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Die Sonntagsinsel Viðey

Foto: wscher / www.fahrradjournal.deWer vom neuen Hafen in Reykjavik aus die Fähre zur Insel Viðey nimmt, der kann vom Land träumen. Die Insel entstand vor zwei Millionen Jahren aus einem Vulkan. Gegen Ende der letzten Eiszeit stieg der Meeresspiegel und der Vulkan verschwand. Vor zehntausend Jahren sank das Meer und die Insel tauchte auf.

Heute dürfte sie so etwas wie eine Sonntagsausflugsinsel für Hauptstädter sein. Ganz unspektakulär für Touristen, die vom eben noch besten zum gleich noch viel besseren Hotspot traben müssen. Davon ausgenommen, die melancholische Gegenwart hier, wie immer vor der Haustür gelegen. Sie beweist sich schon in der ersten Begegnung: Eine Herde Islandpferde steht unbeweglich wie in Trance, mit offenen Augen schlafend.

Klimatisch ist die Sonntagsinsel eine Miniatur Islands: Die Wetterräume liegen so eng beieinander, dass sich auf Schritt und Tritt die Temperatur, der Charakter des Windes, die Farbe des Lichtes wandeln: Die Sonne scheint nicht mehr, die Wolken hängen tief, sind schwarz oder silbern, Nebel quillt auf, oder Sprühregen fällt auf ein paar Meter. Feucht ist es fast immer und doch scheint unerwartet die Sonne wieder.

Als ich in Island ankam, fiel mir das Holz auf. Die niedrigen Birken, die Spielzeugtannen, manchmal wie ein ganz besonderer Stolz ausgestellt. Ich sah Holz als Flughafeninterieur, als Baumaterial alter Hütten, als Möbelstücke in der Wohnung meines Gastgebers. Nur woher kommt das Holz? Einmal gab es auf Insel Viðey eine Siedlung, die wuchs bis auf 190 Einwohner an. Häuser wurden gebaut, darunter ein Schulhaus, das man noch immer begehen kann. Drinnen sind Schwarz-Weiß-Fotos ausgestellt: Gruppenfotos von Familien mit unzähligen Kindergesichtern. Als die Fischfabrik schloss, bauten die Einwohner ihre Häuser samt Holzbohlen einfach ab, nahmen sie mit und bauten sie am neuen Standort der Fabrik wieder auf.

Jede Reise hat ihre eigene Musik. Nicht immer originell. Ein italienischer Schlager, ein Tango, das Auf und Ab von Zikaden, manchmal ein Mantra, das man selbst stur vor sich her singt oder spricht, um durchzuhalten. („I am a wanderer“). Die Musik, die mich auf meiner Islandresie begleitete, nahm ihren Ursprung auf der Sonntagsinsel Viðey. Dort siedeln Vogelarten wie Eissturmvögel, Meerstrandläufer, Austernfischer oder Eiderenten. Besonders faszinieren mich Bekassine, die ich hier zum ersten Mal sehe und höre. Mit ihren abgespreizten Steuerfedern, die im Luftstrom vibrieren, erzeugen sie einen elektronischen Klang. Indem sie den Luftstrom immer wieder mit den Flügeln unterbrechen, wird sogar ein Tremolo daraus, das ist der Sound der Bekassine. Immer wenn ich den Sound der herabstürzenden Bekassine höre, bin ich wieder in Island.

Beim Beobachten der Bekassine bin ich etwas vom Weg abgekommen und schrecke eine Eiderentenfamilie auf, die ins Wasser stürzt. Ich besinnen mich nicht in die Brutgebiete einzudringen und kehre vorbildlich auf die kultivierten Wege zurück. Gleich darauf folgt ein ohrenbetäubender Lärm: Ah, James Bond selbst braust dort unter uns auf dem Meer in seinem Rennboot vorüber und schießt ein, zwei Mal durch eine verscheuchte Entenfamilie hindurch. Nur wenig später, wie könnte es anders sein? Der Bösewicht ihm hinterher. Wie an anderen Stellen im Leben, ist auch hier der Verfolger der Imitator: Schwenkt Bond nach rechts, macht der hinter ihm selbstverständlich auch eine Rechtskurve. Saust der im Geheimdienst seiner Majestät stehende mitten durch die Entenfamilie hindurch, plättet der andere noch mal drüber. Freizeitsportler eben.

Ich denke an die schlafenden Pferde und verwandel mich in einen extra trägen Sonntagsspaziergänger, weit ab von der große Freizeitaction dort unten im Meer. Die klassischen Infos zur Insel Viðey findet ihr hier.

Text: Wolfgang Scherreiks / Foto: wscher / A. Jeltschin

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