Mit dem Fahrrad in Tweedgarderobe durch die Stadt fahren, ein stilechtes Picknick, später ein Tänzchen. Seit in London 2009 der erste Tweed Run stattfand, breitete sich das einfache Format rasch aus. Auf London folgten Städte wie Paris, San Francisco, Toronto, Sydney, Tokyo oder Riga. Berlin ließ etwas auf sich warten. Am 18. September 2011 ist das Warten vorbei.

Es ist nicht lange her, da wurde auf diesen Seiten spekuliert Wann kommt der Tweed Run nach Berlin? Noch im April lag Oldenburg der Hauptstadt voraus. (Jeder Norddeutsche ist eigentlich Engländer) Doch ausgerechnet in der Stadt, die keinen großen Karneval, ersatzweise jedoch Umzüge und heutzutage eher friedliche Paraden kennt, fand sich bisher niemand, der sich der Sache bis zum Erfolg annahm. Dabei kann sich kein Berliner Theaterabonnent vor Kabaretts und Revuen der zwanziger Jahre retten. Schon länger kann man in Isherwoods »Cabaret-Stadt« wieder im Charlestonkleid oder Nadelstreifensmoking zu Nostalgie-Partys erscheinen.

Unter dem Namen »Tweed Day« kommt jetzt also auch der Tweed Run nach Berlin. Auf der Website des Veranstalters wird ein »vergnüglicher Ausflug, eine Demonstration zur Pflege der Fahrradkultur (und ausdrücklich kein sportliches Rennen)«, angekündigt. Offenbar rechnet man mit rund 200 Teilnehmern, die »daran erinnern, dass es Zeiten gab, in denen es selbstverständlich war, das Fahrrad als Verkehrsmittel ernst zu nehmen.« Der Tweed Day ist auch als politische Demonstration angemeldet. »Wir wollen das Fahrradfahren als kulturell wertvollen Teil des Alltagslebens sichtbar machen, das Fahrrad als Verkehrsmittel zeigen und nicht als Sportgerät und für einen guten Stil auf dem Rade Farbe bekennen«, so das Statement des Veranstalters.

Die Inspiration dazu geht diesmal vom Westteil der Stadt aus. Vielleicht ist mit Dirk deGünther, der in Berlin-Charlottenburg ein Geschäft für handgefertigte Fahrräder betreibt, der richtige Anstifter gefunden. Einer, der die Idee des Tweed Run über den Tellerrand eines langweiligen Mitte-Events und ohne übertrieben kommerzielle Verwässerung hinausträgt. »Sich ein Fliegchen binden, die Schühchen noch einmal gelackt« lautet die conférenciergerechte Einladung zum Lesen unseres Gesprächs mit ihm.

Was ziehe ich nur an?

Wer nicht gerade zur gut ausgestatteten Nostalgiker-Szene gehört, mag sich die Frage stellen: Wie finde ich die passende Kleidung für einen Tweed Day? Nach einer Savile Row wie in Londons Mayfair wird man in Berlin vergeblich suchen. Dafür sind Schneider und gute Second-Hand Läden durchaus vorhanden. Zum Beispiel – um im Westteil der Stadt zu bleiben – um den Savignyplatz herum.

Wer kein Anzugträger ist, sollte sich auch nicht gleich in einen Anzug hineinstellen, wie ein Geschenk in Papier, dessen Bewunderer zwanghaft nach Preisschildern blinzeln. Uniform ist nicht unbedingt Boheme. Durchaus vertragen die Garderobe der Lady und des Gentleman manche Brüche. Heißen die Accessoires auch Knickerbocker, Fahrrad-Cape, Tweed-Kostüm oder Schiebermütze. Exakt definiert nach Stil und Jahreszahl ist das Tweed Run-Format ohnehin nicht.

Letztendlich muss nach Ermessen kombiniert werden, um so schön zu lesende Formulierungen wie die von der »Tweed Day Cycle Boheme« mit Typus, Inhalt und Originalität zu füllen. Anregungen nach Londoner Vorbild finden sich in dem Fotolink am Ende dieses Artikels.

Ein historisches Fahrrad dagegen braucht es nicht zwingend. Zwar wird um Tweed-Kleidung gebeten, zum Ausflug werden jedoch alle Fahrräder zugelassen. Unkompliziert erscheint auch die Registrierung. Für die Teilnahme an den  Tweed Day-Wettbewerben reichen  Schärpe und Hupe, die für zusammen 6,00 Euro in ausgesuchten Stores erhältlich sind.

 

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Five´o´Clock Tea im Tiergarten, Tanz in Clärchens Ballhaus

Wie auf der Webseite des Veranstalters angekündigt, findet die Tour am 18. September 2011 statt. Treffpunkt ist um 13.00 Uhr am Gendarmenmarkt. Hier befinden sich die breiten Treppen, die zum typischen historischen Gruppenbild einladen. Die Fahrt beginnt um 14.00 Uhr und führt durchs Brandenburger Tor über Unter den Linden in den westlichen Teil bis Charlottenburg und retour – inklusive Picknick und Five’o’Clock Tea im Tiergarten. Später laden »Louise Gold und die Herren Quarz« sowie D-Jane Swingin’ Swanee zum Swing in Clärchens Ballhaus ein. Hier finden auch die Preisverleihungen in Kategorien wie »Best mustache/men or women«, »Best period outfit« »Best period bicycle«, »Best cap« oder »Best footwear« statt.

Wie der Tweed Day in Berlin tatsächlich aussehen wird, wissen wir natürlich nicht. Abschließend soll deshalb der Blogger Mark Ames (I-bike-London) zu Wort kommen, der den Tweed Run London 2010 so erlebte: »London fühlte sich an wie die freundlichste Stadt der Welt, die Touristen gafften und machten Fotos, als wir vorüberkamen, die Leute jubelten und applaudierten, Kinder schauten mit großen Augen, während das Spektakel immer weiterzog …«

Text: wscher / Fotos: deginder cycle promotion, Wikipedia

 

Infos: Tweed Day Berlin, Fotos vom Tweed Run London, Charming Syles, Louise Gold & die Herren Quarz

 

Mehr zum Thema: Gespräch mit Dirk deGünther über den 1. Tweed Day Berlin