Foto: wscher / www.fahrradjournal.de

Schneesturm auf Usedom

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Ende Januar 2010 hatten wir eine dieser Villen in Bansin bezogen. Unweit davon tobte das Meer. Auf den Wellen trieben Eisschollen. Ein Schneegestöber sorgte dafür, dass bald keine Züge mehr fuhren. Als die wenigen verbliebenen Touristen, mussten wir natürlich durch den Schneesturm traben. Im Nachhinein lässt sich wunderbar darüber berichten. Zum Beispiel davon, wie wir uns an einer Geschichte wärmten, während wir selbst eine erlebten. Aber auch von der Ohnmacht der Wahrheit vor Richard Clayderman selbst an einem Doomsday oder wie man gefühlt zum Flüchtling wird. Schließlich geht es um einen bekannten Grund, eine Reise anzutreten: Um das Nachhausekommen.

Heute, am Samstag, brechen wir in Schneegriesel auf. Es ist windstill, die Ostsee dagegen tost, wie nie in meiner Erinnerung. Ich reibe meine Augenlider, schaue weg, schaue, wieder hin: Hier bleibt es windstill, auf dem Meer tobt der Sturm. Seit Wochen hat es geschneit, haben sich Dünen in elegant hingelegte Schneekörper verwandelt. Während wir spazieren, wird das Meer unverfälschter, kommt näher, eine Sturmwelle bricht gegen die Eisränder und klatscht auf den Schnee. An Land setzten Böen ein, ein stetiger Rhythmus, der uns gegen die Seebrücke treibt.

Der Himmel färbt sich bleich, dann schwarz, dann klappt das Licht ganz herunter und wir taumeln zusammen mit Seevögeln, Dreck, leuchtenden Splittern von Strandgut und Sandfunken gegen die Eisentreppe der Brücke. Kaum haben wir die unteren Stufen der Seebrücke erreicht, schnappen die Wellen zu. Unglaublich: gestapelte Wellen.

Oben auf der Brücke, drücken die Sturmböen uns fast vom Geländer. Die Balustrade führt uns auf das offene Meer oder ins nächste hässliche Lokal. Nur sich aufwärmen jetzt.


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Richard Clayderman verhindert die Wahrheit

Unsere Hosenböden sind nass vom Schnee, den uns der Wind hinterrücks nachgeschleudert hat. Die Gäste schauen erst aus dem Fenster, dann blicken sie sich erschrocken an. Jetzt –  im letzten Augenblick der Menschheit – könnten sie ihre Geheimnisse voreinander lüften, ihre Beziehungen klären. Aber die Kellner tun so, als merken sie nichts vom Geschehen und der Mann hinter der Bar lullt die Welt im alles entscheidenden Moment der Katastrophe mit der Ballade pour Adeline von Richard Clayderman ein. Jemand flüstert schmerzhaft: »22 million copies in 38 countries!« Unsere Gesichter verschwinden hinter unseren Teetassen, die Zungen werden pelzig. Wir kramen Goldmünzen hervor und legen sie auf den Tisch.

Vom Café aus brechen wir ins Dorf auf, um in einem Outdoor-Bekleidungsgeschäft nach wasserdichten Hosen zu suchen. Eigentlich das beste Wetter, um vom Spaziergänger zum Draufgänger zu reifen. Erst Händchen halten und verliebt – warum sonst auf eine Insel? – dann Wanderstöcke in den Händen und grimmig entschlossene Gesichter. Aufgrund unseres inuithaften Aussehens – Schneereste auf Augenbrauen! – nimmt man uns von vornherein für voll. Drinnen erzählt die Angestellte, dass andere Filialen ihres Extremwitterungsgeschäfts gar nicht öffnen konnten, weil die Angestellten es unter den extremen Wetterbedingungen nicht geschafft hätten, die Filialen zu erreichen. Dazu zupfen wir missbilligend an Spezialhosen und -jacken herum und finden das Passende nicht oder das Passende ist uns gerade zu teuer und wir verbergen das hinter unseren Expertengesichtern.

Als wir aus der Tür kommen, schreit uns das Zeitungsgirl des Dorfes entgegen, dass wir uns besser auf den Weg nach Hause machen sollten, im Radio hätten sie Katastrophenalarm ausgerufen. Als Helden missbilligen wir das nur.

Wir verlassen das Geschäft und laufen die Dorfstraßen hoch, Fahnenmasten klirren, der Wind heult wie in den Jack-London-Verfilmungen meiner Kindheit. Der Schnee ist in Minuten verweht, sodass wir unseren Ausgangspunkt nicht mehr erkennen können, plötzlich jede Ecke anders aussieht als in der Sicherheit vorhin, bis das Dorf eine weiße Geisterstadt ist.


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Wie refugees in orbit

In die Schaufenster können wir nicht mehr hineinschauen, weil sie zugeschneit oder vereist sind. Einmal rütteln wir an der Tür eines Cafés, ein Junge kommt heraus und sagt, er hätte Anweisung erhalten zu schließen, wegen des Schneesturms.

»Tut mir leid für Sie.«

So beschließen wir nach Bansin umzukehren. Noch einmal wärmen wir uns kurz in der Halle des Maritim Hotels, stehen im Foyer herum, in Skihandschuhen, Mützen, Schals und Kapuzen und zuckten mit den Schultern wie refugees in orbit. Dann machen wir kehrt und ziehen wieder los.

Diesmal gehen wir nicht am Meer entlang, sondern auf der Promenade oben. Manchmal luge ich durch die Öffnungen des Deiches. Zwischen diesen Zugängen liegen Schneeverwehungen, die Ähnlichkeit mit japanischen Zeichnungen aufweisen. Über der Linie sehe ich tatsächlich eine Welle steigen. Aus irgendeinem Grunde blau. Dagegen leuchten unsere Gesichter krebsfarben. Ein Moment der Stille.

Dann laufen wir gegen den Sturm. So einen Gang durch den Schneesturm habe ich noch nicht erlebt. Jetzt sehe ich nicht mehr, als einen weißen Ausschnitt unter unseren Füßen und denke an fliegende Dachpfannen und Kiefernzweige. Ich höre nichts, außer das Rauschen des Windes und des Meeres. Schneekörner picken wie Eisnadeln in unseren Gesichtern herum. Und Gesicht, Hände, Knie und Füße werden nass und klamm. Wie immer ist es das Später, ein Danach, was einen vorantreibt. Schließlich haben wir ja doch irgendwo ein bürgerliches Lager, ein Zuhause, eine warme Aussicht, also gehen wir immer weiter.

Um uns aufzuwärmen, stecken wir die Köpfe zusammen und ich erzähle meiner Frau die Geschichte des Mannes, der vor seinem Haus Schnee schippte:

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Die Geschichte des Mannes, der vor seinem Haus Schnee schippte

»Seine Finger- und Zehenspitzen frieren, seine Ohren brennen. Für eine Weile probiert er es noch, weiter zu arbeiten, dann unterbricht er, stützt sich auf die Schaufel ab, und mit angehaltenem Atem spioniert er plötzlich sein eigenes Fenster aus. Der intime Kamin, ein unter Eisblumenfeldern verschwommener Beleuchtungskörper oder ein Stück vom Bücherschrank, locken ihn immer näher heran, bis er sich schließlich die Nase vor dem Fenster platt drückt. Mit einem Finger reibt er Eisblumen vom Fensterglas und schafft sich ein winziges Guckloch. Die Wohnzimmerwelt stellt sich schlafend. Das Feuer im Kamin glüht in sich selbst versunken. So untersucht er den eigenen Bücherschrank. Drei Bände fehlen. Tatsächlich. Ausgerechnet das Erotikon fehlt! Über Weihnachten also das Erotikon, sagt er sich. Seine Frau liest also doch heimlich die Bücher, die er ihr empfohlen hat. Aber das darf er natürlich nicht wissen. Außerdem ist er ein Fremder, der zum ersten Mal sein eigenes Wohnzimmer betrachtet. Er hat keine Ahnung, ob seine Frau unbeobachtet in den Raum treten könnte. Er wünscht es sich aber. Sie oder eine andere. Oder ein luftiger erotischer Geist, der in das Wohnzimmer aufsteigt, wie manchmal der Duft einer Haut. Seine Spannung sinkt bis in den Unterleib hinein. Und da er auch darauf gefasst sein muss, selbst beobachtet zu werden, steigert sich seine Erregung noch einmal und wärmt ihm Knie, Waden und Füße.

Wenn ich so wohnen könnte, denkt er, einen anderen denkend, dann … Eine unfassbare Sehnsucht nach einer anderen, nach seiner Welt also, überkommt ihn. Wenn er doch bloß in diesem Haus wohnen könnte, denkt er, den anderen denkend, mit fanatisch leuchtenden Augen.

Für eine Weile funktioniert das Auseinanderreißen der eigenen Wirklichkeit, das Wünschen und das absichtlich hinausgezögerte Begreifen, dass sich seine Sehnsucht doch längst erfüllt hat und er ja selbst in seinem Wunschhaus wohnt, seit, sagen wir, fünfundzwanzig Jahren schon. Dann reißt er sich vom Fenster los. Sein Gesicht lässt sich mittlerweile nur sehr langsam bewegen. Eine beruhigende Gefühllosigkeit legt sich von außen darauf. Seine Zehen sind nass und klamm. So steht er vor seinem gut beheizten Haus und zögert weiter, bis er schließlich sagt:

»Ich muss hinausgehen und mein Haus von außen betrachten, bis ich mich so sehr danach sehne hineinzukommen, dass es keine Frage mehr ist, ob ich es darin aushalten werde. Erst an diesem Punkt kann ich meine den herabfallenden Schnee betreffend völlig sinnlose Arbeit beenden.«

Von einer Sekunde auf die andere wirft er die Schneeschaufel achtlos hinter dem (sinnlos aufgetürmten) Schneegebirge und stürmt in sein Haus, wo ihn die Hitze umarmt, wie ein lang entbehrter Körper …«

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Coming home

Noch in der Erzählung kommen wir auf die Dorfstraße nach Bansin herunter. Dort sieht es ähnlich aus, wie im Dorf davor. Nichts ist wiederzuerkennen. Alles liegt unter wellenförmigen Schneedecken. Wir sinken bis zu den Knien in den Schnee und erreichen die Zivilisation: einen Supermarkt! Oder eine Halle unter Leuchtstoffröhren. Oder auch:  Ein leuchtendes Neonlicht-Happy-End.

Als wir Schal und Mütze abnehmen, kleben überall Eiskörner. Wir kaufen ein, um es uns später gemütlich zu machen. Dann kommen wir nach Hause und machen es uns gemütlich. Wir trinken Tee, essen Brot und pommerschen Tollatsch. Wir schauen durch eine Dachluke, wie der Schnee kreist und der Sturm wütet. Im Lokalfernseher laufen »Die großen Katastrophen des Nordens«. Der Untergang der Wilhelm Gustloff 1945, dann die große Schneekatastrophe im Winter 1978/79 auf Rügen. Zum Nachtisch wollen wir endlich die uns betreffenden Nachrichten, die eigene Katastrophe im Fernsehen betrachten.

Es wird über jede Insel und jede Hallig, über die großen Ereignisse auf dem weiten Festland und aus der ganzen Welt berichtet, nur nicht über unsere Katastrophe. Als würden wir, nach all dem!, noch immer nicht existieren. In solchen Momenten setzt du dich hin und schreibst es selber auf.

Bansin, den 30. Januar 2010

Wolfgang Scherreiks / Fotos: wscher

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