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Die „Bande“, die alles ins Rollen brachte: Erstmals Tweed Day in Berlin

Vom Tweed Run ist hier die Rede. Aber nicht von dem in London. In Berlin heißt der Tweed Run Tweed Day. Der erste ist soeben absolviert. Und weil das Ursprungsland des Gentleman ausreichend personelle Ressourcen vorhält, verdient die Berliner Initiative einen besonderen Respekt.

Es ist der 18.09.2011. An diesem Sonntag versammelt sich gegen Mittag eine distinguierte Gruppe auf dem Berliner Gendarmenmarkt und bekommt sofort die Aufmerksamkeit der Touristen: Herren in Tweedsakkos, Knickerbockers, Schiebermützen und mit Schnurrbärten. Damen in der Mode der zwanziger Jahre. Kinder, die just aus alten Filmen entsprungen sein könnten. Fahrräder, die bald hundert Jahre alt sind.

Falls es jetzt noch an melancholischem Glanz fehlt, dann ist es der Regen, der das Bild atmosphärisch glatt streicht. Die Versammlung nimmt die Zugabe gelassen und hat Grund dazu: Manch hypothetischer Radfahrer könnte heute Morgen bereits vom Blick aus dem Fenster besiegt worden sein. Da wusste der Tweedträger längst, dass seine Garderobe der Feuchtigkeit standhalten wird. Bevor der Landadel den Soff adaptierte, handelte es sich um die Funktionskleidung einfacher Leute, die draußen arbeiten: Schäfer, Fischer oder Bauern. Zusätzlich kommen heute Regenschirme zum Einsatz und siehe: wenig ist anmutiger als „Dame mit Regenschirm auf Fahrrad“.

 

Das ganz große Hallo der Passanten fällt natürlich ins Wasser. Abgesehen von den ewigen Japanern, die sich über das kostenlose Fotomotiv am Brandenburger Tor freuen, wagen Einheimische den Sprung über Pfützen hauptsächlich, um am Berliner Wahlsonntag ihr Kreuz zu machen.

Korrekt, vielleicht ein Quäntchen zu korrekt, veloflaniert die (Ladys &-) Gentlemenparade über die Radspuren Richtung Tiergarten und Charlottenburg. Selbstverständlich hält man vor roten Ampeln, selbstverständlich reißt man deshalb immer wieder auseinander. Immerhin bietet sich so Gelegenheit, quer durchs Feld zu plaudern: Über das selbst restaurierte Rad mit eingebauter Taschenuhr, über die Freude, dass der Tweed Day endlich stattfindet, über die persönliche Anglophilie. Dazwischen auch einmal der stolze Fingertipp auf das Emblem im Innenfutter des Sakkos: »Harris Tweed«. Angenehm, dass ansonsten weder Sponsorenwimpel noch stalkende Promoter die Jungfernfahrt stören.

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Über den Kudamm kehrt der Zug in den Tiergarten zurück. Nach einem Schluck Gin, einer heißen Tasse Tee oder mit einem Stück Kuchen in der Hand ist es mit dem noblen Beschnuppern vorbei. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen sich kennen und kommen in Schwung. Das ist gut so. Später wird es standesgemäß Richtung Clärchens Ballhaus gehen.

In dem Augenblick, in dem das obligatorische Picknick beginnt, legt der Regen noch einmal kräftig nach. Mitnichten ein Grund die Fassung zu verlieren. Wer einmal beim Tweed Day dabei ist, der hält durch. So ist das mit den Visionen: sie produzieren charmante, trotzige Helden. Noch sind es etwa dreißig. Schon im nächsten Jahr könnten sie die „Bande“ sein, die alles ins Rollen brachte.

Dass der Tweed Day regelmäßig stattfindet und dass es mehr Teilnehmer sein werden, darüber sind sich hier alle einig. Es gibt auch keinen Grund daran zu zweifeln. Es gibt allen Grund zur Vorfreude auf den nächsten Tweed Day hier in Berlin. Nur das Wetter braucht sich vielleicht nicht ganz so britisch zu geben. Oder man hält es gleich wie Gilbert K. Chesterton: »And when it rains on your parade, look up rather than down. Without the rain, there would be no rainbow.«

Text: wscher / Fotos: jeltschin

Mehr: Fotos auf der Website des Tweed Day Berlin


Tweed Day Berlin 2011



 

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