Diese schöne Überschrift ist einem Pressetext entnommen. Vielleicht ist im Schlaraffenland im Gegensatz zur Berliner Fahrrad Schau alles umsonst. Dass es sich bei dieser Messe um eine Veranstaltung mit durchaus bezauberndem Charakter handelt, steht außer Zweifel. Wer sich bisher nicht „Fahrradfreund“ nennen möchte, könnte aus einem Besuch der Schau anders herauskommen, als er hineingegangen ist. Und wer wissen möchte, warum das so ist, kommt um die folgende Geschichte nicht herum.
Die Ideengeber kommen nicht aus der Fahrradbranche
Schon als sich der Radsammler Sebastian zusammen mit dem Hallenarchitekten Mark überlegte, einen Teil seiner Sammlung in irgendeinem Kontext zu zeigen, stellten sie sich etwas anderes vor, als das, was ihnen bundesweit von den Fahrradmessen her bekannt war. Nicht die Standardfahrradpalette, sondern eine Plattform für kleinere, von der Technik und besonders vom Design her innovative Firmen und Produkte, wollten sie in den historischen Industriehallen der STATION-Berlin anbieten. Zu diesem Zeitpunkt waren Fahrräder bereits zunehmend auf Modemessen zu sehen. So stellten sie ihr Konzept Norbert Tillmann von der Modemesse „Premium” vor.
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Doch die Ideengeber kamen nicht aus der Fahrradbranche. Als sie nach Ausstellern suchten, traten sie einer geschlossenen Welt gegenüber. „Da war kein Blumentopf zu gewinnen“, sagt Ingo Röhm. Als er wenige Monate vor dem ersten Messetermin die Akquise für die Veranstalter übernahm, mussten zunächst Namen her, die andere nachziehen lassen. Röhm, der zuvor bereits den Fahrradeinkauf für einen großen Outdoor Händler besorgt hatte, stellte das Konzept den ihm bekannten Kontakten vor. „Seven Cycles“ waren die Ersten, die die Anmeldung unterschrieben, bald darauf folgte „Storck“. Immerhin kam die erste Veranstaltung 2010 schließlich auf fast 60 Aussteller mit rund 4500 Besuchern, die sich im darauffolgenden Jahr sogar verdoppelten. Mitte Februar 2012 zählt die Ausstellerliste für die kommende 3. Berliner Fahrrad Schau 155 Aussteller, Marken und Produkte.
Auf die richtige Auswahl kommt es an
An der Ausstellerliste lässt sich erkennen: Der große Reiz, den die Veranstaltung ausmacht, begründet sich in der Auswahl. Besucher können Fahrräder entdecken, die man nicht beim Fahrradladen um die Ecke sieht. Die nicht zwingend unter dem alleinigen Aspekt hergestellt werden, sie zu verkaufen. Von Leuten, die selbst Spaß am Radfahren haben und ihre Idealvorstellungen, technische oder vom Design her, verwirklicht haben. (Einige Aussteller werden in den folgenden Tagen im fahrradjournal vorgestellt.)
Natürlich haben Fahrräder, wie von „Seven Cycles“, „Daily Bread“ oder etwa „VANDEYK“, die in limitierter Stückzahl hergestellt werden, ihren Preis. So müssen für ein „VANDEYK Nightstream Road“ zum Beispiel 16.800 Euro hingeblättert werden. Wer das nötige Kleingeld im Budget hat und von einem ansprechenden Design sowie der Tauglichkeit überzeugt ist, dem dürfte auch die Hochpreisigkeit vermittelbar sein. Das sei „der Kreative aus Design, Architektur oder Mode, der sich für das Fahrrad interessiert,“ so Ingo Röhm. Eine sehr dankbare Klientel, die beim Fahrradkauf denselben Qualitätsanspruch habe, wie beim Kauf eines Computers oder von Designmöbeln.
Die Räder (und auch viel günstigere) können also auch gekauft werden. Die Berliner Fahrrad Schau möchte sich aber nicht als Verkaufsmesse präsentieren. Man schaue sich Händler genau an und lasse die Fahrraddiscounter in der Regel außen vor. Zudem wolle man verhindern, dass die Händler im Frühjahr auf den Verkaufsmessen ihre Lager leerräumen, um ihre Vorjahresmodelle loszuwerden. Für den Handel soll es nach Vorstellungen Röhms nicht um plumpes Return on Investment gehen, bei dem Standgelder und Mitarbeiter den Direktverkäufen gegengerechnet werden. Für den Händler bestehe der Nutzen weniger in der Abverkaufsveranstaltung, eher könne man den Messeauftritt mit einer Zeitungsanzeige vergleichen. „Die Anzeige kostet kaum weniger, erscheint, wird irgendwann weggeworfen, was bleibt?“ sagt Ingo Röhm.
Fahrradmode im Fokus
Neben Fahrrädern wird unter dem Namen „VELO COUTURE“ Fahrradbekleidung vorgestellt, der man zumindest auf den ersten Blick nicht ansieht, dass es sich um Fahrradbekleidung handelt. Dazu gehören Jeans, die gewachste Jacke oder das Hemd, welche durch Schnitt, Materialien, Reflektoren und Taschen Annehmlichkeiten für den Radler bereithalten, ohne dass dieser sich in herkömmliche Funktionskleidung zwängen muss. Waren das im letzten Jahr Marken wie „swrve“, „Osloh“, „Outlier“ oder „Quoc Nam“, kommt mit „Levi´s“ ein großer Jeans Streetware Hersteller mit einer kompletten Kollektion hinzu. Näheres zur „Commuter Series“ von Levi´s demnächst im fahrradjournal. Insgesamt hat sich die Zahl der Bikewear-Aussteller im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt.
Nach der Messe ist vor der Messe
Zukünftiges Potenzial der Fahrrad Schau wird u. a. im Ausbau des Markenpools gesehen. Denn neben der Publikumsmesse setze man auf den Ausbau von Business-to-Business. Jenseits der Eurobike, wo der große Handel einkauft, gebe es laut Röhm kleinere Hersteller, die Produkte anbieten, die nicht den jährlichen Produktzyklen unterliegen. Wer gezielt ein Schmankerl außerhalb der großen Aussteller für seinen Store finden möchte, könnte es dann auf der Fahrrad Schau entdecken.
So werde es einer der nächsten Schritte sein, das Thema Fahrrad mit kleineren Events das ganze Jahr über zu bespielen. Hersteller wie Fahrradbegeisterte sollen so gebunden und kontinuierlich mit dem Thema Fahrrad versorgen werden. Dazu gehören organisierte Reisen, Partys oder wie jüngst auf der Modemesse „Premium“ das Einstricken eines Fahrrads à la Urban Knitting.
„Ich muss mir unbedingt ein neues Fahrrad kaufen!“
Ein Ziel ist schon erreicht, wenn der Besucher von der Messe kommt und sagt: „Ich muss mir jetzt unbedingt ein neues Fahrrad kaufen“, findet Ingo Röhm. Lust aufs Fahrrad machen, dürfte angesichts des Konzeptes, der ausgestellten Objekte sowie zahlreicher Events am kommenden Wochenende nicht allzu schwer sein. Und vielleicht ist man ja gar nicht so weit weg von einer weiteren Vision der Veranstalter, mit der dieser Beitrag schließt: „Wer in Berlin zukünftig an das Thema Fahrrad denkt, der soll an die Berliner Fahrrad Schau denken.“
Text: wscher / Fotos: Berliner Fahrrad Schau / VANDEYK
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