London

Notting Hill 1994

Mitte der 90er Jahre. Es ist Karneval in London. Rechtzeitig quartiert sich der Herausgeber in South Kensington ein. Ein paar gute Bücher aber kitschige Postkarten im Kopf, die Musik der Pet Shop Boys im Ohr sowie reichlich Scotch runden seine Projektionen ab. Dennoch will er noch etwas gesehen haben. Aus dem Tourtagebuch.

 

Am Morgen höre ich das Lied eines Zimmermädchens und ich weiß nicht, ist es nicht doch das Lullaby einer Amme? Aber mit dem Klopfen des Zimmerkellners erwache ich neben Porzellannippes aus der Kolonialzeit.

Vielleicht ist eine Viertelstunde vorbei. Verständnislos halte ich die Times in der einen und eine bittere Tasse Assamtee in der anderen Hand, weil ich beides unbedingt gleichzeitig in den Händen halten will, da mein Glück von diesem Gleichgewicht abzuhängen scheint …

… oder vom Bad, das so großzügig ist, dass ich angemessen Lebenszeit darin verschwende. Endlich beuge ich mich und schnüre blaue Turnschuhe mit weißen Streifen um loszuwandern, nur so geht es, in blauen Turnschuhen mit weißen Streifen durch den Gebäudekomplex in Kensington, in dem ich mich gestern Nacht verlief, bis in das neunzehnte Jahrhundert hinein und im Verlaufen halb totlachte oder …

… davor das Glück des Klubraumes neben der Lobby unten, wo ich Striche auf einen Block markiere, als mache ich das seit unserer Jugend so. Jeden dritten Scotch lasse ich unter den Tisch fallen. Der Landlord weiß das, er kennt seine Gäste und berechnet im Gegenzug einen ordentlichen Preis pro Glas. So hat sich niemand etwas vorzuwerfen.

*

In dieser Stadt begehe ich ausschließlich kolportierte Hotspots bis nach Greenwich hoch, als Kumpane den ironischen Mantel des Regens und den Kopfhörer meines Walkmans. Einmal schaue von der Lambeth Bridge auf den Fluss herunter und höre die Stimmen der Pet Shop Boys:

»I was faced with a choice at a difficult age Would I write a book? Or should I take to the stage?«

*

In Notting Hill tobt Karneval seit 1959. Seit im Vorjahr, im August Bank Holiday, ein »Keep-Britain-White«-Mob, bewaffnet mit »Eisenstangen und Metzgermessern« Jagd auf die Inder in Notting Hill machte. Mitte der Siebziger wollte man den Karneval von der Straße haben, weil Jugendliche auf die Polizei losgingen. Da hob der gute Prince Charles eine Hand.

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Du weißt ja, wie ein Straßenkarneval aussieht. Ich weiß es auch. Deshalb kann ich, während draußen der Rummel tobt, in aller Seelenruhe eine Austernbar betreten. In dieser Austernbar will mich ein hungriger Bohemien zur Investition überreden. »Hey, Sir, wir machen einen fantastischen Club auf in London«. Dazu seine ausladenden Armbewegungen. Aber ich glaube, er will nur meine Austern. Also teilen wir die Austern. Dann muss ich weiter. Jedem sage ich: »Ich habe keine Zeit. Ich muss alles sehen.« Jetzt also doch den Straßenkarneval.

Die beste Karnevalerfahrung ist eine Totale. Nicht als Zuschauer unten am Rand, wo aus Prinzip ein größerer Kopf vor dir steht, nicht in der Flucht deiner Freunde, die immer zu einem besseren Aussichtspunkt hinfliehen und von dort aus zu einem noch besseren, uswusf.

Auch nicht als Darsteller im Inneren, als Tänzer, wenn du blind bist, in deinen Ellipsen, deinem Derwisch-tun, selbst in der Aufwärtsbewegung noch nicht, in einem unerwarteten Befreiungssprung durch Parfumschichten, Schweiß, Bier- und Caipirinhadunst hindurch aus den Pulk heraus und wieder in die Zuschauerreihen auf das Straßenpflaster mit deinen blauen Turnschuhe mit weißen Streifen. Die Gegenwart bietet keinen Raum für Betrachtungen.  Selbst in der Zukunft nicht, als du aus dem Fenster schautest und zu jemandem hinter dir sagtest: »Morgen fliege ich zum Karneval«. Die beste Karnevalerfahrung bleibt eine Totale in der Erinnerung, wenn sich die satten Farben der Melancholie daruntermischen.

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Bevor das Gelage beginnt, begehen wir das Hilton mit einem Manager. Der Höhepunkt ist ein trauriges, staubiges Zimmer, in dem Elton John Interviews gibt. Es ist ganz grau mit schweren Vorhängen vor den Fenstern und könnte einmal durchgelüftet werden. Noch völlig vom Grau durchdrungen steigen wir in das Restaurant hinunter und nehmen das beliebte Wodkamenü. Ein Bandoneonspieler tut das Seine. In den Neunzigern kommen noch alle auf dich zu, selbst wenn du zu ihnen gekommen bist, um über die gefallene Mauer zu reden. Das ist ein guter Anlass, um sich zu betrinken und Tangomusik zu hören.

*

Gerade in London trage ich meine Nase so hoch wie es geht. Überall versuche ich sie hineinzustecken. Ob sie mich haben wollen oder nicht. Ob es eine Sperrstunde gibt oder nicht. Und wenn ich nicht gerade meine Nase irgendwo hineinstecke, wandere ich mit meinem Walkman durch die Stadt. Und wenn ich nicht durch die Stadt wandere, sitze ich lautlos hinter einem Chauffeur in einem Cab. Koste es, was es wolle: Die Neunziger. An jeder Straßenecke spuckt ein eingemauerter Kasten Banknoten aus. Meine Bank weiß nicht, welchen Geschäften ich in Soho nachgehe. Der Bankautomat ist ein mythisches Gesicht, dessen Lippen immer schmaler werden, bis es nur noch verächtlich Münzen spuckt.

Auf einmal wende ich meinen Kopf und ich erinnere mich an überhaupt nichts mehr. Die allerletzten Münzen lege ich in die Hände des allerletzten Chauffeurs. Dann werfe ich mir eine Tasche über die Schultern und hoffe, meine ausschweifende Spur verliert sich über die langen Flure Heathrows.

Wolfgang Scherreiks, London, 29. August 1994

 

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