Kampagnenreiter / Foto: wscher / www.fahrradjournal.de

Mission Rücksicht

Kampagnenreiter / Foto: wscher / www.fahrradjournal.deDarauf haben wir lange gewartet. Heute wurde in Berlin endlich eine neue Kommunikationskampagne vorgestellt, die sich an alle Verkehrsteilnehmer richtet, mit einem besonderen Fokus auf den Radverkehr. Stadtentwicklungssenator Müller sagte dazu auf einer Pressekonferenz am Vormittag: „Das Miteinander im Straßenverkehr muss sich verändern, wenn wir gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer haben wollen, wenn wir wegkommen wollen vom motorisierten Individualverkehr, wenn wir insgesamt die Attraktivität der Stadt steigern wollen. […] Aber die Leute müssen sich im Straßenverkehr, egal ob als Fußgänger, als Radfahrer und natürlich auch als Autofahrer wohlfühlen. Sie müssen das Gefühl haben, sie sind gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer und können sich sicher in der Stadt bewegen. Es geht einfach darum, Aufregersituationen, ein Bedrängen der unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer zu vermeiden. Ich will das deutlich betonen: Diese Kampagne hat nicht Strafen und den erhobenen Zeigefinger im Vordergrund.“

Das Bundesverkehrsministerium, der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) und die Unfallforschung der Versicherer (UDV) unterstützen die Kampagne. Mit dabei sind u. a. auch der ADFC, der ADAC, die BSR, die BVG und die S-Bahn Berlin.

Plakat_hoch_Kurierfahrer_webMit einer neuen Marke „Rücksicht“ wird die Stadt ab sofort plakatiert. Die Kampagne wird auf Bussen, Straßenbahnen oder auf Infoscreens zu sehen sein. Die Botschaften lauten u. a.: „Kostet nichts“, „wirkt sofort“ oder „stiftet Frieden“. „Rücksicht” wird u. a. auf Plakaten und Postkarten von bestimmten Typen in Form einer Dose überreicht. Nach Angaben von Burkhard Horn von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gehe es beim eingesetzten Werbematerial darum, Personen zu zeigen, die Konfliktsituationen widerspiegeln, die man so im Kopf habe: Den Paketdienstfahrer, der auf dem Radfahrstreifen parke oder der Fahrradkurier, der sich nicht an die Regeln halte.

RUECKSICHT_CHRISTOPHORUS_DOSE_Presse_P7Z2606_webBei der Gestaltung der Kampagne hat man sich offenbar bei Missionaren bedient. Das Video-Intro zur Kampagne erzählt, wie der Heilige Christophorus (!), „Schutzpatron der Reisenden“, über eine Marketingagentur zum hippen Verkäufer wird, der das Produkt „Rücksicht“ in Dosen (!) verkauft. Das Filmchen dürfte schon aufgrund seiner Langatmigkeit Schwierigkeiten haben, über die anvisierten Social Media geduldige Aufmerksamkeit zu erzielen. Dummerweise konterkariert er damit die Äußerung der Marketingbeauftragten im Film, die Kampagne müsse sexy sein. Der Spot ist alles andere.

Man wolle nicht zwischen guten und bösen Verkehrsteilnehmern trennen, wurde bei der Vorstellung der Kampagne mehrfach betont. Der erste Spot nach dem Intro zeigt, dass man zumindest auf das Belehren von Verkehrsteilnehmern nicht verzichten konnte. „Gehwegradler”:

Dass sich der protestantische Berliner ausgerechnet vom Heiligen Christophorus belehren lässt, der auch noch wie Boris Becker frisiert und in hellblauer Abendgarderobe aufkreuzt, ist eine optimistische Idee. Dieses Konzept muss sich daher die Frage gefallen lassen, wer ernsthaft von der Kampagne berührt werden soll. Die Ausgestaltung bildet genau jene altbackene Witz- und Fantasielosigkeit ab, wie sie von behördlich initiierten Kampagnen zu befürchten war:

Da gibt es diese Postkarten und Plakate mit den fünf Kernmotiven oder Models, die für die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer stehen sollen. Solche per Photoshopnachbearbeitung entmenschlichten Gesichter kennen wir aus Traktaten christlicher Missionare, die gebleckten weißen Zahnreihen von billiger Zahnpastawerbung. Und da ist dieser „vertiefende“ Flyer, der beispielhaft zehn verschiedene Konfliktsituationen darstellen soll. Die zugehörigen Flüche, die sich die Verkehrsteilnehmer zurufen, sind so lebensecht, wie sie nur um Generationen von ihren Schülern entfremdete Pädagogen am Schreibtisch aushecken können:

„Mach mich nicht an, Opa.“ – „Licht an, Irrer!“, „Doofmann!“, „Hoppla!“ Oder benutzt irgendjemand den Ausdruck: „Park-Trottel?“

Möglicherweise wären echte menschliche Identifikationsfiguren, unheilige Persönlichkeiten, die eine Geschichte erzählen, die glaubwürdigere Variante gewesen. Oder einfach etwas Mut zur Ironie, wie hier im Video aus Dänemark zu sehen ist:

Doch rudern wir zurück: Vielleicht fällt unsere Wahrnehmung des Kampagnenmaterials nur so aus, weil wir irgendwie durch den Rost einer Zielgruppendefinition gefallen sind. (Wie konnte das nur passieren?) Oder vielleicht ist an dieser Stelle das beliebte Argument angebracht, gerade das Ungelenke präge sich ein und sorge für die nötige Aufmerksamkeit und damit die gewünschte Diskussion. Mehr wissen wir in zwei Jahren, wenn die Evaluation der Kampagne abgeschlossen ist. Ein erstes Bild von der Kampagne kann sich jede/r selbst auf folgenden Internetseiten machen. Dort ist auch der angesprochene Intro-Film zu sehen.

www.rücksicht-im-strassenverkehr.de

www.berlin-nimmt-rücksicht.de

www.freiburg-nimmt-rücksicht.de

Text: wscher / Fotos: wscher / berlin-nimmt-rücksicht.de / Video: The Danish Road Safety Council

WERBUNG
[adrotate banner=“9″]

About the author

fahrradjournal

View all posts

2 Comments

  • Besten Dank für den ausführlichen Bericht. Speziell die Ausführungen zur „Langatmigkeit“ des Einführungs-Videos und die unfassbar schlimme Optik und Sprache der Kampagne ist mir auch direkt negativ aufgefallen – auch das erste Themen-Video ist eher zum fremdschämen…

    Die „Kern-Message“ Rücksicht kostet nichts, stiftet Frieden etc. find ich relativ gut. Aber ich stimme auch zu: ohne Belehrungen kommt die Kampagne definitiv nicht daher (was wohl auch beim Thema kaum zu verhindern ist). Was leider völlig fehlt: es gibt noch nicht mal Andeutungen darüber, WARUM z. B. viele Menschen auf dem Gehweg fahren und wie man da zukünftig was dran ändern könnte: Viele Menschen fahren ungern auf der Straße, weil sie sich auf der vorhandenen Infrastruktur einfach unsicher fühlen. Wenn es um gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer gehen soll, dann muss m.E. irgendwo bei der Kampagne der Punkt kommen, wo gesagt wird: „Liebe Radfahrer, wir haben in der Vergangenheit vieles schlecht gemacht, wir versuchen es in Zukunft besser zu machen.“ Das hat dieser Verkehrspsychologe im Interview mit der Berliner Zeitung letztens sehr schön formuliert, indem er erklärt hat, dass bei vielen Radfahrern sich ein Gefühl der Ungerechtigkeit eingestellt hat, weil die Infrastruktur eben keinesfalls gleichberechtigt ist, sondern häufig zweiter Klasse… Das es auch um Veränderung gehen sollte habe ich aus den bisher veröffentlichten Materialien der Kampagne überhaupt noch nicht rausgelesen. So ist es eher: Der Status Quo ist so, haltet euch gefälligst an die Regeln, auch wenn es nicht besser wird…

    Was mir auch noch aufgefallen ist: Die Optik der ganzen Radler! Das viele Helme zu sehen war klar, dass es so furchtbar hässliche sind, musste nicht unbedingt so sein. Aber viel schlimmer: 2/3 der Radler auf der Website sind als „Sportler“ dargestellt, nur ganz wenige als Alltagsradfahrer. Das finde ich fachlich ein ganz falsches und sehr bedauernswertes Zeichen. Dachte eigtl., dass Kommunikation zum Thema Rad schon ein bisschen weiter wäre…

    Naja, die Kampagne geht ja zwei Jahre…, mal schauen, was noch passiert. Einschlagen ist ja auch recht einfach. Generell ist es gut, dass etwas passiert…, so kommt das Thema noch mehr in die Öffentlichkeit und darum geht es ja …

  • Radfahren macht Spaß kommentierte über Google+

    Eine Dose „Rücksicht“! Na toll. Muss man dazu was „trinken“, oder weiß man selbst, das, wenn man schon auf dem Gehweg fährt (was ja eigentlich nicht gestattet ist, was ich aber selbst auch hin und wieder tue), man besonders Rücksicht auf Fußgänger nimmt und auf dem Gehweg nicht rast wie ein Irrer?

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *