Foto: Kerstin Kortekamp

GESTERN IN FLANDERN (2) Die lange Nacht von Eddy Merckx und Freddy Maertens

Foto: Kerstin Kortekamp

Vielleicht sind die flämischen Ardennen so etwas wie ein Traum- und Exilland für Radsportler aus Ländern, in denen die Radsportbegeisterung auf kleiner Flamme köchelt. Das Volk selbst gibt sich strikt kompetitiv – vom Amateur bis zum Profi. Wer will, kann es ihnen nachmachen. So tauchte der erste Teil der Reisenotizen über Oude Kwaremont, Paterberg und Koppenberg in die Kulturlandschaft ein. Der zweite Teil führt ins Zentrum des belgischen Radsports nach Oudenaarde, wo Sprinterveteran Freddy Maertens noch einmal die Geschichte einer späten Zwiesprache mit seinem Rivalen Eddy Merckx im O-Ton erzählen wird. Und weil eine Flandernreise auch eine Zeitreise sein kann, ist im letzten Teil Retrokultur pur erlaubt: Après-Velo im Ballsaal, Radkultur im Kirchenschiff sowie Begegnungen mit Originalen am Etappenposten der RetroRonde.

(2) Die lange Nacht von Eddy Merckx und Freddy Maertens

An der Pilgerstätte des belgischen Radsports in Oudenaarde befindet sich das Radsportmuseum im Ronde-Centrum. Nebenan ist die „Brasserie de Flandrien“ angesiedelt, eine Art von Supporter Café mit Gastronomie und Live-Übertragungen nebst hübsch ausgestellten Kultgegenständen. Wie sonst im Vereinsheim die spitzen Wimpel oder bei den Tibetern die farbenreichen Gebetsfahnen im Wind flattern, leuchten über der Bar und an den Wänden ikonische Trikots, gibt es Rennmaschinen, Radsportfotografie und reihenweise Trinkflaschen zu begutachten. Unter solchen Devotionalien (und aus dem Museumsbesuch noch die braunen Lederhandschuhe von Merckx als Reliquien hinter Glas im Kopf), wird aus meinem Weg zu Freddy Maertens fast so etwas wie der Gang durch die Kirche zu einem ihrer Vertreter.

Da bietet sich einiges an, nachdem ich mich bei dem Radsportveteranen erkundigen könnte. Kennt seine Biografie doch Triumphe, Geld- und Suchtprobleme, aber auch das Zurückkehren ins Leben. Schließlich ist es kein Geheimnis, dass scharenweise Rennfahrer Substanzen einnahmen, um so schnell es geht von A nach B zu kommen. Von den Anfängen des Radsports bis heute. Doch hier fragt niemand einen Heiligen nach seinen Sünden. Auch ich interessiere mich für etwas ganz anderes.

Bekanntlich wurden belgische Sieger von den eigenen Landsleuten schon mal ausgepfiffen. Besonders zu jener Zeit, als Eddy Merckx der anerkannte Radsportkönig war und damit nun einmal als Einziger berechtigt, jedes Rennen zu gewinnen. Der sah das natürlich genauso. Unter dieser Umständen hatten es aufstrebende Talente nicht leicht. Bei der UCI-Straßen-Weltmeisterschaft von 1973 in Barcelona kam es zu einem typischen Drama zwischen Aufsteiger und etablierten Profi. Am schwierigen Berg Montjuïc waren die bereits einbrechende Legende Merckx und der viel schnellere Sprinter Maertens kein Team. Der eine will endlich zeigen, was in ihm steckt, der andere akzeptiert keine Götter neben sich. Da zog Felice Gimondi an ihnen vorbei, entschied das Rennen für sich und wurde Weltmeister. Seit dieser Zeit blieb der Umgang der beiden Rivalen miteinander kühl. Bald 30 Jahre lang. Bis zu ihrer Wiederbegegnung in Beaujolais. Diese Geschichte finde ich interessant.

Bis Maertens eintrifft, sitzen wir in größerer Runde. So ein Setting gleicht häufig einem bereits gesehenen Theaterstück, bei dem man sich noch einmal in das Stück und seinen Schauspieler verliebt. Scheinbar Intimes ist dann oft Erzähltes, Professionelles. Auch dieser hier weiß, wo man Pausen setzt, arbeitet mit den Händen, ist mit seinem Blick halb bei uns und halb bei den Bildern von gestern. Dann legt er los.

2002 sei er zu einem Radsporttreffen in Beaujolais angereist. Eddy und er waren im selben Hotel abgestiegen. Weil er früher eingetroffen war, sah er Eddy ankommen, der direkt nach oben in sein Zimmer lief. Da war er sich sicher, dass er nicht mehr herunterkommen würde. Doch zehn Minuten später stand Eddy vor ihm. Man lud sich zu Getränken und Zigaretten ein, Eddy setzte sich und sagte: „Freddy, ich denke, wir müssen über Barcelona reden.“ Die ganze Nacht hindurch redeten sie, tranken Wein und Tee. Am Morgen stießen sie mit einem Glas Champagner an, gaben sich die Hand und wurden Freunde.

Die Geschichte um den schwierigen Umgang zwischen Freddy Maertens und Eddy Merckx und deren späte Versöhnung ist vielleicht nicht bahnbrechend neu, aber schön. Und schöne Geschichten sollten wiedererzählt werden, am besten vom Protagonisten selbst. Wer halbwegs Englisch versteht, kann an dieser Stelle im Originalton zuhören, wie Freddy Maertens sich erinnert. Hier geht´s zum Podcast. Die passenden Fotos zur Begegnung in Oudenaarde stammen übrigens von Kerstin Kortekamp, bei der ich mich an dieser Stelle mit einem Link zum Blog Klassikerausfahrt bedanke.

Text: wscher / Fotos: Kerstin Kortekamp / Hinweis zur Transparenz: Die Reise erfolgte dank einer Einladung des staatlichen Verkehrsamtes von Flandern “Tourismus Flandern-Brüssel”

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Zum 1. Teil der Serie GESTERN IN FLANDERN: Im Land der Radfahrer

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