Foto: wscher / www.fahrradjournal.de

Provence

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Im Jahre 2008 floh der Herausgeber des fahrradjournals klassisch in die Provence, um an ein Stück Literatur zu arbeiten. Wie verbringt man den Tag in einem lichtlosen, alten Steinhaus, was macht man in den Schreibpausen, wenn man nicht wandert oder Trödel kauft? Man fantasiert ein bisschen und notiert das ebenfalls. Vorsicht: Eine ländlich-erotische Szene, Katzen und Martial Arts tauchen auf. Und die Fotos wurden im Nachhinein digitalisiert. Aus dem Tour-Tagebuch.

Moissac-Bellevue. Über das Licht sollen andere schreiben. Tatsächlich sperrt man das Licht hier aus. So auch mittags, nur ein paar Ritzen bleiben, die sich durch die Holzlamellen stehlen. Drinnen, in der kühlen Küche beobachte ich meine Frau beim Epilieren ihrer Beine. Ich werde das später im Roman verwenden, was ich ihr verschweige. Deshalb notiere ich die Abfolge: Erstens Wasser in die Emaillewanne lassen, zweitens ein Handtuch präparieren, drittens mit einer Schöpfkelle das rechte Bein mit Wasser übergießen, viertens die Haut des Beines einschäumen, fünftens mit dem Rasierer von unten nach oben ziehen, dann dasselbe noch einmal mit dem Fuß, sechstens alles mit Wasser abstreichen, siebtens ins vorbereitete Frotteehandtuch trockenrubbeln. Auf dieselbe Weise verfährt sie auch mit dem linken Bein … Ich heiße nicht Rodin oder so. Irgendwann werfe ich den Notizblock auf den Küchentisch. Ich stehe in der Haltung eines Rebel without a cause in Lamellenlicht getaucht, die Hände in den Taschen meiner Jeans und neige lässig meinen Kopf.

Am Nachmittag wache ich plötzlich auf und muss uns aus Eiern, Buchweizenmehl, Milch, Zucker, Butter, Birnen und Äpfeln eine provencialische Spezialität backen, die nur mir allein bekannt ist, das Rezept ist mir undeutlich aus meinem Halbschlaf erinnerlich. Mehrmals fotografieren wir die Spezialität. Dann machen wir uns gleich darüber her. Kein Krümel bleibt übrig.

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Am frühen Abend wünscht sich meine Frau ihren Kater aus Berlin herbei. Immerhin hat sie hier mindestens vier Katzen, um die sie sich natürlich ebenso fürsorglich kümmert. Sie tragen folgende Indianernamen: „Knarrende Tür”, „Die Kleine”, „Abgebissenes Ohr” und „Der fette Kater.” Knarrende Tür imitiert eine knarrende Tür, anstelle zu miauen. Die Herkunft der übrigen Namen lassen sich leicht erschließen. Jeden Abend treten sie, die Servietten schon um den Hals, ungeniert zum Essen ein. Ist alles verputzt, verschwinden sie wie Banditen.

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Danach wird es still. Niemand mehr außer uns. Die Saison ist aus. Selbst die Zikaden schauern nur noch. Vielleicht frieren sie. Sie setzten an, aber danach kommt nichts mehr. Wie ein Feld, das der Wind niederstreckt und das nicht mehr aufsteht, weil eine Jahreszeit sich darüberlegt. Wie eine Meereswelle, die groß ausholt, aber vergisst, zurückzukommen uswusf.

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Ein letztes Mal komme ich vor die Tür: Jemand hat das Mondgefäß mit weißem Licht aufgefüllt. Hinter den braunen Bergen finden Manöver der französischen Armee statt. Es flackert wie das ferne Lagerfeuer eines Riesen. Manchmal hört man ein paar Silvesterböller. Es sieht alles sehr utopisch aus. Ich möchte wissen, was hinter den Bergen ist und welches militärische Experiment dort stattfindet.

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Nachts in der Geistergasse sind die Katzen unter dem Mondlicht Affen. Wenn man die richtigen Kostüme anzieht, kann man hier ausgezeichnet einen Martial Arts Film drehen:

»Wer ist da? Bist du es Wong Fei Hung?«

Keine Antwort. Die eigene Stimme tönt merkwürdig belegt. Die Gasse ist so leer, so gesucht durchlässig, aber die Affen versteinern mit einem Bissen im Maulwinkel. Du fragst dich, warum dir die Tiere immer einen Schritt voraus sind. Dabei hat dir Wong Fei Hung doch gesagt, dass das Denken tödlich ist für die Intuition.  Gerade, als du es durchschaut glaubst, siehst du wie die Affen ihren Blick heben, bist aber so dumm oder so zwanghaft, dem Blick der Affen nachzugehen. Du drehst also das Gesicht und autsch! saust das Schwert nieder.

Und wenn das Tal vernebelt ist, die Berge im Rücken, braucht man über die Terrassen und alle Dächer nur farbenprächtige Gebetsfahnen zu hängen und gleich dreht man noch einen viel sanfteren tibetanischen Film hinterher.

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Hier fallen mir immer so viele Geistergeschichten ein. Das kommt durch die Struktur der Landschaft mit ihren morschen, niedrigen und flechtenüberwachsenen Eichenwäldern und den merkwürdigen Steinen, den Burgmauern der Behausungen, aus denen manchmal ein Ast wie die verkohlte Hand eines Eingemauerten herausragt, wie auch die Mauern unseres Hauses: Jedes Fenster ist anders eingebaut, als hätte man eine Felshöhle vorgefunden und das Beste aus den natürlichen Löchern und Scharten gemacht. Sodann ist das Buch schuld, in dem ich lese: „Der Berg der Seele” von Gao Xingjian. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir seit Wochen in einem ehemaligen Tempelritterdorf, ganz oben in der Burg wohnen. Die Einwohner haben schon lange reißaus genommen. Sie kommen nur hin und wieder vorbei, als Wirte oder Statisten für Leute wie uns.

Wolfgang Scherreiks, Moissac-Bellevue, im Oktober 2008

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