Foto: Sandro Sodano/Knesebeck Verlag

Wenn es mit Profiradrennen nicht klappt, kann man immer noch Designer werden: Beispiel Paul Smith

Foto: Sandro Sodano / Knesebeck Verlag

Als Paul Smith elf Jahre alt wurde, bekam er ein Fahrrad geschenkt. Ein Jahr später nahm er an Rennen teil. Damals war es keine Seltenheit, dass er zwanzig Kilometer weit radelte, um den einzigen Buchladen zu erreichen, der die Zeitschrift „L´Equipe“ führte. Jacques Anquetil hieß sein Idol, und er lebte in der Vorstellung, dass dessen Leben „absolut heldenhaft war.“ Folglich hieß das Traumziel: Radsportprofi werden.

Mit siebzehn wurde er von einem Auto angefahren und lag drei Monate in einem Krankenhaus. Wegen des Unfalls schwand der Traum von der Tour de France, gleichzeitig entwickelte sich etwas Neues. Die Langzeitpatienten frequentierten einen Pub, in dem auch Studenten der Kunsthochschule kamen. Während der Gespräche mit ihnen offenbarte sich für Paul eine neue Welt, zu der er bis dahin keinen Zugang hatte: Architektur, Fotografie, Design, Grafikdesign. 1970 eröffnete er ein erstes Modegeschäft in seiner Heimatstadt Nottingham, 1976 folgte die erste Herren-, 1993 die erste Damenkollektion. Heute vertreibt er seine Kollektionen weltweit. Doch Smith hat nicht nur Mode gemacht. Seine Palette reicht vom Accessoire bis zum Einrichtungsgegenstand. Und auch das Fahrrad hat ihn nie ganz losgelassen, wie das Designen eines Mercian Bikes oder die Arbeit für eine Rapha-Kollektion beweisen.

Foto: Paul Smith/Knesebeck Verlag

Auf 192 Seiten, nach Stichworten alphabetischen sortiert, fächert jetzt ein Bildband die Welt von Paul Smith in Fotos und Texten auf: „Paul Smith A-Z“. Die Fotos daraus, die hier im fahrradjournal zu sehen sind, bilden nicht wirklich das Spektrum des Bandes ab. Denn Paul Smith begeistert sich seit Jahren daran, Architektur, Blumen, Gesichter oder japanische Gerichte zu fotografieren. Gemeinsam mit Autor Olivier Wicker erfolgte eine Auswahl aus Zehntausenden von Bildern. Zu sehen gibt es auch Einblicke in das Büro oder Fotos von Gadgetsammlungen, kleine technische Spielereien wie Robotor oder Puppen. Einer der sympathischten Sätze von Smith die eigene Arbeit betreffend, lautet nach wie vor: „I describe my work Savile Row meets Mr. Bean.“

Foto: Platon/Knesebeck Verlag

Dass der Mann ein schöpferischer Designer ist, wird niemand leugnen. Und dass sich der Beruf immer etwas dem Klischee annähert, ebenso wenig. Dem Vorwort ist einmal mehr zu entnehmen, wie das Bild des Kreativen gelesen wird und wo nach dieser Vorstellung die Gefahren für ihn lauern. Nach eigenen Angaben hindert eine Legasthenie Smith daran, rational zu denken. Sein Gehirn sei einfach nicht für das lineare Denken formatiert, da es dauernd von einer Milliarde Ideen durchkreuzt werde. So habe er sich kindliches Denken bewahrt. So weit so gut. Sein Büro ist eine Rumpelkammer, in dem sich Tausende von Büchern, eine Robotersammlung  und rosa Fahrräder stapeln, und gelegentlich kommt der Mann mit zwei verschiedenen Socken ins Restaurant, schreibt Olivier Wicker im Vorwort. Das riecht schon sehr nach den Marotten und der Weltvergessenheit eines Genies. Wicker beeilt sich hinzuzufügen, dass Smith zwar ein verträumter Kreativer sei, der für das Foto einer Blume alles stehen und liegen lasse, dennoch mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehe und trotzdem die Herstellungskosten eines jeden T-Shirts kenne! Da sind wir ja beruhigt.

Davon abgesehen gefiel der Bildband, der nicht unbedingt eine beliebige Lifestyle-Fotosammlung ist, sondern vom Bezug zu der ebenso schlichten wie wunderbar exzentrischen Person Paul Smith lebt, dessen Auffassung und Vielseitigkeit hier zu entdecken ist.

Rezension von Wolfgang Scherreiks

 

Paul Smith A–Z, aufgezeichnet von Olivier Wicker, gebunden, 192 Seiten, mit 21 schwarz-weißen und 168 farbigen Abbildungen, Knesebeck Verlag 2012, 29,95 Euro (D), 40,90 sFr ⁄30,80 Euro (A)

Cover: Platon/Knesebeck Verlag / Fotos: Sandro Sodano/Knesebeck Verlag, Paul Smith/Knesebeck Verlag

Und noch mehr Paul Smith:

Wer sich für Paul Smith interessiert und es gerne in bewegten Bildern hätte: Stéphane Carrel hat die Dokumentation „Paul Smith Gentleman Designer“ gedreht. Die DVD ist über den Fernsehsender Arte erhältlich. Simon Mottram von Rapha unterhält sich hier mit Paul Smith über dessen Liebe zum Rad.

 

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