackel das Bein gehoben haben. (Wer tut so etwas? Warum gibt es noch keinen Verein, der sich um ausgesetzte Teddybären kümmert? Ein Verbrechen!)

 

Der schlimmste aller Verkehrsteilnehmer!

Immer etwas heikel und darum nur kurz gestreift sei schließlich der schlimmste Verkehrsteilnehmer überhaupt. Im Augenblick der größten Gewissheit, möglicherweise im Zuge der sensiblen Beobachtung aller anderen Verkehrsteilnehmer nach dem vorgenannten Prinzip, probiert er aus unerfindlichen Gründen einen lebensgefährlichen Schlenker …

 

Text: wscher / Zeichnungen: wscher / Joel Cairo

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