Randsport

Fahrraddiebe

Drei Mal bin ich umgezogen, aus dem Vorderhaus in die Hinterhöfe, aus dem Mittag in den Schatten hinein. Wenn ich wie heute in unsere Spazierstraße zurückkehre, ertappe ich immer jemanden, der gerade einen Preis auf einer Tafel durchstreicht und einen beherzteren darübersetzt. Mit viel Liebe und Bewusstsein, die Zungenspitze zwischen den Zähnen, als sitze er über seinem Steckenpferd.

Lange Zeit führte die Spazierstraße, sozusagen noch aus dem Krieg heraus, auf eine schwarz-weiße Linie mit Einschusslöchern in den Hauswänden. Mittlerweile ist sie eine lichtüberflutete Postkarte. Am oberen Rand leuchtet ein Photoshophimmel, der noch über das Blau des Malers Cézanne triumphiert. Schon morgens sitzen klasse Typen in den Cafés. Sie zeigen ihre Budapester her und gähnen, als sei ihre Essenz ein ewiger, unzerstörbarer Urlaubstag. Abends komme ich erschöpft dazu und sage »gut, machen wir Urlaub«. Ich falle in einen Stuhl, da ist es schon zehn. Um zehn Uhr kommt neuerdings ein Studentenkellner und komplimentiert mich frech hinaus, verrammelt die Türen und klappt den Bürgersteig hoch.

Wie die Gastfreundschaft den Ureinwohnern gegenüber abhandenkam, darüber gibt es natürlich verschiedene Theorien. Die berühmteste ähnelt der Geschichte der Inuit, die entdeckt, begafft und dann vertrieben wurden. Nur der Troubadour, der vor der Markthalle Bob-Dylan-Lieder singt, hat behauptet, dass eines Tages die Schaufensterpuppen aus den Auslagen gestiegen seien. Seither würden sie die Straße bevölkern, mit all ihren Prophezeiungen. Das verführte die Touristen dazu, herzukommen. Und die Cafés fielen auf das Gold der Touristen rein und so weiter und so fort. Jedenfalls haben überall Cafés aufgemacht wie in Rom oder Paris und ich habe kaum eins für mich gefunden, so wie ich früher eins hatte, als die Spazierstraße noch schlief.

Ein billiges Lokal, das wir wertschätzen

Eine Ausnahme bildet der Clan der türkischen Frauen. Hier treffe ich mich gleich mit meinem Sohn. Ein billiges Lokal, das wir hoch wertschätzen. Jedes Mal, wenn wir dort an einem Tisch sitzen, mit erhobenen Nostrillen und einer Serviette um den Hals, lesen wir uns ernsthaft durch einen klebrigen Zettel. Wenn unsere Köpfe über der Speisekarte auftauchen, schauen wir neugierig und abgeklärt in das Dekolleté der Kellnerin. Aber dann bestellen wir doch nur Spaghetti …

Mein zitronenfarbenes Postfahrrad habe ich zwischen zwei Cafés gelassen. Von dort aus sind es nur wenige Minuten zu Fuß und ich sehe, dass mein Sohn bereits vor dem Lokal wartet. Wir umarmen uns nie. Jedes Mal, wenn wir uns wiedersehen, nicken wir uns kurz zu und beugen mehrmals die Köpfe wie zwei Chinesen. Schließlich nehmen wir Platz und verkriechen uns sofort unter die Speisekarten.

Außer den Spaghetti mit Tomatensoße bestellen wir noch eine Untertasse geriebenen Parmesankäse und eine kristallklare Wasserflasche. Gewöhnlich plärrt ein Liebeslied aus den Lautsprechern, dazu schenke ich aus der Wasserflasche ein. Erst dann frage ich, wie es ihm geht.

Mein Sohn runzelt die Stirn und verzieht seinen Mund. Mit dem Blick über die dampfenden Nudeln auf der Gabel träumt er sich fort von hier. Versuchsweise folge ich seinem Blick durch das Schaufenster. Für mich liegt dort drüben nichts weiter als die andere Seite der Straße, auf der eine Geschäftsfrau genervt Schuhe sortiert. Sie stapelt sie auf einem Regal, die Hälfte fällt wieder herunter, sie reißt die Arme hoch, anschließend geht sie in die Hocke, um die Schuhe wieder einzusortieren. Während sie das einige Male wiederholt wie ein verbissenes Lebenskonzept, plappere ich drauf los: dass ich ab morgen wieder Zeitungen austragen werde, leider am anderen Ende der Stadt.

»Ich könnte dir etwas zu deinem Geburtstag kaufen.«

»Si«. Mein Sohn spricht auch Spanisch. »Aber du kannst dir nicht einmal die Straßenbahn leisten!«

»Das bedeutet nichts. Ich habe immerhin mein Fahrrad.«

»Gut. Dann kauf mir einen schwarzen Hund.«

»Warum einen Hund?«

Er zuckt mir den Schultern.

»Nada.«

Er spricht Spanisch, seit sich meine frühere Frau etwas nach Spanien orientiert hat. Es geht mich nichts an, es reicht, dass er diese Sprache spricht.

Nach den Spaghetti schenkt uns die Kellnerin türkische Süßspeisen. Mein Sohn steckt sie alle zugleich in den Mund. Ich lächele, zusammen mit der Kellnerin, während wir den vollgestopften Mund des Kindes betrachten. Dann zahle ich und nehme meinen Sohn an die Hand. Wenige Minuten später wird mir drückend heiß. Es ist nicht, weil ich das Kind einlade und dabei so gut wie pleite bin. Es ist, weil wir zu der Stelle kommen, an der ich mein Fahrrad abgestellt habe.

»Es stand genau dort, zwischen den beiden Cafés.«

»Sicher?«

»Aber ja doch.«

Mein Sohn schweigt und schaut hoch zu mir. Ich glaube, er nimmt mich ins Visier. Erst jetzt ist es mir peinlich, dass ich pleite bin. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie es wohl ohne Strom wäre oder ohne Gas. Manchmal, wenn es einen Ausfall gibt, weiß man schon, wie es einem dann ergeht. Der Kühlschrank beginnt zu schwimmen oder man zieht ein paar Pullover über und packt klamme Wolldecken ins Wohnzimmer. Dass ich ohne mein Fahrrad so schachmatt bin wie in diesem Augenblick, hätte ich nie vermutet. Wie soll ich jetzt meine Arbeit antreten?

»Du könntest schwarzfahren«, sagt auf einmal mein Sohn.

»Nein, nein. Fahre ich schwarz, werde ich bestimmt angezeigt.«

Ich schaue ihn an, er dreht den Kopf weg.

Es kommt nicht oft vor, dass ich meinen Sohn begegne. Das liegt nicht etwa daran, dass ihn meine Frau vor mir versteckt hält. Tatsächlich halten wir uns beide voreinander versteckt und sind gar nicht so unzufrieden damit. Wahrscheinlich reichen die kurzen Begegnungen aus, sich einander etwas vorzuspielen.

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Fahr­rä­der gibt´s hier auch?

Ein Typ, der eben noch vor einem der beiden Cafés direkt bei meinem Fahrrad gesessen haben muss, will lässig über den Zaun entkommen, der den Fußweg von der Straße trennt. Als er mit seinem Jackett hängen bleibt, spreche ich ihn an:

»Mein Fahrrad ist weg. Haben Sie etwas gesehen?«

Seine Stimme ist unheimlich laut.

»Ein Fahrrad? Nein. Fahrräder gibt´s hier auch? Ach, so.«

Damit macht er sich los, steigt in einen eckigen Wagen und braust los.

Neben dem Café gibt es einen Obst- und Gemüseladen. Ein altes Ehepaar kommt heraus. An den Armen des Mannes zerren Einkaufstaschen. Aus der einen wächst Möhrenkraut, aus der anderen winkt ein Lederhandschuh. Der Mann nickt nur immerfort. Ich weiß nicht, ob das ein Alterstick von ihm ist oder eine fortwährende Zustimmung. Vielleicht seiner Frau gegenüber. Sie ist diejenige, die spricht:

»Nein, wir haben kein zitronengelbes Fahrrad gesehen. Aber das man alles klaut, ist kein Wunder.«

Wenn sie spricht, hält sie den Kopf schief. Ich mache es ihr nach, mein Sohn imitiert mich sofort.

»Warum ist das kein Wunder?«

»Das liegt an den illegalen Einwanderern. Die nehmen uns alles weg.«

»Ach, so.«

»Das finden Sie wohl auch noch gut?«

»Nein …«

»Dann sind wir uns ja einig.«

»Nein, warten Sie mal …«

Ich rücke meinen Kopf wieder zurecht, mein Sohn macht es nach. Aber sie drehen sich nicht mehr zu uns um. Die Leute sagen etwas und entwischen einem sofort. Das Gesagte bleibt wie eine übel riechende Tatsache in der Frühlingsluft hängen. Dann gehen sie, als müsse man Mitleid mit ihnen haben. Sie gehen sogar extra in Zeitlupe. Der Mann nickt ihr hinterher und bewegt sich auf diese Weise fort.

Kaum sind sie außer Sicht, tritt ein weiteres Paar auf. Diese beiden sind wesentlich jünger und schauen uns belustigt an. Vielleicht ist das der Blick, mit dem sie Inuit anschauen würden. Ich hätte sie bestimmt niemals angesprochen. Doch mein Sohn zerrt an den Bio-Einkaufstüten der Frau.

»Es ist nämlich so, man hat ihm sein Fahrrad geklaut.«

Der Mann lacht:

»Na, dann soll er sich mal ein hübsches neues kaufen.«

Damit zieht er seine Frau am Ärmel in die eine, während mein Sohn sie an ihrer Einkauftüte in die andere Richtung zieht.

»Ja, warum kaufst du dir nicht einfach ein neues Fahrrad?« fragt mein Sohn.

Die Frau bringt sich ins Gleichgewicht und legt eine Fingerspitze an die Lippen.

»Wir brauchen mehr soziale Kontrolle.«

Der Mann sagt:

»Ja, genau. Und falls Sie kein Geld haben sollten, nun, es gibt für jede Lage die passende Lösung. Nehmen Sie doch einen auf Sie zugeschnittenen Kredit auf. Ganz individuell.«

»Wahrscheinlich hast du recht«, sagt die Frau. »Ganz individuell.« Und lächelt glücklich. Beide machen sich auf ihren Weg.

An dieser Stelle möchte ich mit niemandem mehr sprechen. Ich kann mir selbst nicht mehr vorstellen, dass es noch Leute gibt wie mich. Zeitungsausträger, die ihr Fahrrad brauchen, um Geld damit zu verdienen. Was ist eigentlich aus all den Typen von früher geworden? Wo sind die hin?

Wir schlendern durch die Spazierstraße und schauen uns die abgestellten Fahrräder an. Wer sich so intensiv Fahrräder anschaut wie wir, macht sich selbst verdächtig. Vor einem schönen englischen Rad bleiben wir stehen. Es hat vier Schlösser: eines für den Rahmen, eines für den Ledersattel, je eines für Vorder- und Hinterrad. Jemand schiebt uns beiseite.

»Na? Das soll wohl ein Trick sein, der Trick mit dem kleinen Jungen, was?«

Ein großer, schlanker Typ mit schottischer Mütze und blauer Brille auf der Nase hat Schlüssel für alle Schlösser, öffnet sie nacheinander und schiebt mit seinem Fahrrad davon.

Er hat es nicht einmal nötig zu fahren, er schiebt.

»So ein Angeber, was?«

Mein Sohn zuckt nur mit den Schultern und sagt:

»Wir könnten doch wirklich eins klauen!«

Ich rümpfe die Nase.

»Ja, vielleicht. Vielleicht könnten wir das«

»Ja, klauen wir eins, olé, olé!«

Er hüpft ganz aufgeregt.

Wir sind nur Zuschauer

»Moment mal, das ist rein hypothetisch, ja? Wir reden nur.«

»Noch.«

»Ja, noch.«

Mir kommt in den Sinn, früher, da hat man vom Pferdestehlen gesprochen, wenn man von Freundschaft sprach. Und ein Fahrrad wird ja auch Stahlross genannt. Also beobachten wir die Straße, rein hypothetisch. Die Ellenbogen am Geländer, die Knie leicht dagegen gelehnt. Eine Straße zu beobachten ist nicht kriminell. Wir sind nur Zuschauer, und alles kommt wie eine Parade daher: Hochrotkopfradler, die nie anhalten können und denen der Schlüssel noch im Rücken steckt, mit dem man sie aufgezogen hat; Beamte wie Wüstenkamele, mit wippendem Kopf; Mütter mit Fahrradkinderwagen, ehrgeizig wie Römerinnen beim großen Wagenrennen, traumwandlerische Feinschmecker mit Goldrandbrillen, die irgendwie auch wie Literaturkritiker aussehen und so ein Lächeln haben, als hätten sie in der Stunde ihrer Initiation den Zugang zum Paradies geknackt. Eine Frau im Sommerkleid …

Die Frau im Sommerkleid stellt ihr Rad ab, ohne es anzuschließen. Vielleicht sie ist verliebt. Sie rauscht heran, lässt alles stehen und liegen, hält ihre Stofftasche an nur einem Träger, zieht die Schuhe lässig nach. Sie raucht eine Zigarette, steil aufgerichtet, irgendwie in die Zukunft hinein und ist auf dem besten Wege von dem Café Das Schwappen einer Welle verschluckt zu werden. Ich mache das Geräusch dazu: »Schschsch…« Mein Sohn tritt mir gegen das Schienbein.

»Die!«

»Was?«

»Na die. Sie hat ihr Fahrrad nicht angeschlossen.«

»Nein.«

»Warum nicht? Sie ist selbst dran schuld.«

»Sie ist nur verliebt.«

»Na, eben.«

»Lass uns lieber noch einmal zurückgehen.«

»Nein, das ist doch langweilig. Schau mal, da!«

Ein Polizist kommt uns entgegen und prüft die Äpfel vor dem Ost- und Gemüseladen.

»Wir müssen eine Anzeige machen.«

»Auf einmal! Erst selbst ein Dieb sein wollen, dann einen Dieb anschwärzen.«

Wir gehen noch einmal die Spazierstraße hinunter, irren uns in einem Torbogen, verschwinden in einem Hinterhof, kommen wieder heraus. Und dann wird mir noch einmal ganz heiß. Automatisch muss ich meinen Sohn umarmen, ebenso automatisch gibt sein Körper nach. Alles hier sieht jetzt so idiotisch gleich aus, warum bin ich nur so auf das Besondere fixiert?

Mein zitronengelbes Postfahrrad! Dort! Zwischen den anderen beiden Cafés …

Wolfgang Scherreiks / Zeichnung: Joel Cairo

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