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Von Machern und Verwaltern

Foto: wscher / www.fahrradjournal.deUnter der Überschrift „Radverkehr als Standortvorteil – deutsch-dänische Perspektiven” kamen am Donnerstagabend (Ex-)Politiker und Verkehrsexperten in der dänischen Botschaft zu einer Paneldiskussion zusammen. Nicht immer richtete sich unser Augenmerk allein auf wirtschaftliche Aspekte. Der Zuhörer fühlte sich durchaus an den Unterschied zwischen Machern und Verwaltern erinnert.

Ein bisschen mulmig kann es einem immer dann werden, wenn die Länder Dänemark und Deutschland beim Radverkehr auf die gleiche Entwicklungsstufe gestellt werden, um „voneinander“ zu lernen. Doch auch in Dänemark ist längst nicht alles in Butter. So konstatierte der dänische Minister für Handel und Entwicklungszusammenarbeit Mogens Jensen im eigenen Land einen Rückgang der Fahrradnutzung. Und in Sachen deutsches Vorbild verriet die Bundesradverkehrsbeauftragte Birgitta Worringen, dass sich zumindest die ehemalige Fahrradnation China schon mal nach dem Nationalen Radverkehrsplan (NRVP) erkundigt habe.

Interessant und lebendig war der Vortrag von Helle Søholt, Geschäftsführerin von Gehl Architects. Das dänische Planungsbüro gehört weltweit eindeutig zu den Schrittmachern in Sachen Radverkehr. Ihr Credo „Cycling is part of the solution“ – das Radfahren ist Teil der Lösung – zielte nicht allein auf das Fahrrad als Transportmittel, sondern auch als Lebensart. Danach gibt das Zeigen von Gesichtern (auf dem Rad) der Stadt einen anderen Charakter, als wenn Menschen hinter ihren Karossen versteckt bleiben. Ebenso sei gleicher Zugang ein immer wichtigeres Stichwort für die Stadt. Deshalb hält Søhol nichts von „Transit-oriented development (TOD)“ – „Mobility-oriented development (MOD) sei das bessere Konzept, weil es Fußgänger, Fahrradfahrer und öffentliche Transportsysteme einbeziehe.

Nach ihren Erhebungen seien die Motive der Radfahrer weniger Umweltaspekte und mit 29 Prozent durchaus ökonomischer Natur. Der Großteil der Befragten aber gab an, Radfahren ist schnell und bequem. Und wenn in Dänemark 70 Prozent der Radfahrer auch im Winter radeln, so liegt das weniger daran, dass es sich um hartgesottene Wikingernachfahren handelt. Im Prinzip leben dort ebenso bequeme Menschen, wie überall auf der Welt. Will heißen: Sie bevorzugen eben das, was einfach und leicht zugänglich ist. Eine entsprechende Infrastruktur vorausgesetzt. Wie ein neues Städtedesign auch aus einer Autostadt eine fußgänger- und radfahrerfreundliche Stadt macht, zeigte sich eindrucksvoll am Beispiel New York.

Von leidenschaftlicher Debatte war auf der anschließenden Podiumsdiskussion keine Spur. Die Runde verlief wie ein langer ruhiger Fluss aus Statements unter Bekannten. Nur pressedienst-fahrrad Chef Gunnar Fehlau, ebenfalls unbestritten ein Macher, brachte etwas Farbe ins Podium. Am Beispiel Fixie-Fahrrad und ähnlich auch beim E-Bike zeigt sich für ihn, dass sich der Bürger auch ohne staatliche Kampagne längst entschieden habe: Der Radweg sei der neue Catwalk. Politik und Verwaltung hätten jetzt die Möglichkeit nachzuziehen.

Damit wurde nur indirekt angesprochen, was in Berlin nach wie vor Realität ist: Der Bürger fährt vor, die Politik trottet reaktiv hinterher. Einen solchen Zustand kann den Dänen wohl niemand ernsthaft anempfehlen. Entsprechend freute sich Burkhard Horn, Abteilungsleiter für den Bereich Verkehr in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin schon über kleinste Werbemaßnahmen, wie etwa schräge Mülleimer oder ein Stück grüne Welle in Kopenhagen. Horn sprach die Umverteilung öffentlicher Flächen im Modellprojekt in Berlin an. Räumte aber auch ein, dass zwar die Politik verbal auf Radverkehrspolitik umgeschwenkt sei, jedoch: „Wir haben in Berlin noch keinen Regierenden Bürgermeister, der sich morgens an die Straße stellt, den Radfahrern etwas Nettes in die Hand drückt und ihnen gratuliert, dass sie etwas für die Stadtqualität tun. So weit sind wir noch nicht.“

Prominente als Vorbilder auf dem Rad – das könne Deutschland von Dänemark lernen, befand Ex-Bügermeister Klaus Bondam, heute Direktor des dänischen Radfahrerverbandes (und Macher), der solche Aktionen in seiner Amtszeit selbst durchführte. Aber in der deutschen Hauptstadt verraten bereits die spärlichen Haushaltsmittel die Lippenbekenntnisse. Wenn also der Berliner Verkehrsverwalter ein Macher ist, die Politik ist es explizit nicht.

Beim Zuhören der gemütlichen Runde schälte sich für uns wieder einmal heraus: Der aktivste und im gewissen Sinne auch einflussreichste Teil der Macher in Berlin sitzt bekanntlich nicht in der Verwaltung oder auf Podien, vielleicht nicht einmal in den Verbänden, sondern auf dem Rad. Es sind die zahlreichen Radfahrerinnen und Radfahrer auf den Straßen der Hauptstadt, die der Politik seit Jahren vorausfahren und Lebensart in die Stadt bringen. Vielleicht könnte man diese schlichte Wahrheit einmal in zukünftigen Werbekampagnen darstellen. Nicht: „Dank unserer Politik fahren immer mehr Menschen Fahrrad“, wie gern in den Selbstbespiegelungen der Senatsverwaltung konstruiert, sondern: „Danke, Berliner Radfahrer, dass ihr die Stadt so attraktiv gemacht habt!“, brächte schließlich auch ein Stück mehr Glaubwürdigkeit in die Politik. Das prominenteste Vorbild bleibt also der Alltagsradler.

Text und Fotos: wscher

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