Foto: wscher / www.fahrradjournal.de

Alle Macht den Rädern

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Einige mögen sich vielleicht gefragt haben, wer sich hinter dem seit Juni 2012 existierenden Blog mit namentlicher Reminiszenz an Revolutionszeiten verbirgt. Besonders bei der im Blog getroffenen Aussage, „dass Radfahren in dieser Stadt eine stärkere Lobby braucht“, kam man nicht umhin, an bereits bestehenden Institutionen wie den ADFC zu denken. Nun, die Noch-Studenten Kevin Schön, Ulrike Heringer und Till Runge stecken dahinter. Die veröffentlichten gerade ihr eigenes Manifest. Radfahrermanifeste sind in letzter Zeit in Mode. (Siehe Rainer Ganahl oder The Times am Ende des Beitrags.) Um nachzuhaken, habe ich mich mit Kevin Schön zu einem Gespräch getroffen. Nicht alles, was im Folgenden gesagte wurde, würde ich für die Ewigkeit in einen Monolithen meißeln. So dürfte etwa die Kultur, dass  Fußgänger sich beim Anrempeln freundlich anlächeln, in Hinblick auf urbanes Revierverhalten nicht überall gelten. Und ob wirklich „Angst“ die Grundstimmung in einer Stadt ist, in der immer mehr Menschen aufs Rad steigen?

 

Kevin Schön, wer und was steckt hinter „Alle Macht den Rädern“?

Wir sind drei junge Berlinerinnen und Berliner, alle noch Studenten, die das Fahrrad im Alltag benutzen. Dabei mussten wir feststellen, dass das nicht so viel Freude macht, wie es könnte, weil die Stimmung auf der Straße gegenüber Radfahrern rau ist. Will man so fahren, dass es für einen sicher ist und dass man ausreichend Platz hat, dann kommt es regelmäßig vor, dass man angehupt, abgedrängelt und als Verkehrsteilnehmer nicht ernst genommen wird. Hinzu kam, dass wir empört darüber waren, dass der Berliner Senat sich nicht bereit dazu erklärt hat, die Ausgaben für den Radverkehr zu erhöhen. Das war der Punkt, an dem wir selbst aktiv werden wollten.

Wer sich aktiv für den Radverkehr einsetzen möchte, der ist doch gut beim ADFC aufgehoben …

Wir hatten das Interesse selbst etwas zu machen. Wir glauben, dass unser Ansatz und unser Stil in positiver Ergänzung zum ADFC stehen. Und dass wir − nicht nur − aber doch vor allen Dingen jüngere, netzaffine Menschen ansprechen, für die das Fahrrad schon das gewöhnlichste Verkehrsmittel ist, was sich aber nicht unbedingt im alltäglichen Verkehr ausdrückt.

„Berlin braucht eine stärkere Lobby für das Radfahren“, heißt es sinngemäß auf dem Blog. Das zielt aber schon eindeutig auf die bereits existierende Lobby?

Wenn man sieht, wie es derzeit aussieht, würde ich sagen, um so mehr sich einsetzen, um so besser.

Gibt es eine konkrete Zusammenarbeit mit anderen?

Noch nicht. Zentrales Ziel für dieses Jahr ist aber, dass wir uns stärker vernetzen wollen. Auch mit Leuten, die bisher noch einzeln arbeiten, zum Beispiel Anwälte, die gegen die Benutzungspflicht von Radwegen vorgehen.

Wer sich davon angesprochen fühlt, wie kann die- oder derjenige bei euch mitmachen?

Derzeit kann man uns einfach anschreiben. Dann würden wir uns auf einen Kaffee treffen und schauen, was man machen kann. Mittelfristig möchten wir uns stärker institutionalisieren und wir sind auch für dauerhafte Mitarbeit offen.

Wie sehen eure inhaltlichen Positionen aus?

Eine von Kraftfahrzeugen überfüllte Stadt ruiniert ihre öffentlichen Räume. Wenn man zu Fuß unterwegs ist und sich anrempelt, dann lächelt man sich an. Wenn man mit dem Fahrrad an der Ampel steht, nimmt man sich gegenseitig positiv wahr. Ist man aber im Kraftfahrzeug hinter der Windschutzscheibe, dann nimmt man das als privaten Raum wahr und will diesen auch verteidigen und belastet automatisch andere. Wir wollen, dass das Fahrrad als das für die Stadt förderlichste und sinnvollste Verkehrsmittel etabliert wird. Und dass sich das sowohl in der Infrastruktur als auch in der Stimmung gegenüber dem Fahrrad ausdrückt.

Was unternimmt „Alle Macht den Rädern“, was führt generell zu einem verbesserten Straßenklima?

Zum einen wollen wir informieren. So schwebt uns für dieses Jahr eine Kampagne vor, die für das Fahrbahnfahren wirbt. Dass können aber auch Signale in der Infrastruktur sein, großzügige Fahrradspuren und andere Kennzeichen, die signalisieren, Radfahrer sind auf der Straße willkommen und die dazu führen, dass sich Radfahrer selbstbewusster bewegen. Dazu gehört auch ein Werben dafür, dass Radfahrer nicht an den Straßenrand gehören.

Im November habt ihr ein Manifest veröffentlicht. Ähnliche Manifeste gibt es ja bereits wie das von Rainer Ganahl oder das Times Manifesto. Wieviel habt ihr davon abgeschrieben?

Wir haben nicht abgeschrieben. Aber natürlich sind da Gedanken drin, die schon in dem gesamten Diskurs aufgetaucht sind.

Wieso sind laut Manifest die Städte unbrauchbar geworden durch das Kraftfahrzeug?

Das Kraftfahrzeug braucht unverhältnismäßig viel Platz. Wenn ich kleine Straßen damit vollstelle, können sich Menschen dort nicht mehr so frei bewegen. Genauso auf anderen Straßenzügen, auf denen ich mich nicht so selbstbestimmt bewegen kann.

Weiter heißt es, das Auto stehe im Widerspruch zu Urbanität. Ist das Auto nicht seit seiner Erfindung eher fester kultureller Bestandteil der Stadt?

Wir glauben, genau dass sollte sich wieder ändern. Das Auto gehört in die Stadt, wie man sie sich in der Moderne gedacht hat, nämlich dass man in der Vorstadt lebt und das Auto gebraucht, aber nicht, dass es sich in verdichteten städtischen Räumen bewegt.

Gebt ihr dem Auto auf dem Land noch eine Chance?

Wenn es dort niemanden behindert oder in seiner Freiheit einschränkt … Aber wir wollen das Auto gar nicht verbieten. Auch nicht für die Stadt. Die Veränderung kann über Anreize in der Infrastruktur geschehen. Wenn es nicht bequem ist, sich mit dem Auto in der Stadt zu bewegen, dann überlege ich mir nach und nach, das sein zu lassen. Wir sagen: So viel Fahrrad wie möglich, so viel Auto wie nötig.

Das Manifest spricht von einem Gefühl der Angst. Glaubst du, dass das für einen Großteil der Radfahrer nachvollziehbar ist?

Natürlich ist das sehr deutlich formuliert. Aber Menschen betreten eine Straße mit Vorsicht. Sie müssen sich bewusst sein, dass Kraftfahrzeuge eine entsprechende Gefahr darstellen. Und es kann doch nicht sein, dass man den, der gefährdet wird, einschränkt. Es muss der beschränkt werden, von dem die Gefahr ausgeht.

Zum Schluss des Manifestes wird es noch einmal richtig gefährlich: „Wir intervenieren konkret“ und „fight for your rights“, heißt es da. Was darf ich mir darunter vorstellen?

Das heißt, dass wir bestehenden Rechten von Radfahren weiter zur Durchsetzung verhelfen wollen. Das bedeutet auch, gegen die Radwegebenutzungspflicht vorzugehen. Das ist ein Thema, mit dem wir uns in diesem Jahr beschäftigen und anderen Aktiven vernetzen wollen.

Was haltet ihr von den medial allseits beliebten Kampfradlern?

Uns ist vor allem wichtig, dass sich Radfahrer gelassen und selbstbestimmt bewegen können und dass das Radfahren eben kein Kampf sein sollte. Dafür werden wir uns einsetzen.

Hast du einen Wunschschlusssatz mit Botschaft?

Ich wünsche mir, dass das Fahrrad als Verkehrsmittel so etabliert wird, dass Taxifahrer am Abend ihr Taxi abstellen und mit dem Fahrrad nach Hause fahren.

Vielen Dank fürs Gespräch.

Interview: Wolfgang Scherreiks / Fotos: wscher / Screenshots von Alle macht den Rädern

Weitere Infos zu „Alle Macht den Rädern“: Website, Facebook, Manifest

Noch mehr Manifeste: Rainer Ganahl, Times Manifesto

Screenshot: Alle Macht den Rädern

 

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