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Gefühltes Fahrradklima beim ADFC-Städte-Ranking

Foto: wscher / www.fahrradjournal.deBereits am letzen Freitag stellte der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) seinen 5. Fahrradklima-Test 2012 vor und zeichnete gemeinsam mit dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) die Gewinnerstädte aus. Unter den Städten über 200.000 Einwohnern stand wenig überraschend Münster an erster Stelle. Freiburg, im letzten Fahrradklima-Test noch gar nicht in der Wertung, stieg bei den Städten über 200.000 Einwohner direkt auf Platz zwei ein. Bei den Städten in der Kategorie 100.000 bis
200.000 Einwohner steht Erlangen erneut an erster Stelle, gefolgt von Oldenburg und Hamm. Rees und Rhede auf den Plätzen zwei und drei gehören bei den Städten bis 100.000 Einwohnern zu den Newcomern.

332 Städte haben die für die Wertung notwendige Mindestanzahl an eingeschickten Fragebögen erreicht, darunter alle 80 deutschen Städte mit über 100.000 Einwohnern. Unterstützt wurde die Umfrage (neben dem BMVBS) auch von der Fahrrad-Fachhandelsgruppe ZEG. Rund 80.000 Radfahrer beteiligten sich daran. Die Bewertung mit 27 Fragen erfolgte in Form einer sechsstufigen Skala zwischen zwei entgegengesetzten Antwortpolen, ein sogenanntes „semantisches Differential“. Oder etwas schlichter formuliert: Schulnoten von 1 – 6. Der Index der Gesamtbewertung ergibt sich als arithmetisches Mittel der Mittelwerte in den fünf übergeordneten Kategorien „Fahrrad- und Verkehrsklima“, „Stellenwert des Radverkehrs“, „Sicherheit beim Radfahren“, „Komfort beim Radfahren“ sowie „Infrastruktur und Radverkehrsnetz“.

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Nicht repräsentativ

Ausdrücklich nicht repräsentativ sollte diese Umfrage sein, vielmehr legt sie den Blick des Radfahrers als Experte seiner Strecke und seiner Stadt zugrunde. Gefragt wurde unter anderem nach Spaß oder Stress, der Akzeptanz als Verkehrsteilnehmer, der Winterräumung von Radwegen, den Konflikten mit Autofahrern oder Fußgängern, aber auch – und das nicht ganz uninteressant – nach der Wahrnehmung medialer Berichterstattung über Radfahrer/innen. („Bei uns … wird in der Zeitung meist positiv über Radfahrer/ innen berichtet / wird in der Zeitung nur über Unfälle und das Fehlverhalten von Radfahrer/innen berichtet.“). Auf diese Frage erhielt Köln in der Gesamtwertung die Note 4,63, Hamburg 4,55 und Berlin 4,43. Besonders negativ bewertet wurde häufig die Radverkehrsführung an Baustellen, Falschparker auf Radwegen, die Abstimmung von Lichtsignalanlagen für Radfahrer sowie der Winterdienst auf Radwegen.

Auszug aus dem Ranking der Gesamtwertung 2012 der Plätze 1-10:

1. Münster

2. Freiburg

3. Karlsruhe

4. Kiel

5. Oberhausen

6. Hannover

7. Bremen

8. Rostock

9. Frankfurt (Main)

10. Leipzig

Ebenso spannend sind die letzten fünf Plätze:

34. Hamburg

35. Bochum

36. Mönchengladbach

37. Wiesbaden

38. Wuppertal

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Der pädagogische Kuchen

So ein Ranking dient natürlich als Instrument der medialen Wahrnehmung. Es kann Ansporn sein, ist dem Klima möglicherweise über die Identifikation förderlich und sicher auch touristisch von den Gemeinden verwertbar. Mit einem Städteranking in mehreren Gewinner-Kategorien nach „Spitzenreiter“, „Aufholer“ und Städtegrößen aufbereitet, erhält man einen pädagogischen Kuchen, aus dem sich viele Gemeinden ein Stück Lob bzw. Motivation herausschneiden können. Und auch wenn sich „der begeisterte Radfahrer“ Ramsauer (BMVBS-Staatssekretär Mücke), wie bereits bei vergangenen Symposien selbst aus Termingründen entschuldigen ließ und vor dem Berliner Ministeriumssitz zumindest in Blickweite keine geeigneten Abstellplätze für Fahrräder zu sehen waren, bot sich dem Bundesverkehrsministerium ebenso wie den versammelten Kommunalpolitikern eine willkommene Gelegenheit für eine positive Selbstdarstellung.

Es wurde darauf hingewiesen, dass es in den ländlichen Regionen wesentlich unaufgeregter zugehe, als in den Metropolen. Und die Verschlechterung der Umfrageergebnisse erklärte der ADFC-Bundesvorsitzende Ulrich Syberg mit dem gestiegenen Bewusstsein des Radfahrers. Könnte das aber nicht umgekehrt für die in der Verantwortung stehenden aus den in der Gesamtbewertung weit abgeschlagenen Städten wie Berlin (Platz 24) oder Hamburg (Platz 34) ein falsches Signal sein, die Bewertung nicht allzu ernst zu nehmen?

Kommentaren aus Blogs wiederum ist zu entnehmen, dass der gemeinsame Auftritt der Radfahrerlobby mit dem Bundesverkehrsministerium durchaus zwiespältig aufgenommen wird. Vielleicht ähnelt das ein bisschen dem Verhältnis von Opposition und Regierungsverantwortung. Einerseits bedeutet die gemeinsame Abstimmung eine thematische Aufwertung für die Belange der Radfahrer und ihrer Interessenvertretung. Andererseits steht immer auch die Frage im Raum, wie weit denn die Umarmung mit der Macht gehen darf, ohne dass die Organisation ihre Positionen aufweicht oder an der Basis an Glaubwürdigkeit einbüßt.

Diskussionen dazu finden z. B. im Rad-Spannerei-Blog statt. Zu den ausführlichen Umfrageergebnissen des ADFC-Fahrradklima-Tests geht es hier.

Text und Fotos: wscher

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1 Comment

  • Zur Kritik an der Kooperation ADFC/Ministerium:
    So eine Befragung kostet ja auch entsprechend Geld. Durch die Kooperation war es möglich, dass das Verkehrsministerium einen guten Teil der Kosten im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplan übernimmt.

    Darüber hinaus ist eine solche Befragung sogar Teil des NRVP und der ADFC hat sich m. W. um die Durchführung beworben. Solche Projektfinanzierung ist allgemein üblich. Natürlich muss transparent sein, welche Abhängigkeiten u. U. bestehen und das darf natürlich auch kritisch hinterfragt werden. Aus meiner Sicht sehe ich in diesem Fall keine akuten Gefahren.

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